Wo sind die Grenzen des Tolerablen?

14. April 2013, 17:00
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Es ist obszön, die fremden Straches lieben zu sollen: Wolfgang Müller-Funk über symbolische Minenfelder und kulturalistische Fallen, die bei der Debatte über islamische Einwanderung mit im Spiel sind

Ich erinnere mich an ein Wahlplakat der Grünen aus Anlass der Wiener Gemeinderatswahl 2010 gegen Ausländerfeindlichkeit, links vorne die griechischstämmige Spitzenkandidatin, rechts daneben eine sympathische junge Frau mit Kopftuch, so als ob zwischen beiden ein stillschweigendes Einverständnis bestünde. 

Was mich irritierte, war nicht, dass eine Partei sich für Menschenrechte und gegen Xenophobie einsetzt, ganz im Gegenteil, sondern der Umstand, dass eine Frau aus der Türkei oder dem arabischen Raum auf dem Plakat einer laizistisch-linken Partei als Ornament des Fremden ein Kopftuch tragen muss. 

Womöglich besteht aber zwischen der laizistischen Frontfrau der Grünen und einer jungen, konservativen Türkin, die eine brave Muslimin sein will, eine unüberbrückbare politische und kulturelle Kluft. Warum haben eigentlich all jene Menschen, die aus der Türkei oder dem Nahen Osten kommen und die nicht religiös, sondern laizistisch eingestellt sind, keine Repräsentation und keine Stimme in Österreich, sondern nur diejenigen, die unter der patriarchalen Obhut irgendwelcher konservativen religiösen Vertreter stehen?

Diese Welt ist zu kompliziert für die Politik. Es gibt viele Menschen, die, bewusst oder unbewusst, mit ihren Symbolen ihren Abstand zu und ihre Abneigung gegen die moderne Gesellschaft bekunden, und es gibt wiederum Menschen, die den Islamismus in seiner lauten, konservativen Form missbilligen und beileibe keine "Rassisten" sind. Der ägyptisch-deutsche Politologe Hamed  Abdel-Samad, der "seiner" Kultur ein letztendlich kontraproduktives Unbehagen an der Moderne vorwirft, gehört zu ihnen. Er vertritt die Ansicht, dass der gegenwärtige Islamismus eine Maske darstellt, hinter der sich eine tiefsitzende Angst vor der "westlichen" Demokratie verbirgt.

Wer die einschlägigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre verfolgt hat, der wird mit einer eigentümlichen Pervertierung konfrontiert. Gehörte im Fall Salman Rushdie die ungeteilte Sympathie noch dem von den Mullahs dieser Welt attackierten und bedrohten Schriftsteller, so hat sich die Stimmungslage angesichts des Mordes an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh oder im Streit um die dänischen Karikaturisten merklich verschoben. Religiöse Kritik an bestimmten Formen des Islams wird im Westen oftmals als ungehörig und provokant empfunden.

Nicht selten plädieren Menschen mit aufgeklärt-kritischem Hintergrund mittlerweile für eine weitreichende Toleranz gegenüber fremden Religionen, die sie den eigenen niemals einräumen würden. Nebenbei bemerkt haben sich "fremd" und "eigen" ja infolge der Migrationsbewegungen verändert. In gewisser Weise ist der Islam heutzutage eine eigene österreichische Religion, und als solche sollte man sie so kritisch behandeln wie alle anderen auch.

Die Kultursemiotik lehrt, dass Kopftücher und Schleier nicht unter allen Bedingungen dasselbe bedeuten. In Ländern, in denen die Frauen sie tragen müssen, ist jede Variante eine mögliche Subversion dieser patriarchalen Kopfbedeckung. In westlichen Ländern ist sie vielleicht familiär verordnet oder, bewusst oder unbewusst, eine sichtbare Distanzsetzung zu einer Außenwelt, von der man sich abgrenzen will. 

Ich bezweifle, dass es eine "progressive" und feministische Deutung all dieser Symbole gibt. Vermutlich ist es taktisch und pädagogisch klug, sich gegenüber diesem symbolischen Demonstrationszwang gelassen zu verhalten, und es ist bestimmt auch kontraproduktiv, gleichsam von außen anderen Gruppen und Völkern gute Ratschläge zu geben. Aber ein Problem bleibt, nämlich dass viele fromme Muslime nicht in der Moderne angekommen und sich in ihr nicht frei zu bewegen imstande sind.

Wie weit können Klugheit und freundliche Taktik gehen? Gibt es Grenzen des kulturell Tolerablen? Natürlich. Diese Grenze ist durch unsere heutigen Auffassungen von Menschenrechten gegeben, die eine gewisse hermeneutische Bandbreite haben – aber die politische, sexuelle, wirtschaftliche und kulturelle Benachteiligung von Frauen ist mit ihnen hier wie dort völlig unvereinbar. Im Gegensatz zu der Auffassung diverser religiöser Wertefanatiker lässt sich behaupten, dass unsere Gesellschaft durchaus universal gültige Werte kennt, die unsere kulturelle Toleranz begründen wie begrenzen. Es ist obszön, die fremden Straches lieben zu sollen.

Schmaler Grat 

Wir befinden uns in all diesen Diskussionen auf einem schmalen Grat, der womöglich zu schmal ist, als dass die Politik sich auf ihm bewegen kann. Daraus erklärt sich, warum heute ultrakonservative muslimische Kreise mit der Toleranz seitens vieler Grünen und Linksliberalen rechnen können, die auf keinen Fall fremdenfeindlich sein möchten. 

