Rainer Mennicken: "Trauben sind schwer mit Bananen zu vergleichen"

Interview10. April 2013, 17:10
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Im neuen Linzer Musiktheater wird es keine "besseren Salzburger Festspiele" geben, dafür mehr Musicals

Mit dem Brucknerhaus will Intendant Rainer Mennicken in einen "fröhlichen Wettbewerb" treten, erzählte er Kerstin Scheller und Markus Rohrhofer.

STANDARD: Das neue Linzer Musiktheater feiert ab Donnerstag Eröffnung. Entsteht hier ein neuer Konkurrent zu Salzburg und Wien?

Mennicken: Salzburg und Wien haben andere Voraussetzungen. Ich würde aus meinem Verständnis heraus niemals in Konkurrenz treten wollen zu einer Staatsoper oder zu den Salzburger Festspielen. Die Wiener Staatsoper hat als Einspartenhaus 100 Millionen Euro als Einspartenbetrieb zur Verfügung, wir haben als einziges Fünfspartenhaus Österreichs ein Budget von knapp 40 Millionen Euro. Trauben sind schwer mit Bananen zu vergleichen. Aber wir haben jetzt mehr Chancen denn je, Kenner nach Linz zu locken, die auch in Wien und in Salzburg ins Theater gehen. Jedoch nicht, weil in Linz etwa die besseren Salzburger Festspiele stattfinden.

STANDARD: Sondern?

Mennicken: Wir machen Theater für die hiesige Bevölkerung und wollen zugleich Attraktion entwickeln, die über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlt. Ich weiß, dass für die Philip-Glass-Aufführung Zuschauer aus Wien und weit darüber hinaus anreisen. Und ich vermute, dass wir mit der Sparte Musical einen Trumpf in der Hand haben. Die Vorverkaufszahlen geben uns ein gutes Gefühl.

STANDARD: Das Linzer Musiktheater - ein Haus der leichten Muse?

Mennicken: Nein. Linz ist das Haus der anspruchsvollen Vielfalt.

STANDARD: Abseits der Kommerzes?

Mennicken: Wissen Sie, wir sind gewissen ökonomischen Rahmenbedingungen verpflichtet und gehen sorgfältig mit den Mitteln um, die uns die öffentliche Hand zur Verfügung stellt. Als Kommerz habe ich das nie begriffen. Wir müssen mit unseren Ticketerlösen einen gewissen Beitrag zum Budget liefern. Etwa 1,3 Millionen Euro Mehreinnahmen werden jetzt angestrebt. Aber Profite müssen wir nicht erwirtschaften, das ist nicht unsere Aufgabe.

STANDARD: Dennoch muss sich das neue Haus rechnen!

Mennicken: Das Haus rechnet sich als weicher Standortfaktor. Es ist eine Attraktion, sogar unter touristischen Aspekten. Es ist eine Investition in die Zukunft einer entwicklungsfreudigen Region.

STANDARD: Das klingt sehr harmonisch. Die Vorgeschichte war alles andere als das. Der Neubau war ein politisches Streitthema über Jahrzehnte hinweg. Jetzt spricht der Landeshauptmann von einem Jahrhundertbau und knüpft daran entsprechende Erwartungen.

Mennicken: Natürlich trage ich Verantwortung, und der Erfolg der Arbeit eines Theaters ermuntert dazu, es weiterhin mit adäquaten Grundlagen auszustatten. Damit lassen sich dann wieder spannende Konstellationen schaffen: Wir arbeiten jetzt, seit wir für das neue Musiktheater produzieren, zum Beispiel mit Inszenierungsteams zusammen, die sich vor drei, vier Jahren noch nicht für eine Arbeit in Linz hätten erwärmen lasse.

STANDARD: Ist ein Haus mit vier Bühnen und 1700 Sitzplätzen nicht für eine Stadt wie Linz überdimensioniert?

Mennicken: Das bleibt abzuwarten. In Österreich ist das Interesse an Kultur in den letzten 25 Jahren stetig gestiegen. Es wachsen junge Leute heran, die sich für Kultur begeistern lassen. Wir sehen das am Zulauf zu unseren Jugendproduktionen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es möglich ist, zusätzliche 40.000 Tickets pro Jahr zu verkaufen. Wenn wir eine Auslastung von 75 bis 80 Prozent schaffen, erreichen wir dies.

STANDARD: Wie realistisch ist diese Zielvorgabe, zumal Linz noch das Brucknerhaus besitzt? Dessen künstlerischer Leiter Hans Joachim Frey hat Ihnen bereits ausrichten lassen, Sie sollten bei der Programmierung des neuen Hauses doch mit offenen Karten spielen, um nicht unnötig Konkurrenz zu schaffen.

Mennicken: Ich spreche seit Jahren öffentlich über das, was wir hier vorhaben. Und wir haben mit Frey schon erste Kooperationsprojekte beschlossen. Andererseits ist das Brucknerhaus ein Konzerthaus, erweitert aber nun seine Programmierung überraschend deutlich in Richtung Oper und kündigt eine Reihe von Musiktheaterproduktionen an - am besten nehmen wir das als fröhlichen Wettbewerb ... (Kerstin Scheller/Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 11.4.2013)

Rainer Mennicken (62) studierte in Dortmund und Bochum Germanistik, Philosophie und Theatergeschichte. Bevor er 2006 als Intendant an das Landestheater Linz kam, war er Generalintendant des Oldenburger Staatstheaters. Das Linzer Musiktheater gehört zum Linzer Landestheater. Bis 2016 wird Mennicken Intendant in Linz bleiben. Erweitert wird das neue Musiktheater um die Sparte Musical.

 

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  • Rainer Mennicken, Intendant des Linzer Landestheaters, sieht im neuen Musiktheater, das um die Sparte Musical erweitert wird, "ein Haus der anspruchsvollen Vielfalt".
    foto: hermann wakolbinger

    Rainer Mennicken, Intendant des Linzer Landestheaters, sieht im neuen Musiktheater, das um die Sparte Musical erweitert wird, "ein Haus der anspruchsvollen Vielfalt".

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