"Handschrift, was ist das?"

19. April 2013, 13:15
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Auf der Auftragsliste des Designers Nitzan Cohen stehen Kunden wie BMW, Diesel oder Authentics, gelernt und gearbeitet hat er bei Konstantin Grcic, und Design vergleicht er mit der Kunst eines Jongleurs - Franziska Horn hat den Gestalter in München besucht

Nitzan Cohen ist ein Mann der leisen Töne. Im Zeitalter der Stardesigner und des Ego-Branding fällt das doppelt angenehm auf. Marktschreierisch kommen weder er noch seine Entwürfe daher. Auch den visuellen "roten Faden" lassen seine Modelle nicht sofort erkennen. Haben Wiedererkennbarkeit und die üblichen Gesetze der Markenbildung für Cohen keinen Wert? "Handschrift, was ist das?", erwidert Cohen entspannt. "Heißt das, immer dasselbe zu machen? Immer formal erkennbar zu sein?". Das ist ihm deutlich zu vordergründig.

Cohen steht für eine andere Geisteshaltung. Seine Entwürfe sind durchdacht bis ins Mark, dabei klar, unprätentiös. Dann ist da aber noch etwas - etwas kaum Greifbares, etwas wie ein Twist, ein Dreh oder eine Idee, ein überraschendes Moment. Und das hat ganz klar mit dem besonderen Blickwinkel Cohens zu tun.

Sein Portfolio: Produkt- und Industriedesign, Möbel und Installationen. Seit 2007 arbeitet Cohen unter eigener Flagge für Firmen wie Authentics, BMW-Group, Bree, Diesel, Hugo Boss, Mattiazzi, Nanoo, Stylepark und Thomas by Rosenthal. Auch öffentliche Räume wie Restaurants und Cafés gehören zur Palette: das Roeckl, das Zerwirk Deli und das Charlie, das Grill und das Farm in München, dazu das Table in der Kunsthalle Schirn, Frankfurt. Gelernt hat Nitzan bei Konstantin dem Großen: Konstantin Grcic zählt zu den Big Five des internationalen Designs und hat sein Studio noch immer in der Münchner Innenstadt. Außerdem ist Grcic für sein glänzendes Gespür in der Auswahl seiner Mitarbeiter bekannt. Fünf Jahre hat Nitzan dort als Projektleiter gewirkt.

Systematik und die Variablen einer Gleichung

1973 im Kibbuz Hazorea in Israel geboren, studierte Nitzan Angewandte Künste an der Avni-Kunstakademie in Tel Aviv. Danach arbeitete er als Setdesigner und Toningenieur, ging anschließend nach Holland, wo er 2002 mit der Design Academy Eindhoven eine echte Kreativschmiede abschloss. Direkt danach begann er bei Grcic. Auch die Modedesignerin Ayzit Bostan sowie Stefan Diez gehörten zur Gruppe um Grcic. "Wäre Grcic nicht hier, wären es einige andere auch nicht", erklärt er die Hintergründe dieser Keimzelle. Seit zwei Jahren hat Cohen nun sein Studio in der Naupliastraße, Harlaching: ein großer, heller Raum mit Holzdielen, Kaminofen. Dazu drei Mitarbeiter.

Ist München eigentlich ein guter Standort zum Entwerfen? "Ach,", sagt er, "Inspiration ist ein schön klingendes Wort. Meine Quelle liegt eher in der Arbeit selbst, in der Konzentration und im Verstand", meint er, redet dann über Begriffe wie Systematik und die Variablen einer Gleichung. Das klingt fast nach einem wissen-schaftlich-mathematischen Ansatz. Und, ja: Er gehe wie ein Jongleur an einen Entwurf heran, frage dabei nach der Zahl und Art der Bälle, die es einzusetzen gelte. "Das ist wie bei einer DNA, sage ich immer, das hat seine eigene Logik. Trotzdem gibt es immer mehrere Antworten aus demselben Kern heraus, die eine gemeinsame Sprache teilen".

Designer als Storyteller

Was er damit meint, zeigt ein aktuelles Projekt: Für das Münchner Kunstareal entwickelt er einen optischen Leitfaden zur Orientierung zwischen den einzelnen Museumsbauten. Dafür hat er Objekte entwickelt, die Sitz und Wegweiser zugleich sind und außerdem mit der neuen Corporate Identity korrespondieren. Komplexe Anforderungen, die gründliches Herangehen erfordern. Cohen legt eine dicke Präsentationsmappe auf den Tisch, welche die Aufgabe von allen Seiten durchleuchtet und die aufwändige Recherche dokumentiert.

