Der Luxusboom als Anrainerschreck in der Schönlaterngasse

10. April 2013, 18:50
156 Postings

Die Stadt Wien lässt zu, dass Investoren Luxuswohnungen in ihrem historischen Zentrum errichten - Das stellt eine Belebung sicher, birgt aber auch Konfliktpotenzial

Wien - Das verwinkelte Gässchen im ersten Bezirk, benannt nach dem Haus Nummer 6, an dem eine "schöne Laterne" hängt (das Original ist im Wien-Museum zu besichtigen), hieß im Mittelalter "Straße der Herren zum Heiligen Kreuz". Sie führt am Heiligenkreuzerhof vorbei, errichtet im zwölften Jahrhundert als Stiftshof und der Legende nach das älteste Zinshaus von Wien. Die Schönlaterngasse birgt aber auch prachtvolle Barock-Bürgerhäuser - sowie das Basiliskenhaus. Um die Nummer 7 rankt sich die Sage, dass im Hausbrunnen im Jahre 1212 ein Basilisk hauste, den ein tapferer Bäckerbub durch Vorhalten eines Spiegels in Stein verwandelte. Heute zeigt ein Fresko an der Hausmauer die Szene.

Im Basiliskenhaus wohnt seit Jahrzehnten der Architekturkritiker Friedrich Achleitner mit seiner Familie. Wenn es nach den Achleitners geht, soll das auch so bleiben. Allerdings macht den Mehrheitseigentümern ein Immobilienentwickler ihr Heim streitig: Vor ein paar Jahren kaufte sich die Firma Tecto ein. Sie will mittels Teilungsklage erreichen, dass die Eigentümergemeinschaft, der das nichtparifizierte Haus gehört, aufgelöst wird – und die zwölf Wohnungen auf die einzelnen Besitzer aufgeteilt werden.

Komplizierte Eigentümerstruktur

Dies ist allerdings aufgrund der komplizierten Eigentümerstruktur (Tecto ist mit einer Reihe von Tochtergesellschaften eingestiegen) nicht möglich. Bliebe also nur eine Zwangsversteigerung, bei der der neue Mitbesitzer die Achleitners überbieten könnte. Achleitner hofft allerdings, dass die Investoren inzwischen bemerkt haben, dass man mit dem Basiliskenhaus nicht reich wird. "Es ist ein sehr altes, denkmalgeschütztes Haus mit niedrigen Räumen - Luxuswohnungen kann man da keine draus machen." Tecto war trotz mehrmaliger Anfrage zu keiner Stellungnahme bereit.

Im Haus daneben, der Nummer 9, hat man sich mit dem neuen Eigentümer vorerst arrangiert. Das Haus gehörte einst der Wiener Städtischen Versicherung. Als der kommunale Betrieb an die Börse ging, wurde das Gebäude Ende 2007 verkauft. Der neue Eigentümer, die Immobilienfirma Immokrass, plant dort die Errichtung von acht bis neun Luxuswohnungen samt Dachausbau sowie vier Pkw-Stellplätzen. Dem Vernehmen nach. Konkrete Informationen verweigert Stefan Schmerschneider von der Firma "Schmerschneider Immobilienentwicklung GmbH". Die dürre Auskunft: Ja, man realisiere dort ein Wohnprojekt, der genaue Baubeginn stehe noch nicht fest. Was mit dem derzeitigen Mieter weiter passiere, solle der  Standard mit diesem klären.

Baustelle seit vier Jahren

Besagter Mieter, der gemeinnützige Kunstverein Alte Schmiede mit Literarischem Quartier und Musikwerkstatt, ist in dem Haus auf 400 Quadratmetern eingemietet. Auf diese Fläche hat der Verein zwar ein Vorkaufsrecht, doch in Ruhe residiert man dort schon lange nicht mehr. "Wir leben seit vier Jahren in einer Baustelle", sagt Geschäftsführer Walter Famler. Immer wieder gebe es Störungen durch unvorhergesehene Stromausfälle oder Wassereinbrüche, die den laufenden Sanierungsarbeiten geschuldet sind. "Es ist eben keine Kleinigkeit, ein Haus aus dem 16. Jahrhundert für eine heutige Luxusklientel umzubauen."

Den großen Veranstaltungsraum in der ehemaligen "Alten Schmiede" hat der Kunstverein längst verloren, man musste innerhalb des Hauses in andere Räumlichkeiten umziehen - das ist bei jährlich etwa 250 Veranstaltungen des Kunstvereins kein geringes Problem. Doch richtig losgehen soll es erst im Sommer. Famler: "Da beginnen die eigentlichen Bauarbeiten." Der Kunstverein-Geschäftsführer sagt, er sei mit den neuen Eigentümern "in recht gutem Einvernehmen". Trotzdem wirft er der Stadt Wien und der ehemals kommunalen Städtischen Versicherung vor, das Haus nicht behalten zu haben: "Auf Dauer sind private und kommunale Interessen dort wahrscheinlich schwer zu vereinbaren."

Streit um Lüftungsanlage

Nicht leicht zu vereinbaren sind offenbar auch die Interessen des Eigentümers der Schönlaterngasse 13 mit jenen des Lokalpächters im Erdgeschoß: Der Streit zwischen der Familie Jelitzka und der Familie Lametta wird inzwischen gerichtlich ausgefochten. Nachdem die Jelitzkas das Haus der Stadt Wien abgekauft haben, wurde es um vier Stockwerke erweitert - um Platz für Luxusapartments zu schaffen. Seither gibt es keine entsprechende Lüftungsanlage mehr für das Lokal "Hotel Riviera" im Erdgeschoß. Ob es jemals wieder aufsperren wird, ist ungewiss.

Noch offen ist außerdem, was mit dem Haus Nummer 6, jenem Gebäude, das der Gasse ihren Namen gegeben hat, passiert. Auch das Schönlaternhaus hat vor ein paar Jahren den Besitzer gewechselt. Es gehört derzeit dem Immobilienentwickler Kantor, der trotz mehrmaliger Anfrage nicht mit dem Standard  sprechen wollte. Kantor ließ vor ein paar Jahren die Hoerde-Fabrik im zweiten Bezirk zu Lofts umbauen. (Martina Stemmer/Petra Stuiber, DER STANDARD, 11.4.2013)

  • Die "schöne Laterne" am Haus Nummer 6 ist die Namensgeberin für die Schönlaterngasse.
    foto: der standard/robert newald

    Die "schöne Laterne" am Haus Nummer 6 ist die Namensgeberin für die Schönlaterngasse.

Share if you care.