China legt "Django" wieder in Ketten

11. April 2013, 17:23
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Die Premiere des Tarantino-Westerns "Django Unchained" war am Donnerstag in China bereits nach einer Minute wieder zu Ende - Spekulationen über Gründe für abrupte Absetzung

Quentin Tarantinos Oscar-prämierter Western "Django Unchained" hat sich bei seiner spektakulären China-Premiere am Donnerstag nur eine Minute lang in in den Kinos gehalten. Danach wurde er auf unbestimmte Zeit aus dem Programm genommen. Der Film hatte trotz seiner Gewaltszenen und der Behandlung von Sklavenaufständen die gefürchtete Vorzensur überstanden. Nun spekulieren Blogger über die Gründe der abrupten Absetzung. 

Trotz der frühen Beginnzeit um 9 Uhr waren die Kinos beim landesweiten Start gut besucht. In der Megabox im Pekinger Stadtviertel Sanlitun sei der Film nur eine Minute lang gelaufen, berichtete ein wütender Blogger, dann habe die Ausstrahlung geendet und das Licht sei angegangen. Ein Angestellter sei gekommen und habe erklärt: "Das Amt für Film und Fernsehen hat soeben angerufen. Der Film wird aus technischen Gründen verschoben." Alle Besucher sollten ihre Karten umtauschen.

Ähnliche Meldungen erhielten Kinogänger offenbar im ganzen Land, wo überall der gleichzeitig gestartete Film unterbrochen wurde, immer mit der gleichen Ansage. Man habe von der Behörde und der Verleihfirma China Film Group Corporation telefonisch die Anordnung erhalten, den Film abzusetzen. Das Webportal "Tencent QQ", das auch Kinokarten verkauft, hatte im Vorverkauf Kartenbestellungen im Wert von vier Millionen Yuan (500.000 Euro) gemeldet.

"Django Unchained" ist der erste Tarantino-Film, der es nach China geschafft hat. Er war hier unter dem Titel "Beijiejiu de Jiangen" (Befreiter Django) angelaufen. Den chinesischen Cineasten ist der Regisseur aber über Raubkopien wohlbekannt. Nach der überraschenden Absetzung debattierten wütende Microblogger über die Gründe, denn plötzliche Absetzungen kommen in Chinas sorgfältig vorzensurierter Kinoszene üblicherweise nicht vor.

Die meisten tippten auf eine Szene, die die Aufpasser übersehen hätten, in der ein Mann an den Füßen aufgehängt baumelt und sein Penis groß zu sehen ist. China verbietet direkte Abbildungen von Geschlechtsteilen. Dabei waren extrem gewalttätige Szenen aus dem Film bereits herausgeschnitten oder modifiziert worden, um die Vorzensur zu überstehen. Seit Wochen wurde zudem die Premiere im Internet mit Filmplakaten und Vorbesprechungen beworben und besonders Leonardo DiCaprio herausgestellt, den die chinesischen Kinofans für seinen "Titanic"-Film lieben. Die Überschriften der Werbung für "Django Unchained" lauteten etwa: "13-mal Oscar-nominiert - Kulturelle Gewaltästhetik vom Feinsten".

Einige Blogger glaubten eher an politische Gründe. Der Blogger Ayixidalan schrieb: "Die heutigen Führer haben am meisten Angst vor Aufständen, vor allem wenn sich Sklaven gegen ihre Unterdrücker erheben."

Glück hatten Kinogänger in einigen chinesischen Städten, in denen die Kinos den Film in Eigenregie schon um Mitternacht zeigten. Sie konnten den Streifen zur Gänze sehen. Die Website der Zeitung "21st Century" berichtete, dass es 87 Vorführungen noch vor der offiziellen Premiere gegeben habe. 716 Kinogänger hätten "Django Unchained" somit vollständig sehen können. (Johnny Erling, DER STANDARD, 12.4.2013, Langfassung)

  • Poster in Peking kündigen Quentin Tarantinos Sklaven-Western "Django Unchained" an. Nach abgebrochenen Premierenvorstellungen wurde der Film voräufig wieder aus dem Programm genommen.
    foto: reuters/jason lee

    Poster in Peking kündigen Quentin Tarantinos Sklaven-Western "Django Unchained" an. Nach abgebrochenen Premierenvorstellungen wurde der Film voräufig wieder aus dem Programm genommen.

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