Bei allem gelte es, die richtigen Fragen zu stellen, sagt er. Dann kommen so originelle Dinge heraus wie ein Blumentopf aus Kunststoff für Authentics, der - aus einem Stück gefertigt - seinen Untersetzer quasi gleich mit dabeihat. "Klar, jeder fragt sich doch: 'Wo nehm ich jetzt den passenden Blumentopf her?'" Sein Entwurf liefert die Antwort gleich mit. Das Fragenstellen übt er auch mit seinen Studenten von der HBK Saar in Saarbrücken, wo er seit einem Jahr eine Professur innehat. "Im Design geht es oft um persönliche Antworten mit eigener Logik", betont er. Im Rahmen eines anderen Projekts für die Haute École d'Art et de Design in Genf (HEAD) untersucht er zusammen mit Studenten, Psychologen und Kreativen den visuellen Kosmos von Ray und Charles Eames.

"Rethink the Eames" heißt dieses Projekt, das gerade auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert wird. Es zeigt einen kleinen Ausschnitt von rund 750.000 nichtdigitalisierten Bildern des wahrscheinlich berühmtesten Designehepaars überhaupt. "Es geht hier um den Designer als Storyteller", erklärt Cohen schlicht. Während er das sagt, sitzt er auf einem seiner hölzernen "He said"-Chairs, entworfen für den italienischen Hersteller Mattiazzi. Zweifellos, der Chair verfügt über eine gelungene Linienführung. Doch was kann dieser Stuhl, was andere nicht können? "Er ist rundum nachhaltig und umweltfreundlich gefertigt, aus Vollholz, von Bäumen aus der Region. Und das Werk selbst besitzt eine Solaranlage", führt Cohen an.

Respekt und Perfektion

Hätte er den Auftrag sonst abgelehnt? Cohen überlegt kurz. "Moral und Design, das ist eine spannende Frage", resümiert er und folgert, so diplomatisch wie bescheiden: "Zu mir kommen die Leute nicht wegen des Namens. Das wiederum erlaubt mir, auf Augenhöhe zu operieren. Was wir machen, tun wir mit Respekt und Perfektion. Es geht um neue, gerne auch nachhaltige Lösungen, nicht um Standards".

Da ist sie dann also doch, die eigene Handschrift. "Unsere Linie besteht darin, wie wir arbeiten, wie wir Antworten und Lösungen finden. Wir investieren gefühlte 100.000 Stunden, Dinge zu verstehen, sie zu skizzieren. Das Formgeben ist nur ein kleiner Teil. Was davor steht, ist wichtig. Schließlich bin ich kein Stylist, das interessiert mich nicht." Dieses Statement ist smart und verrät Selbstbewusstsein. Wofür Cohen steht? Dafür: "ernsthaft, ehrlich und kompromisslos zu arbeiten - und auch konzeptionell mit abstrakten Dingen umzugehen."

Eines dieser abstrakten Dinge steht in einer Ecke des Raumes. Es ist ein rund drei Meter hohes Objekt aus Glasscheiben und Metallstreben, "Isolator" genannt - ein perspektivisches Spiel aus Ovalen, Kreisen und Achsen, die das Sehen hinterfragen. "Hier geht's um Diskrepanzen, nicht um Logik", freut er sich über das Galerieprojekt, "es hat seinen eigenen Charakter und ist völlig funktionsfrei". (Franziska Horn, Rondo, DER STANDARD, 12.4.2013)

  • Die Unterseite des Barhockers "She said", zu dem es auch das Pendant "He Said" gibt.
    foto: hersteller

    Die Unterseite des Barhockers "She said", zu dem es auch das Pendant "He Said" gibt.

  • Das modulare Bücherregal "Nan-15".
    foto: hersteller

    Das modulare Bücherregal "Nan-15".

  • Eine Serie von Blumentöpfen für Authentics - Topf und Untersetzer bestehen aus einem Stück.
    foto: hersteller

    Eine Serie von Blumentöpfen für Authentics - Topf und Untersetzer bestehen aus einem Stück.

  • "Fifteen as one" ist eine Familie aus Gefäßen mit Schraubverschluss, die im 3-D-Druck-Verfahren für das Israel-Museum entstanden sind.
    foto: hersteller

    "Fifteen as one" ist eine Familie aus Gefäßen mit Schraubverschluss, die im 3-D-Druck-Verfahren für das Israel-Museum entstanden sind.

  • Der 1973 im Kibbuz Hazorea in Israel geborene Designer Nitzan Cohen, mittlerweile in München ansässig, hier auf seinem Sessel "He Said" sitzend.
    foto: hersteller

    Der 1973 im Kibbuz Hazorea in Israel geborene Designer Nitzan Cohen, mittlerweile in München ansässig, hier auf seinem Sessel "He Said" sitzend.

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