Der Messie unter den Fotografen

11. April 2013, 18:36
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Was Wolfgang Tillmans in der Welt erkennt, zeigt eine Überblicksausstellung zum Werk eines der wichtigsten und populärsten deutschen Gegenwartsfotografen: eine Lichtbild-Wunderkammer im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Als Wolfgang Tillmans gerade mit dem letzten Interview des dreistündigen Presserundgangs beginnen will, erblickt er eine Museumsmitarbeiterin, die vor einer seiner monumentalen Freischwimmer-Fotografien auf einer Leiter steht und mit einer Taschenlampe den Zustand des Bildes überprüft. "Mit Licht auf Licht", sagt Tillmans begeistert, sprintet zu seiner Tasche, holt die digitale Spiegelreflex und fotografiert die junge Frau, wie sie seine abstrakte Fotografie untersucht.

Die Mitarbeiterin muss nun damit rechnen, demnächst in einer seiner Ausstellungen zu hängen, denn sie ist ein Teil seines Lebens geworden, sie ist nun ein Teil des Wolfgang-Tillmans-Universums. Und dieses ist sehr komplex und schier unendlich in seiner Vielfältigkeit: Wenn Fotografen Sammler sind, dann ist Wolfgang Tillmans ein Messie.

Denn im Gegensatz zu einem Sammler, der sich auf wenige Aspekte konzentriert, dem zwar jedes einzelne Foto wichtig ist, bei dem aber meist das große Ganze, die Vollständigkeit im Zentrum steht, im Gegensatz dazu ist Tillmans ein Vagabund, ein visueller Vielfraß, der sich für alles und jeden interessiert. Konzentration auf ein, zwei Sujets empfindet der gebürtige Remscheider als Einschränkung. Die Fotografie dient Tillmans als Werkzeug, "um die Welt zu erkennen".

Tesastreifen und Binder Clips

Was genau er in der Welt erkennt, zeigt er nun in einer Überblicksausstellung im K21 in Düsseldorf, das er in eine fotografische Wunderkammer verwandelt hat. Es gibt Sequenzen wie die Concordes oder die Luftaufnahmen von Städten oder die vergrößerten Zeitungsartikel, in denen es um Kriege geht. Vor allem aber sind es die Konstellationen aus unterschiedlichsten Einzelaufnahmen, die zu seinen bekannten, mit Tesastreifen und Binder Clips befestigten Wandinstallationen führen.

Jedes Bild ist Teil des Ganzen, das auch alleine funktionieren muss, das aber niemals für das Ganze steht: der Tukan auf der Futterschale; der junge Mann mit dem Irokesenhaarschnitt, der auf einen grünen Stuhl uriniert; der Blick aus einem Fenster mit kleinen Caravaggio-Karten davor; die Nahaufnahme von Achselhaaren; der junge Araber in seinem Geschäft; der Hoden, der aus der Unterhose hängt; Autoscheinwerfer; Menschen auf einer Sommerwiese. In Tillmans' Bildsprache ist das Semikolon das wichtigste Satzzeichen.

Knallbuntes Kaleidoskop

Der große Vorteil, dass jeder etwas anderes in diesen offenen Bilderwelten sehen kann, ist zugleich das Problem: Sie wirken schnell beliebig. Wer soll hier noch nachvollziehen, um was es dem Turner-Preisträger eigentlich geht? Geht es Tillmans überhaupt um etwas Greifbares? Für seine Fotos vom Venustransit im Jahr 2004 hat er durch ein Teleskop geschaut. Sieht der Betrachter hingegen auf Tillmans, ist es der Blick durch ein knallbuntes Kaleidoskop, das sich bei jeder Bewegung zu verändern droht. Die große Klammer ist nur Tillmans selbst.

Das ist wohl auch der Grund, warum der 44-Jährige einen so großen Einfluss auf die nachfolgende, von der distanzierten Becher-Schule geprägte Generation hat. In Japan gilt Tillmans zudem als populärster, zeitgenössischer Fotograf aus Deutschland - mit seiner subjektiven Sicht auf die Welt kommt er der dortigen Variante der "Straight Photography" sehr nahe: Bei einem Vortrag, den er anlässlich seiner ersten Ausstellung in Japan hielt, seien 1000 Besucher gekommen, worauf er seinen ersten und einzigen Nervenzusammenbruch erlitten habe, wie er sagt.

Von einem Nervenzusammenbruch ist er in Düsseldorf weit entfernt. Dennoch: "Bei der Fülle, die hier gezeigt wird, ist es für mich schockierend zu sehen, was ich alles nicht geschafft habe zu zeigen", sagt Tillmans. Die Besucher werden es ihm danken. (Damian Zimmermann, DER STANDARD, 12.4.2013)  

Die Ausstellung läuft noch bis 7. Juli.

  • Fotografisches Füllhorn von Wolfgang Tillmans im K21 Ständehaus in Düsseldorf: "Lutz and Alex sitting in the trees" (1992).
    foto: tillmans

    Fotografisches Füllhorn von Wolfgang Tillmans im K21 Ständehaus in Düsseldorf: "Lutz and Alex sitting in the trees" (1992).

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