Der männliche Patient

10. April 2013, 16:27
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In Österreich leben Männer im Mittel rund sechs Jahre kürzer als Frauen. Hat das biologische Gründe oder ist das primär auf soziale Faktoren zurückzuführen?

Laut dem Österreichischen Ernährungsbericht 2012 gelten 40 Prozent der 18- bis 64-Jährigen als übergewichtig oder adipös, wobei Männer mit zunehmendem Alter deutlich häufiger davon betroffen sind als Frauen. Das Herzinfarktrisiko von Männern zwischen 45 und 60 Jahren ist rund dreimal so hoch wie das von Frauen gleichen Alters. Zudem ist der Nikotin- und Alkohol-Missbrauch unter den Herren der Schöpfung deutlich stärker ausgeprägt, wenngleich sich die beiden Geschlechter hier anzunähern beginnen. Aber auch beim inadäquaten Umgang mit psychischen Belastungen lassen sich klare Unterschiede erkennen - immerhin weisen Männer hierzulande eine etwa dreifach höhere Suizidrate im Vergleich zu Frauen auf.  

Mediziner machen besonders den ungesünderen Lebensstil der Männer für den Unterschied in der Lebenserwartung verantwortlich. Zigaretten, Alkohol, viel Fleisch, wenig Obst und Gemüse bilden demnach die Melange für ein Risikoverhalten, das als typisch maskulin assoziiert wird und quasi angeboren zu sein scheint. Schuld daran dürfte der deutlich höhere Testosteronspiegel sein, der als Synonym für Aggression, Imponiergehabe und Konkurrenzdenken steht und damit einem risikoreichen Verhalten Vorschub leistet.

Mythos Testosteron

Diesen biologistischen Ansatz konnten Forscher der Universität Zürich allerdings weitgehend entkräften: In einem Verhaltensexperiment untersuchten der Neurowissenschaftler Christoph Eisenegger und der Ökonom Ernst Fehr die Auswirkung des Androgens auf das soziale Verhalten beziehungsweise die Kooperationsbereitschaft von Männern untereinander. In einem Rollenspiel mussten die Probanden über die Aufteilung eines realen Geldbetrags verhandeln. Die Regeln besagten, dass sowohl faire als auch unfaire Angebote gemacht werden durften. Anschließend konnte der Verhandlungspartner das Angebot annehmen oder ablehnen. Kam keine Einigung zustande, verdienten beide Parteien nichts.

Vor dem Spiel erhielten die Teilnehmer entweder eine Dosis von 0,5 mg Testosteron oder ein Placebo verabreicht. "Würde die gängigen Meinung zutreffen, wäre zu erwarten, dass die Versuchspersonen mit Testosteron eine aggressive, selbstbezogene und riskante Strategie wählen - ungeachtet der möglichen negativen Auswirkungen auf den Verhandlungsprozess", erläutert Eisenegger.

Das Experiment zeigte, dass die Probanden mit künstlich erhöhtem Testosteronspiegel durchgehend sehr faire Angebote machten und so ihren sozialen Status erhöhten, während die Placebo-Gruppe durch besonders aggressives und unkooperatives Verhalten auffiel. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass nicht das Testosteron an und für sich zu Aggressivität und Risiko verleitet, sondern vielmehr der Mythos rund um das Sexualhormon.

Gesundheit als Belastungstest

Auch für Romeo Bissuti, Leiter des Wiener Männergesundheitszentrums, ist der unterschiedliche Lebensstil von Männern und Frauen keineswegs biologisch determiniert, sondern die Folge von kulturellen beziehungsweise sozialen Prägungen: "Das führt dazu, dass Männer ihre Gesundheit nicht durch Prävention unter Beweis stellen, sondern durch Risiko. Gesundheit zeigt sich hier als männlicher Belastungstest, während Vorsorge als weiblich oder unmännlich konnotiert erlebt wird." 

Für den Experten spiegelt sich in Aussprüchen wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!" die Konstruktion eines Männlichkeitsbildes wider, die unsere "Vorstellung von Normalität sowie die damit verbundene gesellschaftliche Anerkennung bestimmt und die es zu durchbrechen gilt". Gleichzeitig warnt der Leiter des Wiener Männergesundheitszentrums aber davor, den Männerkörper als neue Kampfzone zu erklären und ähnlich "krankzureden", wie das durch die Medikalisierung der Frauen - angefangen von der Verhütung bis zu den Wechseljahren - erfolgt sei.

Lebenskontext berücksichtigen

Wenn Männer seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen als Frauen, liegt das laut Bissuti weniger am geringen Interesse an Gesundheitsthemen, sondern vielmehr an fehlenden Angeboten, die dem männlichen Lebenszusammenhang gerecht werden. Schließlich zählt die Rolle als Haupternährer nach wie vor zum tradierten Selbstbild des Mannes. "Wer seine Zeit von morgens bis abends am Arbeitsplatz verbringt, hat schlichtweg keine Zeit, untertags zum Arzt zu gehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Männer Gesundheitsangebote kaum vormittags, dafür aber am Abend nutzen." Ein Umstand, der sich allerdings noch kaum bis in die Sprechzimmer der Arztpraxen herumgesprochen hat.

Ein weiterer Bereich, in dem Bissuti massiven Verbesserungsbedarf ortet, ist die Sicherheit am Arbeitsplatz. Meldepflichtige Arbeitsunfälle treffen fast ausschließlich Männer, wobei speziell die Gruppe der "Working Poor" gemeint ist. "Besonders sozial benachteiligte Zielgruppen tragen ein hohes Risiko. Das zeigt sich auch darin, dass der Besitz der Matura rein statistisch gesehen ein paar Lebensjahre mehr bedeutet."

Statt das Thema Gesundheit als Holschuld der Männer zu betrachten, sollten gesundheitspolitische Maßnahmen den Fokus darauf richten, wie man es den Männern leichter machen kann. Eine Möglichkeit wären aufsuchende Informations- und Versorgungsangebote etwa im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung. Bissuti dazu: "Wenn man nämlich darauf wartet, dass die Männer von selbst kommen, kann man unter Umständen sehr lange warten." (Günther Brandstetter, derStandard.at, 10.4.2013)

  • Der "typisch" männliche Lebensstil fordert auch seinen gesundheitlichen Tribut.
    foto: apa/dpa/hans wiedl

    Der "typisch" männliche Lebensstil fordert auch seinen gesundheitlichen Tribut.

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