Dankbare Denkmalschützer

12. April 2013, 19:25
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Kosice in der Ostslowakei ist heuer neben Marseille Kulturhauptstadt. Zu Unrecht nahm man von ihr bisher kaum Notiz

Angenommen, Armin Assinger würde Sie nach der zweitgrößten Stadt der Slowakei fragen. Er nennt vier Namen, darunter Poprad, Bratislava und Zilina. Ganz ehrlich: Würden Sie einen Joker brauchen? Gut, Bratislava kennt man, die slowakische Hauptstadt, ist ja nur knappe 80 Autokilometer von Wien entfernt. Aber die mit 240.688 Einwohnern zweitgrößte Stadt? Sie liegt entsetzlich weit weg, fast an der Grenze zur Ukraine, also kurz vor Sibirien.

Lemberg (Lwiw) und Czernowitz (Tscherniwzi) in der Ukraine gelten als mythische Orte. Sie waren militärische wie kulturelle Außenposten der Monarchie, geprägt von jüdischem Leben. Aber Kosice in der Slowakei? Man verbindet so gut wie nichts mit diesem beschaulichen Städtchen, das bis in die kommunistische Zeit hinein nicht mehr als 60.000 Einwohner hatte und dann, in den 1960er-Jahren, geradezu explodierte, weil Industriebetriebe angesiedelt worden waren. 1970 zählte man 142.200 Einwohner, zehn Jahre später deren 202.400.

Rings um die Altstadt liegen daher triste Plattenbausiedlungen - wie in so vielen Ballungszentren des ehemaligen Ostblocks. Der historische Kern hingegen blieb, weil hier kaum Investitionen getätigt, nicht einmal Instandsetzungen vorgenommen wurden, nahezu unverändert erhalten. Die Denkmalschützer müssten den Kommunisten eigentlich danken. Denn Kosice ist, wie Czernowitz, ein kleines Schmuckstück. Beziehungsweise: Die Stadt kann wieder ein solches werden. Derzeit gibt es noch etliche Palais und historische Wohnhäuser, die vor dem Verfall stehen.

Früher, sehr viel früher, gab es zwei Siedlungen: eine slawische im Osten der Hauptstraße und eine deutsche. Im 13. Jahrhundert verschmolzen sie. Bereits 1248 erhielt Kosice, deutsch Kaschau oder ungarisch Kassa, 1230 erstmals urkundlich erwähnt, erste Stadtrechte, 1369 bekam sie ihr Wappen verliehen. Durch ihre Lage an einem Handelsweg nach Polen blühte der Handel: Kaschau wurde im 14. und 15. Jahrhundert eine der bedeutendsten, größten Städte des Königreichs Ungarn.

Aus dem 13. Jahrhundert erhalten geblieben sind zwei massive Bürgerhäuser, die im 17. Jahrhundert verbunden und von da an bis 1909 als Gefängnis genutzt wurden. Dieser plumpe Häuserblock, Miklus-Gefängnis genannt, beherbergt seit 1941 ein Stadtmuseum. Der Besuch der "Zellen" mit den strohbedeckten Pritschen ist definitiv lohnend: Man erhält nicht nur eine Darstellung der Zünfte, sondern auch einen vielschichtigen Abriss über die Stadtentwicklung.

In den Grundfesten erhalten

Gleich beim Eingang hängt ein Plan von Kaschau um 1600. Damals war das Städtchen von einer Mauer mit mehreren Toren und Basteien umgeben. Doch auch nach dem fast vollständigen Abriss der Verteidigungsanlagen blieb die Grundstruktur unverändert. Selbst der bogenförmige Verlauf zweier Gassen im Süden hat die Zeit überdauert. Der deutsch beschriftete Plan nennt die ursprünglichen Namen (Faulgasse, Püttltor) und weist auf zentrale Einrichtungen hin: wo sich Zeughaus, Brauerei, Mühle, Badehaus und so weiter befanden.

Nahezu alle Sehenswürdigkeiten liegen in diesem fünfeckigen Gebiet, die wichtigsten nacheinander wie Perlen aufgefädelt inmitten der sich zum linsenförmigen Platz weitenden Hauptstraße: die Michaelis-Kapelle, die um 1900 leider brutal, also neugotisch, renoviert wurde; der Urbansturm aus dem 14. Jahrhundert mit dem eigenartigen Arkadenumgang; der hochgotische Elisabeth-Dom mit einer Rarität, einer zart gefertigten Doppelwendeltreppe, und dem barocken, weithin sichtbaren Turm von 1776; sowie das historistische, kuppelbekrönte Theater, das nicht, wie in der Monarchie üblich, vom Büro Fellner & Helmer errichtet wurde, sondern bis 1899 von Adolf Láng.

