Dollarmillionen für einen Olmeken-Kopf

13. April 2013, 17:00
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Die Karriere des Kunstsammlers Leonardo Patterson wirft ein schiefes Licht auf den globalen Handel mit antiken Kunstschätzen. Das Leben des Kunstfreundes aber gleicht einem Hollywoodfilm

Vielleicht wird seine Geschichte auch einmal in Hollywood enden, so wie die des Betrügers Frank Abnagale aus Catch me if you can. Ein nobler Münchner Vorort; Diplomaten würden darin vorkommen, schöne Frauen, teure Polopferde, präkolumbianische Goldschätze, mordende Mumien, ein paradiesisches Hotel an Costa Ricas Karibikküste, die UNO in New York und ein Mord in einem Luxusappartement in Lima.

Vorerst aber sitzt Leonardo Patterson hinter Gittern – wieder einmal. Am 28. März nahm die spanische Polizei den 71-Jährigen am Flughafen in Madrid fest. Peru und Guatemala haben ihn bei Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Ob sein Gefängnisaufenthalt diesmal dauerhaft ist oder ob dem mutmaßlichen Kunstschmuggler mit deutschem Pass wieder eine wundersame Freilassung gelingt, wird sich weisen. 

Immerhin führt Patterson die Fahnder schon seit fast 40 Jahren an der Nase herum – länger als die legendären Bankräuber Butch Cassidy und Sundance Kid. Das ist nicht nur seinem Geld und seinen Beziehungen zu verdanken, sondern liegt auch an der lückenhaften Rechtsprechung und dem mangelnden Interesse der Staaten, dem internationalen Kunstraub einen Riegel vorzuschieben.

 Angefangen hat alles auf einem Acker in Pattersons Heimat Costa Rica. Dort habe er als Siebenjähriger eine tausende Jahre alte Keramikscherbe gefunden, erzählte sein Cousin. Von da an habe ihn die Archäologie nicht mehr losgelassen. Seine Eltern waren arme Einwanderer aus Jamaika, die am Küstenort Cahuita ein einfaches Dasein als Bauern fristeten. Damals waren die Schwarzen in Costa Rica ausgegrenzt. Als er 15 war, starb seine Mutter, und Patterson machte sich auf in die Hauptstadt San José. Dort lernte er einen Schatzjäger kennen, der ihn für seine Expedition anheuerte. Patterson war fasziniert von den Masken und Figuren der Mayas. 

Wieder zurück, lud ihn eine reiche Nordamerikanerin nach Miami ein und brachte ihn mit dem Kunstsammler Paul Clifford zusammen, der ihn als Antiquitätenhändler einstellte. In den politisch turbulenten 1960er-Jahren interessierte sich keine Regierung in Lateinamerika ernsthaft für Kunstschätze. Patterson verkaufte die bei Grabplünderungen erbeuteten Stücke in den USA.

Ende der 1960er hatte er es bereits zu seiner ersten Million gebracht. Er verlegte seinen Wohnsitz nach New York. Die Probleme begannen, als in der Unesco die erste Konvention gegen Kunstschmuggel unterzeichnet wurde. Ab diesem Zeitpunkt war nicht mehr alles echt, was bei Patterson über den Ladentisch ging. 

1975 wurde in der Schweiz gegen ihn ein Betrugsverfahren eröffnet; 1984 wurde er in den USA wegen des Verkaufs eines gefälschten Mayafrieses an einen Sammler aus Boston angezeigt. Mit einem Zertifikat bezeugte er die Echtheit des Frieses und kam nach kurzer Haftstrafe gegen Kaution frei. 1985 wurde er aus Mexiko kommend am Flughafen in Houston mit geschmuggelten Schildkröteneiern und einer antiken Statue gefasst. Die Eier seien für den Eigenkonsum, argumentierte er. Und in Houston habe er nur einen Zwischenstopp gemacht, weshalb er seine Mitbringsel nicht dem Zoll deklariert habe.

1991 wurde er in Basel wegen betrügerischer Geschäfte mit angeblichen Bildern Dalís angezeigt. Anschließend versuchte er, einen gefälschten Olmeken-Kopf für 20 Millionen Dollar zu verkaufen, und 2004 beschlagnahmte die Polizei auf dem Frankfurter Flughafen Fundstücke aus Mexiko,  die Patterson importieren wollte. 2011 wurde er in Mexiko festgenommen – nach 48 Stunden war er mangels Beweisen wieder frei.

Warum, das kann vermutlich ein Blick auf sein Adressbuch erhellen: 1992 lieh Patterson einige seiner besten Stücke dem Vatikan, der sie in seinem Pavillon auf der Expo in Sevilla präsentierte. 1995 machte ihn Costa Ricas Präsident José Maria Figueres zum UN-Botschafter. Patterson genoss das diplomatische Jetsetleben, doch allzu lange dauerte die Freude nicht. In München machte er einen Neustart als Kunstsammler und erhielt einen deutschen Pass. 

Als Patterson 1997 in Santiago de Compostela seine Privatsammlung präsentierte, kamen zur Eröffnung Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú und der costa-ricanische Staatschef Oscar Arias. Schirmherr war der Ministerpräsident Galiciens, Manuel Fraga. Der galicischen Junta wollte Patterson offenbar die Kunstwerke für 18 Millionen Euro überlassen; von Arias verlangte er angeblich den Konsulposten in Genf. Doch dazu kam es nicht, ein pensionierter Anthropologieprofessor warnte, einige der Stücke seien gefälscht, andere geraubt. Dafür zeigte Patterson ihn an.

Mühsame Spurensuche

Erst als sich ein peruanischer Kriminalinspekteur 2007 auf einem Fortbildungskurs in Spanien eines der Fälle erinnerte und nachrecherchierte, wurden 1.000 Stücke erneut aufgespürt und katalogisiert. Peru beantragte die Rückführung, auch Mexiko, El Salvador, Argentinien und Guatemala verlangten Teile, hatten aber Müh und Not, ihren rechtmäßigen Anspruch zu untermauern. Das gelang einzig den Peruanern. Sie erhielten 31 der verlangten 200 Stücke zurück und leiteten ein Strafverfahren gegen Patterson ein. Der fürchtete, seine Kollektion würde in alle Winde verstreut.

2008 fuhren zwei Lastwagen vor der Lagerhalle vor, die Fahrer sagten, sie kämen im Auftrag von Patterson, bezahlten die Lagerkosten und luden die Stücke auf. Niemand intervenierte. "Das Geschäft mit antiken Kunstschätzen findet am Rande der Legalität statt", sagt die US-Archäologin Karen Olsen Bruhns. Drahtzieher seien skrupellose Sammler und reiche Museen. Sie alle wissen, wie man geschickt Gesetzeslücken ausnützt. "Die Unesco-Konvention zum Kunstschmuggel ist vage", resümierte die kolumbianische Website La silla vacía.    (Sandra Weiss aus Puebla, DER STANDARD,  13./14.4.2013)

  • Der Herr – und die Fahnder – war lange Zeit mit ihm: Leonardo Patterson in seiner Münchner Wohnung 2008.
    foto: ap / uwe lein

    Der Herr – und die Fahnder – war lange Zeit mit ihm: Leonardo Patterson in seiner Münchner Wohnung 2008.

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