Im Test: Wie gut ist Facebook Home?

12. April 2013, 10:39
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Die Android-App steht ab Freitag zum kostenlosen Download bereit - Vorerst allerdings nur für einige Smartphones

Facebook will Ihr Smartphone übernehmen. Es zielt darauf, Sie schon mit dem ersten Blick auf den Startbildschirm in sein soziales Netzwerk hereinzuziehen - ohne eine App zu nutzen oder auch nur das Gerät zu entsperren. Schon auf dem Lockscreen des Telefons sollen Sie den Nachrichtenfeed von Facebook sehen – darunter Textnachrichten und bildschirmfüllende Fotos von Freunden. Auch Kommentieren und ein "Gefällt mir" sind möglich.

Mit einem einzigen Wisch kommen Sie direkt zum Facebook Messenger, der Chat-Funktion von Facebook, um mit Bekannten zu kommunizieren und ihnen sogar SMS-Nachrichten schicken zu können.

Die Idee dahinter

All das ist sogar möglich, bevor Sie den üblichen Homescreen Ihres Telefons mit den App-Symbolen sehen – mit einer neuen Software, die Facebook am Freitag für Android-Smartphones veröffentlichen wird. Die Idee dahinter: Die kurzen Momente im Alltag, in denen nichts zu tun ist – beispielsweise während Sie in einer Schlange anstehen – verbringen Sie mit Facebook.

Die Software Facebook Home, die neben dem Lockscreen auch verschiedene andere Schlüsselfunktionen eines Smartphones ersetzt, wird als kostenloser Download für Android-Smartphones ab Freitag verfügbar sein. In vielen Ländern wird es außerdem Geräte mit vorinstalliertem Facebook Home geben. Die App wird außerdem mit dem populären Samsung Galaxy S III sowie zwei weiteren beliebten Android-Smartphones kompatibel sein, wenn sie verfügbar ist.

Der bislang mutigste Versuch einer Nicht-Hardware-Firma

Ich habe Facebook Home fünf Tage auf dem HTC First getestet. Das soll allerdings kein Test der Smartphone-Hardware sein – das günstige Mittelklassen-Gerät ist nichts Besonderes. Ich habe mich auf den Test von Facebook Home konzentriert – der bislang mutigste Versuch einer Nicht-Hardware-Firma, die Benutzeroberfläche des Smartphones zu verändern.

Letztlich hat Facebook damit sein eigenes Smartphone erschaffen ohne ein Gerät zu bauen oder zu verkaufen. Das HTC First startet sogar mit einem Facebook-Logo.

Facebook Home ist einfach zu benutzen, hat ein elegantes Design und macht süchtig. Auch wenn ich ein regelmäßiger Facebook-Nutzer bin, fiel mir auf, dass ich mit Facebook Home meinem Nachrichtenfeed mehr Beachtung schenkte, bei mehr Nachrichten „gefällt mir" klickte und die Chat-Funktion von Facebook, den Facebook Messenger, häufiger nutzte. Wenn Sie also ein großer Facebook-Fan sind, könnten Sie von Facebook Home stark profitieren.

Facebook Home blockiert das Kamera-Symbol

Doch mir fielen auch einige Nachteile auf. Facebook Home blockiert das Kamera-Symbol, das einige Android-Smartphones auf dem Lockscreen platzieren. Es erlaubt ihnen Fotos zu machen, ohne das Smartphone erst zu entsperren. Es überlagert außerdem auch andere Funktionen, die einige Hersteller von Android-Smartphones auf dem Lockscreen platzieren – wie beispielsweise Wetterinformationen oder die beliebtesten Apps. Wenn Sie auf den mit Apps befüllten Homescreen gehen, stellen Sie fest, dass Facebook auch diesen übernommen hat: Oben auf dem Bildschirm befindet sich eine Leiste, mit der Facebook-Nachrichten veröffentlicht werden können. Die ansonsten vorhandene Leiste der am häufigsten benutzten Apps fehlt dafür.

Standardmäßig befinden sich auf der ersten Seite der Homescreens mit der Facebook-Software die Apps des sozialen Netzwerks – darunter auch der eigene beliebte Foto-Sharing-Dienst Instagram. Daneben befinden sich auf dem Hauptschirm auch Apps von Dritten wie Google Maps, die Google Websuche und die Kamera-App. Sie können wie üblich alle Apps verschieben und löschen.

Landraub von Android

Mit Home begeht Facebook im Grunde einen Landraub von Android, dem extrem erfolgreichen mobilen Betriebssystem, das vom Erzkonkurrenten Google entwickelt wird. Facebook Home lässt sämtliche Standard-Apps von Google an ihrem Platz und verändert auch nicht das darunter liegende Betriebssystem. Doch weil Facebook mit Home so präsent ist, wird es weniger wahrscheinlich, dass die Nutzer Google-Produkte nutzen, die mit Facebook in Konkurrenz stehen – zum Beispiel Googles eigenes soziales Netzwerk Google+ oder Dienste anderer Unternehmen wie Twitter.

