Gibt's den richtigen Zeitpunkt für die Familiengründung?

Kolumne14. April 2013, 17:00
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Nein - sagt Jesper Juul. Die eigene Unsicherheit aktiv in die Beziehung einzubringen, sei eine wichtige Basis für ein gelungenes Verhältnis zu Partner und Kind

Eine Leserin schreibt:
Danke für Ihre tiefgründigen und aufrichtigen Kolumnen, die ich mit großem Interesse lese. Ich habe selbst noch keine Kinder, aber für mich ist es bereichernd, über Ihre Erfahrung mit Beziehungen in Familien zu lesen. Es hilft mir, mich selbst und meine Kindheit, die mich prägte, besser zu verstehen.

Vor einigen Jahren hatte ich endlich den Mut, mir mein eigenes Bündel anzusehen. Es ist eine aufregende Reise und schön langsam werden die Resultate als Energie, Kraft, Stärke und Lebenslust sichtbar. Manchmal ist es schwer, sich aus den selbstzerstörerischen Mustern zu befreien, anderen Grenzen zu setzen und sich auf die Reise in die düsteren Tiefen zu begeben. Aber ich weiß, dass es auf der anderen Seite mehr Freude und Licht gibt. Das ist großartig.

Diesen Sommer werde ich mit meinem lieben Freund zusammenziehen. Das ist der Anfang einer kleinen Familie und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mit ihm den Schritt wage, zusammen zu leben, die Grenzen des anderen zu erkunden und gemeinsam die täglichen Freuden und auch Sorgen zu teilen. Ich glaube daran, dass wir uns gegenseitig bereichern werden und dass mich das Zusammenleben noch stärker in Kontakt mit mir selbst bringen wird.

Im August werde ich 30 Jahre alt und langsam höre ich meine biologische Uhr ticken. Ich hab den großen Wunsch, Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen. Gleichzeitg habe ich große Angst davor, als Mutter nicht gut genug zu sein und die falsche Entscheidung zu treffen. Außerdem befürchte ich, dass ich meine Freundschaften nicht mehr pflegen kann. Vielleicht sollte ich noch mehr an mir selbst arbeiten, bevor ich mir ganz sicher bin, ein neues Leben zu beginnen. Andererseits denke ich, dass es dafür wohl niemals den wirklich richtigen Zeitpunkt geben wird.

Was kann mir helfen, damit ich weniger unsicher bin?

Jersper Juul antwortet:
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Lebenssituation, von der ich hoffe, dass Sie noch mehr Licht und Energie in Ihr Leben bringt! Unsere zweite, dritte und vierte Familie ist meist die beste Möglichkeit, voranzugehen und die selbstzerstörerischen Muster abzulegen, die wir während unseres Heranwachsens gesammelt haben. Es ist die Gelegenheit, alles verstehen zu lernen, das uns in unserem Leben mit unseren Eltern und Geschwistern mitgeben wurde und daraus zu schöpfen. Mit niemanden von uns ist ein Zusammenleben einfach. Wir haben alle unsere Ecken und Kanten, auch die Menschen, die wir lieben. An die stoßen wir und machen dann weiter.

Die gemeinsame und gegenseitige Entwicklung in einer Liebesbeziehung kann nicht geplant werden. Die Liebe eines anderen Erwachsenen und nicht zuletzt die Liebe des in uns wohnenden Kindes kann nicht verhindert werden – nicht mit Therapien oder den Büchern, die wir lesen. Das Problem mit den meisten Büchern über Partnerschaften ist, dass sie Anweisungen für ein bestimmtes Verhalten und spezielle Formen der Kommunikation vorgeben. Beides hält jedoch einem aufkommenden Sturm meist nicht stand.

Ich schlage deshalb vor, dass Sie sich einfach ins Familienleben begeben und sich darauf einlassen. Sie wissen bereits über sich selbst, dass Sie eine verantwortungsvolle Frau sind, die mutig genug ist, Ihren Dämonen in die Augen zu sehen und das Chaos zu beseitigen. Ein wichtigeres und größeres Geschenk können Sie Ihrem Freund und Ihrem gemeinsamen Kind nicht machen! Das Verhalten eines Kindes ist nicht perfekt, genausowenig gibt es makeslose Eltern. Selbst wenn wir versuchen, die Fehler unserer Eltern zu vermeiden, ist dies doch unrealistisch.

Mit der momentanen Unsicherheit, ob Sie gut genug sind, können Sie nun zwei Dinge tun: Sie können es sich selbst zur Last machen und damit Ihre Möglichkeiten einschränken, oder Sie nehmen die Unsicherheit als großes Plus in Ihre neue Familie mit. Beraten Sie sich mit Ihrem Mann und Ihrem Kind. Wenn Zweifel aufkommen, werden Sie feststellen, dass die beiden das Gleiche tun. So entsteht ein bereicherndes Leben für alle – ganz anders, als wenn wir ständig behaupten, alles besser zu wissen. Niemand will mit Perfektionisten leben – nicht mal die Perfektionisten selbst! (Jesper Juul, 14.4.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 27. April.

 

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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