Win-Win-Situation: Wenn Asylwerber länger in die Lehre dürfen

Blog13. April 2013, 18:46
247 Postings

Sozialminister Hundstorfer ermöglicht Flüchtlingen bis 25 Jahren eine Lehre. Die Bedenken des Innenministeriums und die Befürchtungen der FPÖ gegen den Erlass sind haltlos

Als "bedenklich" hat ein Sprecher von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) diese Woche den Erlass Sozialminister Rudolf Hundstorfers bezeichnet, der jugendlichen AsylwerberInnen den Start einer Lehrausbildung bis zu ihrem 25. Geburtstag erlaubt, wenn in den betreffenden Berufen Lehrlingsmangel besteht. Als Begründung nannte der Mikl-Leitner-Mitarbeiter die "Lage auf dem Arbeitsmarkt".

Diese ist bekanntlich nicht gut: Im März ist die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vormonat vor allem bei den Männern stark angestiegen - und hier wiederum vor allem in der vom langen Winter gebremsten Baubranche. Auch insgesamt waren im März 2013 um zehn Prozent mehr Menschen ohne Job, aber auf Jobsuche, als im März 2012, also ein Jahr davor.

Nun wäre es vom arbeitsmarktpolitischen Standpunkt (*1 - Erklärung siehe unten) aus tatsächlich höchst kontraproduktiv, in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit zusätzliche KonkurrentInnen um die zur Verfügung stehenden Jobs zuzulassen. Doch auch, wenn man es im Büro der Innenministerin offenbar so sehen möchte: Diesen Effekt hat der Hundstorfer-Erlass keineswegs.

Kein Jobklau

Tatsächlich werden AsylwerberInnen unter 25 Jahren, die jetzt eine Lehre machen, keinem einzigen inländischen oder in Österreich lebenden ausländischen Jugendlichen den Ausbildungsplatz wegnehmen – und keinem Arbeitssuchenden den möglichen Job. Erstens weil sie durch den Erlass keinen Zugang zu Jobs, sondern zu Berufsausbildungsplätzen bekommen.

Und zweitens, weil Lehrlinge in vielen Branchen händeringend gesucht werden, da in Österreich vielerorts ein akuter Lehrlingsmangel besteht: In Wien zum Beispiel gibt es laut einer aktuellen Auflistung des Arbeitsmarktservice derzeit gleich 30 Lehrlingsmangelberufe (*2).

Nun ist es im ersten Denkanlauf vielleicht schwer, zu verstehen, warum es gleichzeitig immer mehr Jobsuchende und immer weniger geeignete BerufsanfängerInnen gibt. Nur: Den diesbezüglichen Erklärungen ausweichen und aus dem Lehrlings- flugs einen Lehrstellenmangel machen, ist eindeutig nicht zielführend: "Der Erlass bezüglich Lehre für junge Asylwerber ist angesichts der dramatischen Jugendarbeitslosigkeit und des akuten Lehrstellenmangels ein völlig falsches Signal und wuchtiger Fausthieb ins Gesicht einheimischer Jugendlicher", verschrieb sich etwa der Wiener FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus.

Vielschichtige Ursachen

Tatsächlich sind die Ursachen der widersprüchlichen Job-/Lehre-Situation vielschichtig. Das Jobproblem hat unter anderem mit der schwächelnden Konjunktur nach den Sparpaketen infolge der Banken- und Schuldenkrise zu tun. Aber gleichzeitig unter anderem auch mit dem Umstand, dass es aufgrund von Rationalisierungen und Arbeitsplatz-Auslagerungen in Länder mit niedrigen Löhnen in Europa immer weniger Arbeit gibt, von der Menschen leben können. Das heißt: Zu tun gäbe es genug, aber es gibt keine/n, der/die das existenzsichernd bezahlt.

Im Lehrlingsmangel wiederum bilden sich neben anderem die in den vergangenen Jahrzehnten gesunkenen Geburtszahlen ab: Es gibt schlicht immer weniger junge Leute im typischen Berufsausbildungsalter – und die, die es gibt, scheuen anstrengende Berufe mit mittelmäßigen Lohnaussichten, deren Zukunft angesichts der Rationalisierungstendenzen zum Teil außerdem ungewiss erscheint. Etwa in der Bäckerbranche, die von Nachtarbeit geprägt ist und wo der Trend eindeutig in Richtung Großbäckereien geht, die vor allem Hilfskräfte einstellen.

Auch Defizite des Schulsystems drücken sich im Lehrlingsmangel aus. Viele Pflichtschulabgänger können nicht richtig lesen und rechnen – und sind darüber hinaus extrem demotiviert: wohl ein Symptom tieferer gesellschaftlicher Probleme.

Doppelter Vorteil

Angesichts all dessen hat sich Sozialminister Hundstorfer entschlossen, den Kreis potenzieller Lehrlinge zu erweitern. Und er hat jungen AsylwerberInnen einen etwas breiteren Zugang zu Ausbildungen eingeräumt, nachdem sich die davor geltende Regelung, die AsylwerberInnen einen Lehrstart bis 18 Jahre erlaubte, als zu eng gefasst herausgestellt hatte. Das nutzt den Flüchtlingen ebenso wie den lehrlingsuchenden Firmen. Kein Grund also für Bedenken, im Gegenteil. (Irene Brickner, derStandard.at, 13.4.2013)

Erläuterungen zum Text

*1: Auch wenn das Thema AsylwerberInnen und Arbeit in diesem Blogeintrag allein aus dem Arbeitsmarkt-Blickwinkel betrachtet wird: Dieser allein ist zu eng. Vielmehr ist es eine menschenrechtliche Vorgabe (und wird derzeit in einer EU-Richtliniennovelle so kodifiziert) sowie eine Frage der Würde von Flüchtlingen, AsylwerberInnen spätestens ein halbes Jahr nach Verfahrensbeginn Arbeitsmarktzugang zu gewähren.

*2: Bäcker/in, Binnenschiffer/in, Denkmal-/Fassaden- und Gebäudereiniger/in, Dreher/in, Einzelhandelskaufmann/-frau – Feinkostfachverkauf, Einzelhandelskaufmann/-frau – Lebensmittelhandel, Fleischverkäufer/in, Fleischverarbeiter/in, Friseur/in und Perückenmacher/in (Stylist/in), Fußpfleger/in, Glasbautechniker/in, Glaser/in, Gleisbautechniker/in, Großhandelskaufmann/-frau, Hafner/in, Koch/Köchin, Maler/in und Anstreicher/in, Maurer/in, Mechatroniker/in, Metalltechniker/in – Stahlbautechnik, Platten- und Fliesenleger/in, Restaurantfachmann/-frau, Schalungsbauer/in, Systemgastronomiefachmann/-frau, Tapezierer/in und Dekorateur/in, Textilreiniger/in, Tischler/in, Verpackungstechniker/in

  • Wegen gesunkener Geburtszahlen gibt es immer weniger junge Leute im typischen Berufsausbildungsalter – und die, die es gibt, scheuen anstrengende Berufe mit mittelmäßigen Lohnaussichten.
    foto: apa/georg hochmuth

    Wegen gesunkener Geburtszahlen gibt es immer weniger junge Leute im typischen Berufsausbildungsalter – und die, die es gibt, scheuen anstrengende Berufe mit mittelmäßigen Lohnaussichten.

Share if you care.