Verschwörungsnebel von Smolensk wird immer dichter

11. April 2013, 18:49
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Drei Jahre nach dem Absturz der Präsidentenmaschine schießt sich Polens Rechte auf Russland ein

Vor dem Präsidentenpalast in Warschau hält ein älterer Pole ein Flugzeugmodell in die Luft, in das sich eine russische Rakete gebohrt hat: "Ich bin hierhergekommen, um an die ermordete Elite meines geliebten Vaterlandes Polen zu erinnern", sagt der Mann in die Kameras. Ein jüngerer Mann neben ihm schwenkt eine große rot-weiße Fahne: "Die Katastrophe mit den vielen Toten war schon schlimm", sagt er. "Aber die Lügen der Regierung danach noch viel mehr. Ich habe das Vertrauen zu unseren Politikern verloren."

Je länger die Flugzeugkatastrophe von Smolensk zurückliegt, bei der am 10. April 2010 Polens damaliger Präsident Lech Kaczynski, dessen Frau und weitere 94 hochrangige Funktionäre ums Leben kamen, desto unklarer wird für viele Polen die Unfallursache. Drei Jahre nach dem Absturz der Maschine bei dichtem Nebel fragen sich 52 Prozent der Polen, ob wirklich die schlechten Sichtverhältnisse und gravierende Pilotenfehler die Ursache waren.

Dies haben unabhängig voneinander eine russische und eine polnische Kommission festgestellt. Laut einer neuen Umfrage des öffentlichen Fernsehens TVP meinen über 50 Prozent der Polen, dass "die wichtigsten Fragen zum Unfallhergang bis heute nicht beantwortet" seien.

Drei Tage dauerten heuer die Gedenkfeiern. Besonders aktiv zeigte sich dabei die rechtsnationale Szene Polens rund um die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Jaroslaw Kaczynski . Der Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten schürt seit Jahren Verschwörungstheorien und gibt der heutigen Regierung Polens Mitschuld an der Katastrophe.

Der Verweis auf das Massaker von Katyn, bei dem kurz nach Kriegsbeginn und auf Befehl des sowjetischen Geheimdienstes tausende polnische Reserveoffiziere und Soldaten erschossen wurden, darf dabei nie fehlen. Die Parallele ergibt sich dann fast von selbst: Damals hätten "die Russen" die polnische Elite mit Schüssen in den Hinterkopf erledigt, diesmal hätten sie das Flugzeug mit Polens Präsident an Bord durch eine Explosion in der Luft zum Absturz gebracht.

Botschaft abgeriegelt

Demonstrationen vor der russischen Botschaft in Warschau sind daher ein zentrales Element der Gedenkfeiern. Die Polizei riegelte das Gebäude ab. Im Fernsehen wurden die Verschwörungsparolen eines leidenschaftlichen Mythomanen live übertragen, ebenso wie die Kranzniederlegung Jaroslaw Kaczynskis und dessen Brandreden gegen Russland und die aktuelle polnische Regierung. Auf riesigen Leinwänden zeigten PiS und die ihr nahestehende nationalistische Zeitung Gazeta Polska Filme über die " wahren" Unfallursachen, über den Helden-Präsidenten, der sein Leben für Polen gegeben habe.

Zur zentralen PiS-Kundgebung in Warschau kamen am Mittwoch allerdings deutlich weniger als die angekündigten 100.000 Demonstranten. Auch die katholische Kirche hat im Verschwörungsnebel die Orientierung verloren. Seit Tagen bitten Priester in ihren Predigten Gott um Aufklärung der Flugzeugkatastrophe. Mit seiner Hilfe werde die Wahrheit ans Licht kommen. An den offiziellen Gedenkfeiern der Regierung auf dem Friedhof und in der Warschauer Kathedrale nahmen die PiS-Anhänger demonstrativ nicht teil. (Gabriele Lesser, DER STANDARD, 12.4.2013)

  • Mit Bildern des verunglückten Präsidentenpaares gedenken Demonstranten vor dem Präsidenten- palast in Warschau der Flugzeugkatastrophe im russischen Smolensk am 10. April 2010.
    foto: epa/leszek szymanski

    Mit Bildern des verunglückten Präsidentenpaares gedenken Demonstranten vor dem Präsidenten- palast in Warschau der Flugzeugkatastrophe im russischen Smolensk am 10. April 2010.

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