Flecken mit Zacken: Designer finden das Leopardenmuster hip

11. April 2013, 18:48
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Lange galt es als Zeichen schlechten Geschmacks - Heute setzen aber immer mehr Designer das Leopardenmuster ein, wie Anne Feldkamp herausgefunden hat

In den 1960er-Jahren, da war die Sache klar: Leopardenmuster waren etwas für Frauen, die junge Männer um den Finger wickeln. Im Film Die Reifeprüfung machte Anne Bancroft als Mrs. Robinson dem jungen Dustin Hoffman schöne Beine und sorgte für einen handfesten Skandal - aufgrund des Altersunterschieds. Im wahren Leben war Hoffman nur sechs Jahre jünger als Bancroft, ein Umstand, der heute nicht mehr als ein Achselzucken wert ist.

Doch damals? Dürfte die Kostümdesignerin Mrs. Robinson den Leopardenfellmantel und die dazupassende Kopfbedeckung wegen ihrer eindeutigen Signalwirkung übergeworfen haben.

Ganz ähnlich musste sich das Moderatorin Charlotte Roche vor einem Jahr gedacht haben. Die sagte nämlich die erste Ausgabe der deutschen Talkrunde Roche & Böhmermann im Leopardenkleid an. Allerdings auf Sicherheitsabstand, nämlich mit Rundhalsausschnitt und Langarm. Wie damals in den 1970ern wurde in der Sendung geraucht und Whiskey getrunken, und auch in der Talksendung selbst ging es ziemlich zur Sache. Das Leopardenkleid war eine Ansage - und gleichzeitig eine ironische Absage an den adretten Biedersinn des Fernsehabends.

Von Kennedy bis Streisand

Eine gewisse Faszination ist der fleckigen Musterung der Raubkatze noch immer nicht abzusprechen. In den 1960ern verfielen ihr prominente Frauen von Jackie Kennedy über Edie Sedgwick bis zu Barbra Streisand meist in Form eines Echtpelzes. Lange wurde der Leo-Look als geschmacklos oder als letzte Rettung vor dem sichtbaren Einsetzen des Alterungsprozesses abgestempelt. Heute ist die Rolle des Leopardenmusters nicht mehr ganz so durchsichtig.

Von muslimischen Kopftüchern (Hidschabs) mit Leopardenmuster bis hin zum Leo-Minikleid in der Wühlkiste reicht das Angebot. Das Leopardenmuster ist heute weit mehr als eine Angelegenheit einer geschmacksverirrten Minderheit: Fast eine Million Mal wurde die Anleitung für einen Nagellack im Leopardendesign auf Youtube angeklickt. Damit wäre ein Ulrich Seidl auf der sicheren Seite, denn der hängt im Film Paradies: Liebe ein kitschiges Leopardenposter wie ein Ausrufezeichen über das Hotelbett: Schlechter Geschmack ist furchtbar banal und selbst im exotischen Ferienparadies zu Hause. Die Regel "Leoparden küsst man nicht" gilt längst nicht mehr. Das getupfte Leo hat seine Gefährlichkeit eingebüßt und mit dem Leopardenfell meist nur noch das Muster gemein.

Die billige Liaison der grellen Raubkatzenmode mit zu dick aufgetragenem Make-up wird heute meist ironisch unterlaufen. Sonst würde sich die weibliche Kundschaft wohl nicht freiwillig all der Jeanshosen, Schals und iPhone-Hüllen aus der Käfighaltung annehmen.

Ein Jeanshersteller bietet "knöchellange Röhrenjeans mit niedriger Leibhöhe" im Leoprint an. Die Drucke sind oft bunt wie der Regenbogen. Genauso oft aber auch unprätentiös sportlich. Adidas kommt in seiner Sommerkollektion der trendbewussten Linie Originals Blue betupft daher. Wenn man genauer hinsieht, entpuppen sich die Leopardenflecken als zackige Angelegenheit.

Königin Elizabeth als Tierschützerin

Auf Zack sind auch viele der Entwürfe der internationalen Designer. Sie zeigen, dass die Liebe zu den Leoprints nicht wie in den 1960er-Jahren tierischer Natur ist. Schon damals galt der Leopard als seltene wie schützenswerte Spezies: Königin Elizabeth soll die Präsidentenwitwe Jacqueline Kennedy dazu überredet haben, ihren Leopardenpelz, ein Geschenk des äthiopischen Kaisers Haile Selassie, nicht mehr zu tragen.

Heute huldigt selbst die Britin Stella McCartney, die für ihre konsequente Verbannung von Leder und Pelz in ihrer Mode bekannt ist, dem animalischen Muster: In ihrer derzeitigen Frühjahrskollektion wartet sie mit poppigen Leoprints auf.

Ähnlich geht es bei dem von den Amerikanern Carol Lim und Humberto Leon aufgefrischten Label Kenzo zu. Dieses versetzte mit oszillierenden Leopardenflecken die Modewelt bereits in der letzten Saison in Verzücken. Der amerikanische Designer Phillip Lim hingegen lässt für den kommenden Herbst den Leo auf ein intensives Türkisblau, das man aus den Poolbildern eines David Hockney kennt, treffen.

Die zeitgemäße Leo-Kombinationsregel scheint derzeit zu sein: das Muster gehörig am Schwanz zu ziehen. Wie das geht, hat vor einigen Jahren das italienische Modeduo Dolce und Gabbana vorgemacht. Für eine Modekampagne zeigten die beiden Designer Popikone Madonna im engen Leopardenkleid in einer Küche. Vor ihr ein Berg Teller, der von der Sängerin eingeschäumt werden sollte.

Was man daraus lernen kann? Das Leopardenmuster auf ungewöhnliche Art und Weise einzusetzen. Es zum Beispiel mit Karos oder Blumenmustern zu kombinieren. Hat Dries van Noten zuletzt auch getan. Und das sah ziemlich gut aus. (Anne Feldkamp, Rondo, DER STANDARD, 12.4.2013)

  • Leopardenmuster revisited: Bei Adidas kommen die Leo-Flecken leicht verfremdet daher.
    foto: adidas

    Leopardenmuster revisited: Bei Adidas kommen die Leo-Flecken leicht verfremdet daher.

  • Leoprints in der Frühjahrskollektion von Stella McCartney.
    foto: reuters/tessier

    Leoprints in der Frühjahrskollektion von Stella McCartney.

  • Bunt leuchtende Muster bei Kenzo.
    foto: ap/brinon

    Bunt leuchtende Muster bei Kenzo.

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