Die Gründerzeit manifestiert sich in Kosice ansonsten eher außerhalb des Kerns: Nördlich der einstigen Stadtmauer, neben einer uralten Holzkirche, befinden sich mit dem ehemaligen Militärkommando und dem Ostslowakischen Museum zwei Prachtbauten, die auch am Wiener Ring stehen könnten; und im Osten, neben dem derzeit devastierten Stadtpark, verwirklichte sich der Baumeister Arpád Jakob selbst. Sein putziger Neurei-chenpalast diente Edvard Benes, dem zweifachen Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, zwischenzeitlich als Amtssitz: Dessen Programm - Verstaatlichung des Großgrundbesitzes, Aussiedelung der Deutschen und Ungarn - wurde am 5. April 1945 in Kosice, dem provisorischen Sitz der Regierung, verkündet.

Sehr elegant fügen sich ins innerstädtische Bild Jugendstilbauten (etwa das Hotel Slavia) und Gebäude der Moderne, darunter ein paar Villen, ein. Beim Flanieren wird man auch mehrere Synagogen entdecken; 1930 lebten 11.500 Juden in Kosice, fast alle wurden 1944 binnen eines Monats ins KZ Auschwitz verbracht und dort ermordet. Die imposante neologische Synagoge, errichtet 1926/27, dient heute als Philharmonie: Der Davidstern auf der Kuppel wurde kurzerhand durch eine Laute ersetzt. Und der Jüdische Friedhof wird selbst im offiziellen Führer der Stadt als "nicht sehr gepflegt" bezeichnet.

Gehäkelt in der Schmiedgasse

Im Zentrum von Kosice gibt es eine echte Bausünde, aber zum Glück wirklich nur eine. Der Konsumtempel von Tesco würde eher in die Frankfurter Zeil passen. Und als Einkaufsstadt kann man Kosice nicht bezeichnen: Ein paar Boutiquen verkaufen hier Mode mit Ost-Chic, in der ehemaligen Schmiedgasse bieten die Kunsthandwerker Töpferwaren, Silberschmuck und Häkeltücher an, insgesamt aber stehen viele Geschäftslokale leer. Im Übergangsbereich zu den Betontürmen befindet sich das Shoppingcenter namens Aupark mit den gängigsten Marken des "Goldenen Westens" - und ebensolchen Preisen. Der Bürger kann sich diese Waren wohl kaum leisten.

In der Konditorei Aida dagegen kosten der Espresso und die Cremeschnitte je 80 Cent. Ein Besuch wird zur Zeitreise in die 1980er-Jahre, als der Kommunismus das Leben auf niedrigem Niveau reglementierte: Diese Konditorei, die mit der Wiener Institution gleichen Namens nichts gemein hat, ist monströs. Auf zwei nüchtern eingerichteten Ebenen im ehemaligen Palais des Grafen Andrássy könnten bis zu 200 Personen auf einmal verköstigt werden. Und zur Mehlspeise erhält man einen gelben Plastiklöffel.

Bloß vom Kulturhauptstadtjahr war bisher nicht viel zu spüren. Hin und wieder entdeckt man farbige Prismenobjekte: Sie weisen auf Schauplätze hin. Mit den Söhnen der Stadt ist zudem nicht viel Staat zu machen. Gerade einmal der zunächst Deutsch schreibende ungarische Schriftsteller Sándor Márai, der nach Budapest und 1948 ins Exil ging, wurde in Kosice geboren. In der Not brüstet man sich mit Andy Warhol, 1928 in Pittsburgh geboren, weil dessen Eltern aus der Gegend stammen.

Einen Pflichttermin gibt es im Oktober mit dem Friedensmarathon. Er findet seit 1924 statt und ist die älteste Marathonveranstaltung Europas. Und noch etwas: Kosice liegt natürlich nicht knapp vor Sibirien. Von Wien aus ist Bregenz weiter entfernt.  (Thomas Trenkler, Album, DER STANDARD, 13./14.4.2013)

  • Höchst interessant und hochgotisch: Zum Elisabeth-Dom mit seinem markanten Turm aus dem 18. Jahrhundert führen in Kosice alle Wege. Die bleiben kurz, weil sich fast alle Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum von Kaschau befinden.
    foto: picturdesk / okla michal

    Höchst interessant und hochgotisch: Zum Elisabeth-Dom mit seinem markanten Turm aus dem 18. Jahrhundert führen in Kosice alle Wege. Die bleiben kurz, weil sich fast alle Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum von Kaschau befinden.

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