Der Stoff, aus dem die Trauer ist

12. April 2013, 17:11
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Amy Waldman zeichnet in "Der amerikanische Architekt" das Porträt der Stadt New York und ihres Versuchs, mit den Verletzungen nach 9/11 umzugehen

Zwei Jahre sind seit dem Anschlag auf das World Trade Center vergangen – die Wunde, die er hinterlassen hat, ist nicht annähernd verheilt. Ein anonymer Architekturwettbewerb soll nun über die Form der Gedenkstätte auf Ground Zero entscheiden. Doch als die Jury den versiegelten Umschlag mit dem Namen des Gewinners öffnet, macht sich Bestürzung breit: Der Architekt heißt Mohammad Khan. Soll ausgerechnet ein Muslim der amerikanischen Trauer eine Form geben?

Ein genial einfacher Plot dient der Autorin als Rahmen für ein vielschichtiges Bild der amerikanischen Reaktionen auf 9/11. Die Journalistin Amy Waldman, geboren 1969, war Korrespondentin für The Atlantic und leitete mehrere Jahre das Neu-Delhi-Büro der New York Times. Mit ihrem Roman Der amerikanische Architekt gelang ihr ein Debüt, das ohne Umwege die verletzliche Stelle eines Landes trifft und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

The Submission lautet der Ori ginaltitel, was sowohl "Einreichung" als auch "Unterwerfung" bedeutet. Aber wer unterwirft wen? Waldmans Buch ist ein Lehrstück über die Kunst der Manipulation und des Bluffs, aber auch über das Streben nach Selbstverwirklichung. 

Zwischen diesen Polen schlingern die einzelnen Charaktere: die reiche Witwe Claire Burwell, die ihren Mann bei dem Attentat verlor und nun als Vertreterin der  Angehörigen in der Jury sitzt; die Klatschreporterin Alyssa Spier, die die jeweils neusten Entwicklungen nicht nur verkündet, sondern auch mitgestaltet; Mohammad Khan, genannt Mo, ein ehrgeiziger Architekt und überzeugter Amerikaner. Sean Gallagher, dessen Bruder als Feuerwehrmann bei den Bergungsarbeiten ums Leben gekommen ist, stürzt sich in blindwütigen Aktionismus, während Gouverneurin Bitman und der Juryvorsitzende Paul Rubin die Situation für ihre Karriere nutzen wollen; und dann ist da noch Asma Anwar, eine illegale Einwanderin aus Bangladesch, deren Mann als Reinigungskraft in den Türmen gearbeitet hat. 

Die Autorin versteht es, Empathie für die einzelnen Positionen zu wecken, ohne selbst Partei zu ergreifen. Souverän schildert sie die Mechanismen, die eine Bevölkerung mobilisieren – und mitunter auch radikalisieren. Der Handlungsverlauf evoziert mehr als einmal den Vergleich mit der Heisenbergschen Unschärferelation in dem Sinne, dass die Beobachtung eines Teilchens dessen Verhalten beeinflusst. Hier ließe sich ergänzen: Schon die Annahme der Teilchen, beobachtet zu werden, verändert sie. Ground Zero wird für eine ganze Nation zur diffusen, aber drängenden Anklage: "Je länger das Gelände ungenutzt blieb, desto mehr wurde es zum Symbol der Niederlage, der Kapitulation, etwas, worüber 'sie', wer immer 'sie' sein mochten, sich lustig machen konnten."

Der Siegerentwurf, "Der Garten", ist für Claire zunächst eine versöhnliche Geste und Ausdruck der Sehnsucht nach Heilung. Ganz im Gegensatz zu dem anderen Finalisten, "Das Nichts", ein düsterer Monolith, der als "geschaffene Zerstörung" an den Tag der Katastrophe erinnern soll. "Nur weil wir der Toten gedenken, müssen wir doch keinen Ort schaffen, der tot ist", verteidigt Claire ihren Favoriten. Doch der Garten wird zum trojanischen Pferd: Symbolisiert er womöglich das Paradies für muslimische Selbstmordattentäter? 

Die Angst, in den Augen anderer schwach zu wirken, manifestiert sich in nationalem Maßstab in der Diskussion um die Gedenkstätte, wirkt aber bis in die intimste Sphäre jedes Einzelnen hinein. Lässt sich Mo zunächst einen Bart stehen, um den Verdacht einer  vorauseilenden Anbiederung gegenüber misstrauischen Amerikanern abzuwehren, wird er sich später rasieren, um seine Glaubwürdigkeit zu untermauern. 

Sean will vorgeblich seinem Bruder Respekt verschaffen, kämpft aber in Wirklichkeit als schwarzes Schaf der Familie um die Anerkennung seiner Mutter. Die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, dass man sich in Amerika selbst erfinden könne, erweist sich als Chimäre: Das bekommt Asma am eigenen Leib zu spüren, aber auch Mo, der als Repräsentant einer Religion, für die er sich nie sonderlich interessiert hat, plötzlich verschärfte Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen muss. 

Die Reflektion über die angemessene Form eines nationalen Denkmals mündet notwendigerweise in der Frage: Wer hat das Recht, diese Form zu bestimmen? Waldman macht dabei deutlich, dass es nicht die eine Sache gibt, für die gekämpft wird – vielmehr wird die Gedenkstätte zur vorgeschobenen Projektionsfläche für private Wünsche und Ängste. Die Interaktion zwischen den Charakteren ist dialoglastig gestaltet – ein fruchtbarer Austausch ist hier nicht denkbar, jede Bemerkung gibt nur Anlass zu neuem Misstrauen. Ist Heilung überhaupt möglich, wenn sich niemand aus der Deckung begeben will? 

Der Ausgang stellt niemanden zufrieden; die subjektiven Lesarten der Geschichte stehen nebeneinander, so wie jede denkbare Situation viele parallele Wahrheiten zulässt. Die Charaktere können zwischen ihnen wechseln, aber niemals alle gleichzeitig überblicken oder gar zusammenführen. Selbst ein Denkmal schafft das nicht.   (Myrta Köhler, Album, DER STANDARD, 13./14.4.2013)

Amy Waldman, "Der amerikanische Architekt". Aus dem Englischen von  Brigitte Walitzek. Euro 25,70 / 512 Seiten. Schöffling, Frankfurt am Main 2013

  • "Der amerikanische Architekt".
    foto: schöffling-verlag

    "Der amerikanische Architekt".

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