Hass auf Ägyptens Präsidenten: Alles relativ

Analyse10. April 2013, 12:57
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Die Beliebtheitswerte von Präsident Mohammed Morsi sinken - Trotzdem haben die Ägypter keine Idee, wer ihnen als Präsident lieber wäre

Ahram Online veröffentlichte zu Wochenbeginn eine Umfrage des "Egyptian Centre for Public Opinion" (Baseera), die den Niedergang des Beliebtheitswertes von Präsident Mohammed Morsi demonstriert. Demnach stehen seine Werte auf einem "Rekordtief" von 47 Prozent. Verglichen mit dem, was er einmal hatte, ist das natürlich wirklich ein dramatisches Absacken: 78 Prozent Zustimmung nach den ersten hundert Tagen. Damals hätten ihn 58 Prozent der Befragten sofort (wieder) gewählt, er hätte also einen höheren Wert erreicht als bei den Wahlen im Juni 2012, die er mit 51,73 Prozent über Ahmed Shafiq gewann.

Obama versus Morsi

Ohne jetzt über die Professionalität ägyptischer Umfragen etwas zu wissen und darüber, ob diese Umfragen mit westlichen vergleichbar sind: Die 47-prozentige Beliebtheit Morsis sollte jedem zu denken geben, der ganz Ägypten im Aufruhr gegen den bösen Muslimbruder sieht. In den USA gibt es einen "Rasmussen Daily Presidential Tracking Poll", in dem kommt US-Präsident Barack Obama am Montag (8. April) auf 50 Prozent Zustimmung. Ein guter Wert, auch wenn er auch bei Obama schon einmal besser war. Aber diese Umfrage ergibt gleichzeitig einen "Disapprove"-Wert von 49 Prozent, wovon bei 37 Prozent der Befragten die Ablehnung sehr stark ist. Bei Morsi ist der Ablehnungswert mit 45 Prozent geringer als bei Obama, wenngleich um zwei Prozentpunkte höher als noch vor einem Monat.

Interessant ist jedoch, dass zwei Drittel der Befragten in Ägypten nicht sagen können, wer ihnen als Präsident lieber wäre. Ahmed Shafiq bekommt noch ein sehr schmales Stück (8 Prozent) von der Torte namens "Wenn morgen gewählt würde". Es macht keine Freude, das zu hören, aber: Hosni Mubarak liegt mit den im Westen beliebten Oppositionellen Mohamed ElBaradei und Amr Moussa ungefähr gleich auf. Da liegen wir im Bereich unter drei Prozent.

Morsi schneidet in unteren Bildungsschichten besser als in oberen. Bei Befragten mit Universitätsabschluss kommt der Präsident "nur" mehr auf 39 Prozent Zustimmung. Über die Zusammensetzung des Samples erfährt man nichts, auch nicht die Vermögensverhältnisse betreffend. Aber es ist eine ziemlich sichere Wette, wenn man darauf setzt, dass Slumbewohner in Kairo oder arme Tagelöhner in der ägyptischen Landwirtschaft eher weniger gut telefonisch zu erreichen sind als Menschen aus noch halbwegs bürgerlichen Verhältnissen.

Die Opposition ist unbekannt

Dennoch wusste ein Drittel der Befragten nicht einmal von der Existenz der "Nationalen Rettungsfront", dem Bündnis von ElBaradei, Amr Moussa und dem Nasseristen Hamdeen Sabbahi. Und die, die sie kennen, beurteilen sie mit 49 Prozent negativ. Das sind zwar weniger Menschen als jene, die Morsi negativ beurteilen - denn den kennen und beurteilten ja alle -, aber es ist dennoch eine ziemliche Ohrfeige. Die miesen Werte sind noch schlechter geworden als sie schon waren: Vor einem Monat wurde die Rettungsfront nur von 42 Prozent der Befragten, die sie auch kannten (35 Prozent), abgelehnt.

39 Prozent der Befragten gaben auch an, nie etwas vom Streit über die Absetzung und gerichtliche Wiedereinsetzung von Abdel Meguid Mahmud gehört zu haben, dem ägyptischen Generalstaatsanwalt, den Morsi in die Wüste schickte, was ein Verwaltungsgericht vor kurzem für ungültig erklärte. Schade, dass es keine Umfrage gibt, wie diese Werte bei den Demonstranten aussehen. Damit sollen die Proteste gegen "die Verhältnisse" - und damit gegen jene, die sie nicht verbessern können - nicht abgetan werden. Das Potenzial für Protest ist riesig, viel größer, als auf den Straßen zu sehen ist. Aber dieses Potenzial ist nicht einfach pro oder anti Morsi. Ob er Wahlen noch einmal gewinnen kann, hängt davon ab, ob und in welche Richtung die unbekannten Massen mobilisiert werden können. Und vor allem bleibt die große Frage: Wer kommt nach ihm, wer wartet da in den Kulissen? (derStandard.at, Gudrun Harrer, 10.4.2013)

  • Ein ägyptischer Künstler hat eine Morsi-Puppe zu einer Demonstration gegen den Präsidenten mitgebracht.
    foto: ap photo/amr nabil
    Ein ägyptischer Künstler hat eine Morsi-Puppe zu einer Demonstration gegen den Präsidenten mitgebracht.
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