Deshalb wählen Menschen mit migrantischem Hintergrund in vielen westlichen Ländern auch linke Parteien, die sie in ihrem eigenen Umfeld niemals wählen würden, weil sich ihre Positionen eigentlich ausschließen. Umgekehrt greifen Rechts-außen-Parteien linke, zuweilen sogar frauenfreundliche Argumente auf, um ihre eigene Abneigung gegen die islamische Einwanderung zu untermauern. 

Wir befinden uns auf einem symbolisch verminten Gelände. Oder anders ausgedrückt in einer kulturalistischen Falle. Die Abwehr der Kritik von außen hat indes eine prekäre Seite. Man verbitte sich, so lautet die betreffende Rhetorik der Kritisierten, jede  Einmischung. Das ist eine strukturell ethnozentrische und nationalistische Position, die in einer global gewordenen Welt merkwürdig anachronistisch anmutet. Kritik ist ein wesentliches Element moderner Zivilgesellschaften. 

Wir sollten lernen, wieder in Kategorien der Zeit zu denken. Das Christentum hat sich im Westen in den letzten zwei Jahrhunderten durchaus nicht nur freiwillig verändert, und es wird auch nicht untergehen, weil vermutlich irgendwann der Zwangszölibat aufgehoben und den Frauen in allen Bereichen der katholischen Kirche Gleichberechtigung eingeräumt wird. Auch ein Islam, der lernen muss, kein Bedeutungs- und Wertemonopol zu besitzen, wird noch ein Islam sein, auch wenn er sich von jenem der frühen Neuzeit oder von dem imaginären heutiger Fundamentalisten dramatisch unterscheidet.

Wenn wir die kulturellen Probleme von der Raum- auf die Zeitachse verlegen, dann sticht nicht mehr das kulturell Fremde hervor, das anzieht und zugleich erschreckt. Dann sehen wir, mit heutigen Fundamentalismen durchaus verwandt, die christlichen Kämpfer des Antimodernismus im 19. Jahrhundert, Kopftuch tragende Frauen und von Eltern arrangierte Ehen in ländlichen  Gebieten, den christlichen Ultramontanismus, den heuchlerischen Ekel gegenüber der Sexualität und – damit verbunden – die Gynophobie. 

Globale Moderne 

Es gibt nur eine Moderne, und die war westlich, hat Octavio Paz einmal geschrieben. Aber heute ist die Moderne global geworden. In dieser weltumspannenden Moderne nimmt die arabische Welt offenkundig eine Sonderstellung ein, fällt es ihr doch sichtlich schwer, einen Platz in ihr zu finden. Was wir erleben, würde ich als Drama der Moderne bezeichnen. Man braucht dabei nicht zu beschönigen, dass sie einen Preis und viele Bruchstellen hat. Zugleich aber besitzt sie, wenn man sie innerlich akzeptiert, eine Dynamik der Veränderung. 

Noch das Unbehagen in ihr, das Freud beschrieben hat, stellt ein mögliches Korrektiv dar. Dieses Drama hat ungleiche Erzählungen. Denn historisch betrachtet trug die Moderne aus der Perspektive nichtwestlicher Gesellschaften nicht nur die Züge einer fremden, anderen Kultur, sondern ihre Durchsetzung ging mit einem kolonialistischen Projekt einher, an dessen Folgen wir noch immer laborieren, an den äußeren Katas trophen und Gewalttaten ebenso wie an den kollektiven psychischen Folgen. 

Wir Europäer täten gut daran, mit dieser Geschichte so kritisch umzugehen wie mit der Shoah. Gerade dies wäre die Voraussetzung für eine Welt, in der ein Dialog möglich ist, der mehr ist als ein diplomatischer Gedankenaustausch traditioneller Religionsvertreter. Eine gewisse Weltläufigkeit könnte dazu führen, dass wir darüber streiten, in welcher symbolischen Welt wir leben wollen, vermutlich in einer säkularen, d. h. in einer, die allzu eifrige Produzenten von kultureller und religiöser Differenz, wie der englische Literaturtheoretiker Terry Eagleton gemeint hat, in die Schranken weist. 

Der Respekt für das – die oder den – Andere(n) zeichnet sich dadurch aus, dass er jedem Menschen in seiner spezifischen Individualität und ungeachtet seiner Herkunft gilt. Statt einer expansiven Toleranz sollten wir eher einer symbolischen Abrüstung das Wort reden.   (Wolfgang Müller-Funk, Album, DER STANDARD, 13./14.4.2013)

Wolfgang Müller-Funk, geboren 1952, ist österreichischer Literatur- und Kulturwissenschafter. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität München, von 1981 bis 1990 Lehrbeauftragter ebenda. Seit 1993 arbeitet Müller-Funk als Universitätsdozent an den Universitäten in Wien und Klagenfurt sowie als Gastprofessor an diversen in- und ausländischen Hochschulen, u. a. in München, Innsbruck, Birmingham, Szeged und Zagreb.

  • Muss eine Frau aus der Türkei oder dem arabischen Raum auf dem Plakat einer laizistisch-linken Partei das Kopftuch als Ornament des Fremden tragen? 
    foto: wahlplakat der grünen (2010)

    Muss eine Frau aus der Türkei oder dem arabischen Raum auf dem Plakat einer laizistisch-linken Partei das Kopftuch als Ornament des Fremden tragen? 

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