Den Russen auf der Spur

10. April 2013, 17:05
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Andreas Homoki inszeniert Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" als intensive Groteske, die Dirigent Teodor Currentzis packend umgarnt

In Zürich hat sich der Nachfolger von Alexander Pereira auf dem Intendantenposten der Oper eingerichtet. Manches ist anders geworden, doch befleißigt sich Andreas Homoki auch am Zürichsee der gleichen Tugend, die ihn an der Komischen Oper für diesen begehrten Posten qualifiziert hatte: Ganz und gar uneitel stellt er sich als Regisseur der starken Konkurrenz. Ganz gleich, ob die nun Tscherniakov, Marthaler, Gürbaca, Loy oder Baumgarten heißt.

Nun also Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk: Auf lange Sicht hat das berüchtigte Verbot, das die Lady Macbeth von Mzensk traf, dem Werk nichts anhaben können. Für den Komponisten Dmirti Schostakowitsch (1906-1975) war es gleichwohl lebensgefährlich. "Chaos statt Musik", so lyrisch war die Zensorenprosa in der Prawda überschrieben. Der Bannstrahl Stalins traf damit am 28. Jänner 1936 eine Oper, die in den zwei Jahren seit ihrer Uraufführung längst populär geworden war.

Und er traf jede eigenständig den Pfaden der Moderne folgende Musikentwicklung im Reich des roten Zaren gleich mit. Das eigentliche Wunder ist dabei wohl, dass es erst so spät kam. Es soll die allzu direkte, unverkennbar erotisch aufgeladene Koitusmusik gewesen sein, die Anstoß erregte. Dabei hätte vor allem das hymnische "Niemand ist schöner als die Sonne am Himmel", das der besoffene Pope an der Hochzeitstafel über der Leiche im Keller anstimmt, dem "größten" aller sowjetischen Kunstfreunde in seiner Opernloge die Schamröte ins Gesicht treiben müssen. Das bleibt, nicht nur mit heutigen Ohren gehört, eine ziemlich unverhohlene und geradezu todesmutige Bloßstellung des Personenkults.

Auch das sieht und hört man in Zürich - wenn auch ohne jeden Anflug eines zeitgeschichtlichen Proseminars über den roten Zaren und seinen genialen Musiker. Homoki und sein Bühnenbildner Hartmut Meyer sind ganz bei sich. In einem surrealen Raum, mit ansteigendem Seitengang am Rundhorizont, vier Öffnungen, die wie Abwasserkanäle Richtung Unterwelt wirken und von roten Kugeln verschlossen werden, und einem langgezogenen Schrankcontainer auf der Drehbühne, wird nie so getan, als würde man historische Wirklichkeit abbilden.

Eine stilisierte Kunstwelt

Es ist eine in sich geschlossene stilisierte Kunstwelt, in der die Kostüme von Mechthild Seipel mit comichafter Zuspitzung einen Gesellschaftsquerschnitt skizzieren. Sie bringen das Groteske der Entstehungszeit der Oper auf den optischen Punkt und zeigen, was man in der vitalen Musik Schostakowitschs allemal hört.

Diese Ästhetik, die so weit geht, die Bläser-Banda als Clownskapelle auf der Bühne zu integrieren, schafft eine verfremdende Distanz und erweitert damit den Raum für die Musik. Wenn dann aber diese Gesellschaft nicht etwa in Lumpen und auf Opfer geschminkt, sondern so wie sie ist, nach Sibirien entsorgt wird, dann überholt die Verfremdung sich selbst. Und sorgt für den Rückenschauer einer Wahrheit, die es in sich hat.

Durch seine erfolgreiche Arbeit im russischen Opernhinterland - erst in Nowosibirsk und jetzt in Perm - bringt der mit seiner Bregenzer Ausgrabung von Weinbergs Passagierin vor zwei Jahren bekanntgewordene junge Grieche Teodor Currentzis so etwas wie russische Authentizität ans Pult der Philharmonia Zürich. Es ist eine Lust zu hören, wie er zulangt, das Obsessive explodieren, dann aber auch die Streicher fein säuseln lassen kann.

Beim exzellenten Ensemble stimmen vor allem die drei Hauptpartien. Darstellerisch und vokal. Grandios die Katja von Gun-Brit Barkmin. Wie sie sich langweilt, sich wehrt, ihrem Schwiegervater-Monster das Rattengift in die Pilze mischt, in der Machogesellschaft die Macht ergreift und selbst die Peitsche schwingt, um dann unter der Last des zweiten Mordes an ihrer Witzfigur von Ehemann zusammenzubrechen und auf dem Weg ins Straflager, gegen den Verrat ihres Geliebten, mit dem abschließenden Doppelmord an sich selbst und dessen neuer Flamme zu rebellieren. Wunderbar, wie Brandon Jovanovich den Verführer Sergej mit vokaler Wucht und als viriles Mannsbild in den Raum stellt.

Und grandios, wie sich Kurt Rydl in den altersgeilen Unterhosen-Tyrannen Boris hineinsteigert. Auch sonst keine Schwachstelle. Langer und einhelliger Jubel in Zürich! (Joachim Lange, DER STANDARD, 11.4.2013)

  • "Lady Macbeth von Mzensk": vitale Musik und eine vital-schrille Inszenierung mit grotesker Schlagseite. 
    foto: monika rittershaus

    "Lady Macbeth von Mzensk": vitale Musik und eine vital-schrille Inszenierung mit grotesker Schlagseite. 

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