Zu den Sternen

11. April 2013, 17:03
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Das chilenische Quartett Föllakzoid erforscht fremde Galaxien mit psychedelisch ausuferndem Weltraumpop

 Im Laufe der Menschheitsgeschichte wollten schon viele Erdbewohner in den Weltraum aufbrechen. Wie die damit verbundenen enormen finanziellen Aufwendungen zeigen, hat sich dabei das Bestreben, es mit Verbrennungsmotoren zu versuchen, als Irrweg herausgestellt. Diese bei älteren Leuten noch halbwegs bekannte Voyager-Sonde hat zwar nach Jahrzehnten sturen Geradeausflugs mit der Musik Chuck Berrys und Beethovens an Bord sowie einem Lehrfilm zum Thema Mickey Mouse und den wichtigsten mathematischen Formeln aus dem Bereich schriftliche Matura mittlerweile ja, nein, vielleicht unsere Galaxie verlassen. Allerdings tuckert sie unbemannt Richtung Ende nie. Und die paar versprengten Gestalten in viel zu weiten Jump-Suits, die schon auf dem Mond herumgehüpft und dann wegen "Houston, wir haben ein Problem" oft fast nicht mehr nach Hause zurückgekommen sind, kann man auch an drei Händen abzählen.

Die vier Sternenfahrer von Föllakzoid stammen so wie die geistesverwandte Band The Holydrug Couple aus Santiago de Chile. Sie setzen nicht so sehr darauf, fremde Welten über den mechanischen Weg erreichen zu können. Föllakzoid sind Teil einer dort starken lokalen Szene. Diese lässt sich dezidiert von Psychedelic Rock, Krautrock und anderen damals parallel zum Höhepunkt der klassischen Raumfahrt populären Musikstilen Ende der 1960er-/Anfang der 1970er-Jahre beeinflussen. Sie versucht die sogenannten Naturgesetze mit schamanistischen Ritualen, in freien Jamsessions destillierter musikalischer Energie und selbstverständlich auch bewusstseinserweiternden Hilfsmitteln überwinden zu können. Time takes a cigarette, mit Gedanken reisen, diese Abteilung.

Auf dem neuen Album namens II, das beim US-amerikanischen Label Sacred Bones Records veröffentlicht wurde, haben die vier Chilenen ihre magischen Kräfte jenseits von Bürostunden, Übungsraum und Rezeptpflicht nun nach ihrem ersten Gehversuch mit dem titellosen Debüt von 2011 interessanterweise trotz "Song"-Titeln wie Arabic-Hash fokussiert. Aus tendenziell richtungslosem Gedaddel und Gebrabbel und einer Sonderzahl wilder Echoeffekte und kosmischem Gezischel alter Analog-Synthesizer ziehen Föllakzoid in der Nachbearbeitung auf dem Mischpult insgesamt vier bis zu 15-minütige Stücke im Zeichen kosmonautischer Musik. Sie erinnern mit ihren repetitiven Rhythmen an Vorbilder wie Can oder Neu!, schauen aber auch gern bei Pink Floyd in deren guter Phase noch vor Dark Side Of The Moon vorbei.

Die Band setzt sich aus einem Filmemacher, einem Fotografen, einem Architekten sowie dem Leiter des chilenischen Festivals Sangre Fresca zusammen. Letzteres beschäftigt sich dem Vernehmen nach auch gern mit lokalen Traditionen, die sich mit Magie auseinandersetzen. Gemeinsam interessiert man sich für Grenzwissenschaften. Man kann also sicher sein, dass bei Föllakzoid immer nur das gute Zeug auf den Wohnzimmertisch kommt. In der letzten Viertelstunde des Albums gelangen Föllakzoid dann zwar nicht unbedingt in die Nähe der Grenzen unseres Sternensystems. Das Weltall beginnt allerdings bei Pulsar in der beständigen Wiederholung eines einzigen knapp gehaltenen Grundmotivs ordentlich zum Schwingen. Das geht hin und her und her und hin. Schließlich rutscht man raus aus dem System. Die Voyager-Sonde gelangt ins Blickfeld.  (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 12.4.2013)

Föllakzoid - "II" (Sacred Bones Records / Trost)

  • Föllakzoid interessieren sich für Grenzwissenschaften und lokale Traditionen, die sich mit Magie auseinandersetzen. Bei dieser Band kommt immer nur das gute Zeug auf den Tisch.
    foto: trost

    Föllakzoid interessieren sich für Grenzwissenschaften und lokale Traditionen, die sich mit Magie auseinandersetzen. Bei dieser Band kommt immer nur das gute Zeug auf den Tisch.

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