Golanhöhen: "Dürfen den Frieden nur schützen, nicht herstellen"

Reportage12. April 2013, 18:40
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Die Golanhöhen, Position 22: im Jom-Kippur-Krieg der Schauplatz blutiger Schlachten, seit 1974 ein sicherer Abschnitt. Doch seit dem Syrien-Aufstand befinden sich die Blauhelme aus Österreich in einer Kampfzone

Es geht steil bergauf. Statt Siedlungen säumen plötzlich Kasernen die Straße Nummer 91 nach Majdal Shams. Am Horizont leuchten die Schneefelder des Mount Hermon über die Hochebene, Kühe trotten durch das fette Gras, Rebstöcke und Apfelbäume treiben aus. Es ist ein sonniger, ein friedlicher Tag. Daran ändern auch die Minenwarnschilder und die Horchposten auf dem Bergrücken nichts. Von dort aus beobachten die Israelis, was sich in Syrien tut. Sie können von hier aus bis weit hinein schauen und hören, bis nach Damaskus.

Position 22 - der einzige Posten der Undof auf den von Israel annektierten syrischen Golanhöhen. Hier lieferten sich im Jom-Kippur-Krieg tausende Panzer eine Schlacht. Seit 1974 hält die United Nations Disengagement and Observer Force die Konfliktparteien auseinander. Jahrzehntelang war es hier friedlich. Israel sprach von der sichersten Grenze, die sie je hatten.

Aufständische in demilitarisierter Zone

Mit dem 1. März 2012 änderte sich die Lage schlagartig. Damals drangen Aufständische in die demilitarisierte Zone ein. Sie rechneten damit, dass die Truppen des Assad-Regimes es nicht wagen würden, sie hierher zu verfolgen. "Das war falsch", sagt Oberstleutnant Robert Glanner. Der stellvertretende Kommandant des österreichischen Undof-Kontingents steht vor einer großen Karte und erläutert Vizekanzler Michael Spindelegger die Lage. Zwischen der Alpha- (Israelis) und der Bravo-Linie (Syrien) wird seit gut einem Jahr gekämpft. Es gibt das drusische Pro-Assad-Dorf Hadar, unmittelbar daneben die Rebellensiedlung Jabata, im Osten die syrische Armee. Die schießt auf die Aufständischen und hat sich zudem in der Pufferzone eingegraben. Ein klarer Bruch des Waffenstillstandsabkommens.

Glanner ist seit fast einem Jahr hier stationiert, in wenigen Tagen geht sein Einsatz zu Ende. In den vergangenen Monaten hat er einiges gesehen, vor allem den Wandel der Mission selbst. Täglich schlägt Artilleriefeuer der Syrer in der Pufferzone ein. "Bei Schusswechsel sind die Österreicher nicht das primäre Ziel, da kommen eher Kollateralschäden vor. Dennoch sind wir auf einen statischen Einsatz zurückgegangen. Das Mandat können wir trotzdem erfüllen."

Fünf Außenposten aufgegeben

Aus dem Militärjargon übersetzt heißt das: Die Undof beschränkt sich auf das Notwendigste. Sie hat seltener Patrouillen, reduziert das Risiko auf ein Minimum. Neben sieben Pandur-Radpanzern (der Standard berichtete) bekommt die Mission auch 13 gepanzerte Toyota-Geländewagen und weitere Niala-Radpanzer der Uno, und die Soldaten sind mit schusssicheren Westen ausgestattet. Trotzdem musste die Mission fünf von 31 Außenposten aufgeben. Aus Sicherheitsgründen, vor allem aber auch aus Personalmangel. Bis Soldaten aus Fidschi die von Kroatien und Japan abgezogenen Truppen ersetzen, gibt es für die rund 370 Österreicher erschwerten Dienst: Schlaf - Dienst - Schlaf - Dienst. Freizeit: gestrichen. Bleiben wollen die meisten trotzdem, nur zehn haben ihre freiwillige Meldung zuletzt zurückgezogen.

Vor allem in der im Süden an die entmilitarisierte Zone angrenzenden Region um Daraa, wo der Aufstand gegen Bashar al-Assad 2011 seinen Ausgang nahm, haben die Kämpfe zugenommen. Im Puffergebiet selber greifen Rebellen immer wieder Stellungen regulärer Truppen an, können sie aber nicht halten. Und warum wurden die Freischärler nicht aus dem Einsatzraum der Undof gedrängt? Glanner: "Das war nicht möglich, weil wir zu leicht bewaffnet waren und zu wenig Manpower hatten. Außerdem erlaubt es unser UN-Mandat nur, den Frieden zu schützen, und nicht, ihn herzustellen."

Sinnvoller Einsatz? "Eine politische Entscheidung"

Auf die Frage, ob der Einsatz noch Sinn mache, antwortet der Oberstleutnant diplomatisch: "Das ist eine politische Entscheidung. Und für die ist, unter anderem, Außenminister Spindelegger da." Der erklärt in der Position 22 noch einmal, dass die österreichischen Truppen möglichst bleiben sollen. Deswegen bemühe sich Wien auch, die Sicherheit der Soldaten zu erhöhen - vor allem auch damit, dass man auf die Verlängerung des Waffenembargos gegen Syrien poche.

Sollten die Österreicher doch abziehen, dann rechnet Glanner damit, dass die Israelis selbst eine Pufferzone einrichten wollen. Bisher hätten nur Querschläger oder fehlgeleitete Granaten in dem von Israel besetzten Territorium eingeschlagen. Aber die Israelis haben die Syrer - Rebellen wie Reguläre - bereits unmittelbar gewarnt: "Wer gezielt auf uns schießt, schießt nur einmal." Am Freitagabend hat Israel auf Beschuss aus Syrien mit Artilleriefeuer geantwortet. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 13.4.2013)

  • "Können das Mandat erfüllen" - Oberstleutnant Robert Glanner berichtet bei der Visite von Michael Spindelegger von den Problemen der österreichischen Blauhelme auf Position 22.
    foto: reuters/tatic

    "Können das Mandat erfüllen" - Oberstleutnant Robert Glanner berichtet bei der Visite von Michael Spindelegger von den Problemen der österreichischen Blauhelme auf Position 22.

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