Magdalenas betörender Striptease

12. April 2013, 17:43
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Mode symbolisierte für Kirchenväter die pure Sünde. Als Mittel zur Kommunikation nutzte man sie in der Kunst, wie aktuelle Beispiele zeigen

Knapp 300 der Kategorie Alte Meister zugehörige Gemälde trug das sechsköpfige Expertenteam des Dorotheums in den vergangenen Monaten zusammen. Nun füllen die auf Holz oder Leinwand gemalten Werke zwei Kataloge, die thematisch das gesamte Spektrum dieser Ära repräsentieren: Leichtverdauliches wie dekorative Stillleben, herrschaftliche Porträts und paradiesische Landschaften findet sich ebenso wie Mythologisches oder die deutlich schwerere Kost religiöser Motive.

Flapsig formuliert, steht über die kommende Woche anberaumte Auktion quasi auch ein saisonaler Aufmarsch der Heiligen bevor: Dem Triptychon des Meisters der Lazzaroni-Madonna folgen gleich zum Auftakt diverse andere Marienbildnisse oder auch eine Darstellung der Heiligen Sippe, um 1530 von Vater und Sohn Jörg Breu in Augsburg gefertigt. Der Einstieg in dieses Bild ist in Sekundenbruchteilen ausgemacht: Nein, nicht die zentral positionierte Jungfrau Maria, sondern das prachtvolle Gewand der links platzierten Maria Kleophas'. Ein zeitmodischer Blickfang, über den Künstler (auch namens ihrer Auftraggeber) eine Identifikation der Betrachter anstrebten.

Noch im Mittelalter war solcher Schmuck wie Putz verpönt und galt als Wurzel allen Übels. Mode war ein Symbol der Sünde, und gerade das machte sie so reizvoll. "Gesellschaft und Kirche hatten einen Zankapfel gefunden", schildert Silke Geppert, denn von Anbeginn diente Mode dazu, "den religiösen Gegensatz zwischen dem reinen, ewigen Geist und dem käuflichen, sterblichen Fleisch, für das die Vergänglichkeit des Tuches stand, zu betonen".

Das It-Girl aus Magdala

Die an der Universität Mozarteum tätige Kunst- und Kostümhistorikerin befasste sich eingehend mit der Beziehung der Zeitmode und der Heiligentracht im 14. und 15. Jahrhundert, kurz gesagt, mit der Haute Couture im Mittelalter. Seit kurzem teilt sie ihr Wissen über das im Pustet-Verlag erschienene Buch Mode unter dem Kreuz - Kleiderkommunikation im christlichen Kult: eine Publikation, die nicht nur Interessierten neue Perspektiven eröffnet, sondern die Sichtweise auf die christliche Motivik verändern kann, da sie gerade für Laien die Distanz zu den doch eher sperrigen Darstellungen vermindert.

Etwa auch zu dem It-Girl schlechthin, zu Maria Magdalena, die sich im Laufe der Zeit von der Zeugin und Verkünderin der Auferstehung zu einer Protagonistin wandelte, die in den Darstellungen der Renaissance die Ambivalenz von Erotik und Askese präsentiert. "Von der Apostelin der Apostel", beschreibt Geppert, avancierte diese zu einem Beispiel von "Sünde und Sexualität, weil sich ihre vieldeutige Vita, die eine breite Skala der menschlichen Gefühle in sich birgt, für entsprechende Fantasien anbot."

Als treue Gefährtin Christi gilt Maria Magdalena als eine der wichtigsten Heiligen der katholischen Kirche. Daraus resultierte auch ihre spezifische Funktion: Aufruf zur Umkehr, zur Reue ob der Sünden, ein vor allem in der Gegenreformation beliebtes Thema, am Beispiel einer aktuell im Dorotheum angebotenen Darstellung der Büßenden erklärt, um 1610 von Aurelio Lomi gemalt (30.000-40.000 Euro).

Zu den gängigen Details gehört hier etwa der Schmuck, dessen sie sich als Symbol vergänglicher Werte bereits entledigt hat. Oder auch die verführerisch über ihre Schulter fallende lange Haarpracht, mit der sie dem Lukasevangelium gemäß ihre Tränen auf Jesu Füße trocknete und die sich in der Magdalenenikonografie über die Jahrhunderte zu einer betörenden Komponente verwandelte. Bereits im 15. Jahrhundert hatte Magdalenas moralische Disqualifizierung als Prostituierte begonnen.

Eindeutig eine Boudoir-Situation, bestätigt Silke Geppert auf Anfrage, die über unterschiedliche Details entschlüsselbar wird und deren erotische Dimension wohl auch Moralapostel zu einem zweiten Blick verführt haben wird: über das Dekolleté sowieso oder auch über die für damalige Verhältnisse unschicklich präsentierten bloßen Unterarme, dazu über die herabbaumelnden Bänder der verheißungsvoll geöffneten Ärmel. Und, ganz besonders, über die Geste, mit der sich die aus Magdala Stammende im nächsten Moment, nein, nicht von ihrem Mantel, sondern gleich vollständig von ihrem Mieder befreit haben wird. Drei läppische Knöpfchen noch, dann ist ihr Striptease vollbracht. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 13./14.4.2013)

Silke Geppert, "Mode unter dem Kreuz. Kleiderkommunikation im christlichen Kult". € 25,- / 160 Seiten, Pustet-Verlag, Salzburg 2013

  • Aurelio Lomi hüllte die büßende Magdalena in zeitmodische italienische Haute Couture.
    foto: dorotheum

    Aurelio Lomi hüllte die büßende Magdalena in zeitmodische italienische Haute Couture.

  • Artikelbild
    foto: pustet-verlag
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