Das alles wird möglich, weil Android Dritten erlaubt, den Lockscreen und andere Schlüsselfunktionen wie den App Launcher, der Apps und Widgets anzeigt, zu verändern. Im Gegensatz dazu kann Facebook Home nicht auf Apples iPhone laufen, da Apple keinen Zugriff auf solche Basisfunktionen erlaubt. Apple hat Facebook (und Twitter) bis zu einem bestimmten Grad in das iPhone integriert – vor allem indem es möglich ist, das iPhone in den Einstellungen mit den entsprechenden Konten zu verbinden und dann fast jeden Inhalt auf den Netzwerken direkt aus den Apple-Apps heraus teilen zu können. Weiter geht die Integration aber nicht.

Wenn Sie den Bildschirm eines Smartphones mit Home das erste Mal anschalten, sehen Sie die Uhrzeit und einen kleinen runden Kreis am unteren Rand mit Ihrem Profilbild von Facebook. Wenn Sie den Bildschirm dann nicht berühren, beginnen die Facebook-Nachrichten einzulaufen – einer nach der anderen. Sie können den Feed auch manuell durchblättern. Jede Nachricht nimmt dabei den gesamten Bildschirm ein. Ist es ein Foto, wird es in voller Pracht gezeigt. Handelt es sich um einen Text, wird das Hintergrundfoto des Autors schwach im Hintergrund gezeigt. Der Effekt ist faszinierend.

Ein Wisch nach links öffnet den Facebook Messenger

Wenn Sie bei einer Nachricht „gefällt mir" klicken wollen, können Sie die Nachricht zwei Mal antippen. Um zu kommentieren oder Kommentare zu lesen, tippen Sie auf das Kommentieren-Symbol.

Um auf andere Funktionen als den Feed zuzugreifen, tippen Sie ihr kleines rundes Profilbild an und wischen auf eines der drei Symbole, die dann erscheinen. Eine Wischgeste nach oben lässt den Homescreen oder den App Launcher mit ihren Lieblings-Apps erscheinen. Ein Wisch nach links öffnet den Facebook Messenger, einer nach rechts öffnet die zuletzt genutzte App.

Facebook Home besitzt eine weitere wichtige Funktion: Chat Heads. Das sind Profilbilder von Nutzern, die Ihnen Facebook-Nachrichten oder SMS mit dem Messenger geschickt haben. Anders als Nachrichten-Hinweise, die auf den meisten Smartphones nur kurz erscheinen, bleiben diese sichtbar über jeder App, die sie benutzen und verführen Sie dazu, weiter via Facebook zu chatten. Wenn sie etwas verdecken, können Sie die Hinweise umherschieben. Los werden Sie sie nur, wenn Sie sie nach unten aus dem Bildschirm herausschieben. Ob diese Hinweise Sie nerven oder erfreuen, ist abhängig davon, wie viel sie den Facebook Messenger benutzen.

Home ersetzt diese App auch nicht komplett

Facebook betont, dass Home nur eine Option ist. Niemand muss es installieren oder die Smartphones kaufen, auf denen es vorinstalliert ist. Sie können Facebook nach wie vor so wie immer auf dem Smartphone verwenden – mit der klassischen App. Home ersetzt diese App auch nicht komplett, denn sie hat viele weitere Funktionen, die Home nicht bietet.

Laut Facebook soll Home möglicherweise Nachrichtenfeeds von anderen Diensten wie Twitter bei den automatischen Aktualisierungen auf dem Lockscreen bekommen. Warnungen von Apps wie Gmail oder Twitter erscheinen bereits im Newsfeed – nicht aber ganze Nachrichten oder Fotos. Das funktioniert jedoch zunächst nur auf dem HTC First – andere Smartphones mit Home zeigen nur Facebook-Alerts an. Bislang wird noch keine Werbung angezeigt – aber das könnte sich laut Facebook in Zukunft ändern.

Das Aussehen der Newsfeeds können Sie nicht verändern. So ist es beispielsweise nicht möglich, dass Sie nur die Nachrichten bestimmter Leute angezeigt bekommen. Außerdem können Sie auf dem Lockscreen keine neuen Nachrichten schreiben – Facebook will diese Funktion später zur Verfügung stellen.

Ich konnte bei meinem Testgerät nicht feststellen, dass sich der Akku schneller leerte als sonst üblich. Facebook bietet allerdings Optionen, Datennutzung und die Bilderqualität zu begrenzen, um den Akku zu schonen. Die Standardeinstellung ist "Mittel".

Fazit

Facebook Home ist ein cleveres und gut umgesetztes Produkt, das Facebook-Fans gefallen dürfte. Wenn Sie nicht dazu gehören oder die Standard-Benutzeroberfläche von Android schätzen, ist es nicht das Richtige für Sie. (Von WALTER S. MOSSBERG, WSJ.de/derStandard.at, 12.4. 2013)

  • Artikelbild
    foto: ap
  • Facebook Home nutzt den Lockscreen um neue Nachrichten und andere Dinge anzuzeigen
    foto: facebook

    Facebook Home nutzt den Lockscreen um neue Nachrichten und andere Dinge anzuzeigen

  • Die erste Seite des Homescreens von Facebook Home.
    foto: facebook

    Die erste Seite des Homescreens von Facebook Home.

  • Das runde Profilbild führt mit einem Wisch zu drei Funktionen: Apps, Messenger und zuletzt benutzte App.
    foto: facebook

    Das runde Profilbild führt mit einem Wisch zu drei Funktionen: Apps, Messenger und zuletzt benutzte App.

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