Die Welt brennt, das Feld ist offen

12. April 2013, 17:32
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Double Feature des iranisch-norwegischen Choreografen Hooman Sharifi in der Halle G im Museumsquartier

Wien - Der demokratische Kapitalismus hat, so meinte der Philosoph Slavoj Zizek 2011 im Gespräch mit dem Sender Al Jazeera, "seine Selbstverständlichkeit, seine automatische Rechtmäßigkeit verloren, und jetzt ist das Feld offen". In seinem Stück Now the field is open übersetzt der iranisch-norwegische Choreograf Hooman Sharifi diese Anmerkung in Tanz. Es ist der erste Teil eines Double Feature, das nun im Tanzquartier Wien zu sehen ist und dessen zweites Stück Then love was found and set the world on fire noch einmal am Samstag läuft. Zizek warnte in dem Interview davor, "dass wir uns, wenn wir nichts dagegen tun, einer neuen Art von autoritärer Gesellschaft annähern." Was tun?

Sharifi jedenfalls setzt ein gesellschaftliches Miteinander in das "offene Feld", das multikulturell und frei für Individuelles bleibt. Schön, aber ist heute nicht jede Straßenbaustelle ein multikulturelles Arbeitsfeld? Braucht es, um so etwas darzustellen, eine persische Band und neun einträchtige Tänzer? Und warum leistet Sharifi sich mit Now the field is open eine beschauliche Arbeit, die zwischen Workshop- und Familiennachmittags-Ästhetik schwankt?

Nun, offenbar ist das Multikulturelle immer noch eine Baustelle. Und es braucht gerade auch einen Kitt der Beschaulichkeit, um die einander Fremden in aller ihrer Unterschiedlichkeit miteinander vertraut zu machen. So lässt Hooman Sharifi hier einmal die bunte Party das Objekt seiner Darstellung sein. Bei Then love was found and set the world on fire werden sowieso andere Töne angeschlagen. In diesem Stück geht es um die Iranische Revolution von 1979, die Sharifi als Sechsjähriger miterlebt hat. Erinnerungen kochen hoch. Darin tauchen vier Tänzer ein, darunter der Choreograf selbst mit seinem unverwechselbaren, massigen Körper.

Als Anlass für die Beschwörung seiner Erinnerungen an die Geschehnisse von 1979 nennt Hooman Sharifi den iranischen Aufstand von vor drei Jahren, dessen mediale Bilder im kollektiven Gedächtnis gerade wieder verblassen. Die Szenen von Ali Samadi Ahadis The Green Wave (2011) haben sich bei allen, die diesen Film gesehen haben, wohl stärker eingebrannt. Bilder, die auch bei der Betrachtung von Sharifis Stück mitmischen. Und zwar aktuell gerade zusammen mit jenen Bildern, die aus Syrien kommen.

Tendenzielle Aussage hinter beiden Stücken: Der Preis für Revolutionen gegen autoritäre Regimes ist zu hoch. Daher zurück zu Zizeks Warnung vor einer neuen Art von autoritärer Gesellschaft: Alle Mittel, vom befriedenden Miteinander, auch wenn es bieder daherkommt, bis hin zum demokratischen Widerstand, müssen eingesetzt werden, um das neue Autoritäre rechtzeitig zu bekämpfen. Sharifis politische Statements bereiten das offene Feld ästhetisch auf. Besetzt werden muss es von der Bevölkerungsmehrheit.    (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 13./14.4.2013)

12. + 13. 4., 20:30

  • "Now the field is open": Hooman Sharifi und die Impure Company im Tanzquartier Wien.
    foto: arash a. nejad

    "Now the field is open": Hooman Sharifi und die Impure Company im Tanzquartier Wien.

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