Große Herausforderungen für Chávez' Nachfolger

Analyse11. April 2013, 05:30
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Alarmierende Kriminalität, sozialpolitische Verwerfungen, Korruption: Manche Oppositionelle hoffen bei der Wahl am Wochenende auf einen Sieg Maduros

Hugo Chávez und Venezuela, das war 14 Jahre lang fast ein Synonym. Konsequent bastelte der vor fünf Wochen verstorbene Staatschef an seinem eigenen Mythos. Zusammengerechnet auf 69 Tage Sendezeit brachte es die sonntägliche Politshow "Alo Presidente". Er brachte es fertig, US-Präsident George W. Bush zu verteufeln und ihm gleichzeitig den Löwenanteil des venezolanischen Erdöls zu verkaufen.

Mit Milliarden von Petrodollars katapultierte Chávez seine "bolivarische Revolution" auf die Weltbühne. Doch was kann bleiben von einem derart personalistischen System nach dem Ableben des Hauptdarstellers? Welches Erbe wird sein Nachfolger übernehmen müssen, der am Sonntag gewählt wird?

Mythos Chávez

"Das größte Problem für den Regierungskandidaten Nicolás Maduro ist nicht, die Wahl zu gewinnen, sondern anschließend zu regieren", meint der Politologe Michael Rowan. "Chávez hinterlässt seinem Nachfolger eine 'Atombombe'", pflichtet der Ökonom Orlando Ochoa von der Katholischen Universität Andrés Bello bei. Chávez habe sich selbst zum Mythos stilisiert, effizientes Regieren sei ihm nicht wichtig gewesen, so sein Biograf Alberto Barrera. Entsprechend desaströs präsentiert sich sein Erbe.

Die Gewaltkriminalität erreicht Rekordausmaß, der Erdölsozialismus hat zu Verwerfungen geführt: Verstaatlichungen, Devisenverkehrs- und Preiskontrollen haben die Korruption befeuert und gleichzeitig zu Güterknappheit geführt. Die enorme Ausweitung der Staatsausgaben hat den Armen zwar einen Konsumboom ermöglicht, aber auch die Inflation angeheizt. Die heimische Produktion ist auf ein historisches Minimum gefallen; die Abhängigkeit vom Erdöl ist größer denn je.

Rasches Verfallsdatum

Der staatliche Erdölkonzern ist inzwischen zu einer Art Sozialministerium geworden, baut Wohnungen und verteilt Lebensmittel. Das Kerngeschäft wurde vernachlässigt, Stromausfälle sind an der Tagesordnung, Exporte werden im Voraus an China verpfändet.

Für all das konnte Chávez mit rhetorischem Talent den Imperialismus, den Kapitalismus oder inkompetente Minister verantwortlich machen. "Charisma ist nicht übertragbar, und auch der Kronprinzeneffekt für Maduro hat ein schnelles Verfallsdatum", warnt die Historikerin Margarita Lopez-Maya. Chávez hinterlasse keine Doktrin, sondern einen Mischmasch aus linkem und rechtem Gedankengut, vermischt mit Pragmatismus, radikaler Rhetorik und populistischer Volkskultur, so der Soziologe Tulio Hernández. Nach Auffassung des Meinungsforschers Luis Vicente León werden erst nach der Wahl "die Karten neu gemischt." Insbesondere Parlamentspräsident Diosdado Cabello gilt als Gegenspieler.

Unruhen befürchtet

"Egal wer gewinnt, der Nachfolger wird erst einmal die Wirtschaft auf Vordermann bringen müssen", glaubt der Publizist Rory Carroll. "Und das wird zu sozialen Unruhen und Verwerfungen führen" - ein gefährlicher Drahtseilakt in einer polarisierten Gesellschaft, in der sich viele an staatliche Unterstützung gewöhnt haben und radikale chavistische Milizen bis zu den Zähnen bewaffnet sind.

Schon während der Agonie des Präsidenten musste die Regierung die Währung abwerten, und die Bruderländer Kuba und Nicaragua fürchten nun Einschnitte bei den großzügigen Erdöllieferungen. Bleiben die Erdölpreise hoch, hat der neue Präsident mehr Spielraum. Ob sich Maduro dann zum realpolitischen Reformer wandelt oder ob er den radikalen sozialistischen Kurs fortführt, wie er im Wahlkampf verkündete, ist offen.

Manche Oppositionelle hoffen auf Sieg Maduros

"Je klarer sein Sieg ausfällt, desto mehr Spielraum hat er für Reformen", sagt León. Dass Oppositionskandidat Henrique Capriles im Falle eines Sieges das Ruder herumreißen würde, hat er oft genug klargemacht. "Aber der Kelch ist so vergiftet, dass einige Oppositionelle insgeheim auf einen Sieg Maduros hoffen, damit die Chavistas die Suppe selbst auslöffeln müssen", so Carroll. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 11.4.2013)

  • Venezuelas Interimspräsident Nicolás Maduro muss - zumindest vorerst - das Andenken an Hugo Chávez hochhalten. Doch schon bald nach der Wahl könnte ihn die Realpolitik einholen. 
    foto: reuters/carlos garcia rawlins

    Venezuelas Interimspräsident Nicolás Maduro muss - zumindest vorerst - das Andenken an Hugo Chávez hochhalten. Doch schon bald nach der Wahl könnte ihn die Realpolitik einholen. 

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