"Die Todesstrafe wird es in den USA nicht mehr lange geben"

Interview10. April 2013, 13:36
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Richard C. Dieter vom Washingtoner Death Penalty Information Center sagt ein baldiges Ende des staatlichen Hinrichtens in den USA voraus

19 Jahre verbrachte Rickey Lewis im Todestrakt des Gefängnisses von Huntsville im US-Bundesstaat Texas. 1994 war der damals 31-Jährige wegen Vergewaltigung und Mordes zum Tode verurteilt worden. Am Dienstagabend wurde er durch eine Giftinjektion hingerichtet.

Im Jahr 2012 wurden laut dem jüngst veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International 43 Verurteilte in den USA hingerichtet. Neben diktatorischen Staaten wie China und dem Iran zählt das Land der Mutigen zu den wenigen Demokratien, die nach wie vor an der archaischen Bestrafung durch den Tod festhalten. Doch auch in den USA werden die Stimmen jener lauter, die das Ende des gerichtlich legitimierten Tötens fordern. derStandard.at hat mit Richard C. Dieter vom Washingtoner Death Penalty Information Center über die mögliche Abschaffung der Todesstrafe in den USA gesprochen.

derStandard.at: 130 Todeskandidaten wurden in den USA seit 1973 nachträglich freigesprochen und aus dem Hinrichtungstrakt entlassen. Zum heutigen Tag warten 3.000 zum Tode Verurteilte auf den Vollzug ihrer Strafe. Wie viele davon kämen Ihrer Ansicht nach durch eine Neuüberprüfung ihres Falles frei?

Dieter: Aufgrund meiner Erfahrung gehe ich davon aus, dass jedes Jahr zwei bis drei Insassen der US-Todestrakte freigesprochen werden. In den kommenden zehn Jahren kommen also zu den 130 noch bis zu 30 dazu.

derStandard.at: Die USA gehören neben einer großen Zahl diktatorischer Staaten zu den wenigen Demokratien, die noch Hinrichtungen durchführen. Zwei Drittel der US-Amerikaner sind laut Umfragen für die Todesstrafe. Ändert sich die Zustimmung zu dieser archaischen Strafe?

Dieter: Die Todesstrafe wird schon heute im größten Teil der USA nicht vollzogen. Nur neun der 50 Bundesstaaten haben im vergangenen Jahr Exekutionen durchgeführt, in diesem Jahr dürften es noch weniger sein. Die Zahl der Todesurteile ist seit den 90er Jahren um 75 Prozent zurückgegangen, jene der Hinrichtungen um mehr als die Hälfte. In den vergangenen sechs Jahren haben sechs US-Bundestaaten die Todesstrafe abgeschafft. Dieser Trend wird wahrscheinlich so weitergehen. Und auch in den Staaten, in denen es die Todesstrafe noch gibt, schicken die Bezirke kaum noch Verurteilte in den Todestrakt.

derStandard.at: Wie hat sich die Einstellung der US-Amerikaner über die Jahre verändert?

Dieter: Die öffentliche Meinung erreichte in den 90er Jahren die höchste Zustimmung, 80 Prozent waren damals für die Todesstrafe. Derzeit steht sie bei 63 Prozent, aber diese Zahl sagt nicht alles, weil sie nur die philosophische Akzeptanz der Todesstrafe misst. In der Praxis würden sie weit mehr Menschen lieber gegen lebenslange Haft ohne Bewährung eingetauscht sehen. Die Todesstrafe wird es in den USA nicht mehr lange geben. Es wird aber einen Prozess von Bundesstaat zu Bundesstaat brauchen, und das kann schon acht bis zehn Jahre dauern.

derStandard.at: Was könnte diesen Prozess beschleunigen?

Dieter: Derzeit sehen 32 der 50 Bundesstaaten die Todesstrafe vor. Wenn diese Zahl unter die Hälfte, also unter 25 fällt und gleichzeitig die Zahl der Todesurteile und Hinrichtungen sinkt, könnte der Oberste Gerichtshof die Todesstrafe als "grausame und unübliche Bestrafung" definieren, die laut Verfassung untersagt ist. Er wird wahrscheinlich aufgrund der "Standards of Decency" entscheiden, die sich aus bundesstaatlichen Gesetzgebungen und aus Urteilen von Geschworenen in Mordprozessen ergeben. Fest steht, dass mindestens acht weitere Bundesstaaten die Todesstrafe abschaffen müssen, bevor der Oberste Gerichtshof eine Untersuchung überhaupt in Erwägung zieht.

derStandard.at: Was würde die Abschaffung der Todesstrafe in den USA bedeuten?

Dieter: Ich denke, dass sie in den kommenden zehn Jahren abgeschafft wird. Und ich bin mir sicher, dass das erhebliche Auswirkungen auf den Umgang mit der Todesstrafe in Ländern haben wird, die wie Japan unsere Verbündeten sind - und sogar in China. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 10.4.2013)

Richard C. Dieter ist seit 1992 Direktor des Death Penalty Information Center in Washington DC. Die Non-Profit-Organisation fertigt Analysen und Informationskampagnen zum Thema Todesstrafe an.

  • Der vollständige Amnesty-Bericht zum Download.

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  • Blick in einen Hinrichtungsraum im US-Bundesstaat Georgia.
    foto:ric feld, file/ap/dapd

    Blick in einen Hinrichtungsraum im US-Bundesstaat Georgia.

  • Rickey Lewis ist der bis dato letzte Hingerichtete in den USA. Texas ist unter den neun US-Bundesstaaten, die 2012 Exektionen durchgeführt haben, jener mit den meisten Hinrichtungen.
    foto: reuters/texas department of criminal justice/handout

    Rickey Lewis ist der bis dato letzte Hingerichtete in den USA. Texas ist unter den neun US-Bundesstaaten, die 2012 Exektionen durchgeführt haben, jener mit den meisten Hinrichtungen.

  • Zum heutigen Tag warten 3.000 zum Tode verurteilte Menschen in den USA  auf den Vollzug ihrer Strafe.
    foto: ap photo/seth perlman, file

    Zum heutigen Tag warten 3.000 zum Tode verurteilte Menschen in den USA  auf den Vollzug ihrer Strafe.

  • Immer mehr US-Bürgern missfällt das gerichtlich legitimierte Töten.
    foto: reuters/tami chappell

    Immer mehr US-Bürgern missfällt das gerichtlich legitimierte Töten.

  • Der Rechtsanwalt Richard C. Dieter verfolgt mit seinem Informationszentrum das Ziel, die US-Bürger über die Problematik von Todesurteilen aufzuklären.
    foto: deathpenalty.info

    Der Rechtsanwalt Richard C. Dieter verfolgt mit seinem Informationszentrum das Ziel, die US-Bürger über die Problematik von Todesurteilen aufzuklären.

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