Der Feind in Sichtweite: Eine Insel im Visier Kims

Reportage9. April 2013, 18:44
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Vor einem Monat hat Kim Jong-un seine Artilleristen angewiesen, ihre Kanonen auf die Insel Baengnyeong auszurichten. Deren Bewohner leben zwischen Bunkern und Notfallplänen in Angst, auch 2010 ließ der Norden eine Insel beschießen.

Kim Jin-guk ist Chef der Insel-Bürgerwehr. "Wenn Baengnyeong beschossen wird, haben wir ein neues Alarmsystem, das alle Einwohner der Insel informiert, dass sie Schutz suchen sollen."

Er ist verantwortlich für Evakuierungspläne, das Warnsystem, das die gesamte Insel versorgt, und für die 99 Bunker, die alle paar hundert Meter das Bild des beschaulichen Fleckchens prägen. 63 Bunker haben die Inselbewohner von 1973 bis 2010 auf der Insel errichtet; weitere 26 sind in den vergangenen drei Jahren, nach der Versenkung der Corvette Cheonan, hinzugekommen.

Seine tägliche Arbeit besteht darin, die Notfallpläne auf dem neuesten Stand zu halten. Seit sich die Situation auf der koreanischen Halbinsel zuspitzt, sind die von ihm verwalteten Bunker alle geöffnet. Theoretisch kann man sie einfach betreten. Jederzeit. Einfach das Rad drehen, und die Türflügel schwingen auf.

Direkt neben seinem Büro im zweistöckigen Gebäude der Bürgerwehr ist so ein Bunkereingang. Der gelbe Betonklotz sieht aus, als ob er gerade erst gebaut worden wäre. Nach dem Betreten türmen sich auf der linken Seite Kartonberge. Rechts steht ein Regal mit Kunstlederschlapfen. Braun und blau, alle mit dem Namen des Bunkers versehen. Kim zieht seine Schuhe aus, schlüpft in ein Paar Schlapfen und schlurft die Treppe zum Bunkerhauptraum hinunter.

Von Kim Jong-un ins Visier genommen

500 Personen soll der sterile gelbe Raum im Ernstfall Schutz bieten können. Eine Ecke gleicht einem Konferenzraum. Ein paar Stühle an kleinen Tischen, die U-förmig angeordnet sind, ein Telefon und einige Feuerlöscher sind das Einzige, was den tristen Raum etwas bunter wirken lässt. Kim ist sich sicher, dass sie auf der Insel auf alle Eventualitäten vorbereitet sind.

Baengnyeong ist ein kleines Eiland, ganz im Westen Südkoreas. Nur rund 15 Kilometer liegt die Insel vom nordkoreanischen Festland entfernt. Am 12. März hat der nordkoreanische Führer Kim Jong-un den Landstrich gegenüber der kleinen Insel besucht. Dort instruierte er seine Militärs, die Insel ins Visier zu nehmen.

Den Bewohnern rief die Anordnung Erinnerungen an den Beschuss der Insel Yeonpyeong im Herbst 2010 wach. Auch die Versenkung der Cheonan im Frühjahr 2010 fand unweit von Baengnyeong statt. Heute erinnert ein Mahnmal am westlichen Ende der Insel an die Corvette und die mit ihr untergegangenen Militärs.

Touristen bleiben aus

Dazu bricht für viele Bewohner nach und nach die Lebensgrundlage weg. Touristen kommen immer weniger, seit Nordkorea seine Drohungen gegen den Süden fast täglich verschärft.

"Meine Kinder wollen, dass ich die Insel verlasse", sagt Lee Yong-san. Sie wohnen in Incheon, der Hafenstadt westlich von Seoul: sechs Millionen Einwohner, ein internationaler Flughafen, eine Weltstadt. Der Vater wohnt nach wie vor auf der 5000 Einwohner zählenden Insel. Lee ist auf Baengnyeong geboren. Er ist 58 Jahre alt. Sein halbes Leben arbeitete er auf Baengnyeong als Fischer. "Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, hier Fische zu fangen. Aber nach den nordkoreanischen Drohungen bin ich nicht sicher, wann ich auf See hinausfahren kann."

Er muss einen Tag vorher den Behörden melden, wann und wohin er zum Fischen fahren möchte. "Früher konnte ich wesentlich weiter auf die See rausfahren, als das heute geht", erzählt er. Nicht einmal die chinesische Konkurrenz, die vor einigen Wochen noch zum normalen Bild der Umgebung der Insel gehörte, lässt sich in letzter Zeit in der Gegend blicken, berichtet Lee. Vor ihm schwanken Fischerboote in den Wellen.

Lee ist einer der wenigen auf der Insel, die keine Scheu haben zu reden. " Diese Tage denke ich immer mal wieder darüber nach zu gehen. Die da drüben machen uns das Leben so schwer." Dann deutet er in Richtung Norden. Hundert Meter weit kann man schauen. Dann ist Schluss. Irgendwo hinter dem dichten Nebel verbirgt sich das Feindesland. Bei gutem Wetter ist Nordkorea von hier aus zu sehen.

Was wird aus der Heimat?

Die Hotels der Insel stehen leer. Wer es sich leisten kann, geht. Schon jetzt sind es fast ausschließlich alte Menschen, die auf der Insel ausharren. Viele von ihnen wollen oder können nicht weg. Einer derer, die nicht wollen, ist Fischer Lee. "Wenn jeder die Insel verlässt, was wird dann aus meiner Heimat?" (Malte E. Kollenberg, DER STANDARD, 10.4. 2013)

  • Kim Jong-un besucht die Einheit 641 der Volksarmee, sie ist gegenüber von Baengnyeong stationiert. Ihre Geschütze erreichen die nur 15 Kilometer entfernte Insel spielend.
    foto: reuters

    Kim Jong-un besucht die Einheit 641 der Volksarmee, sie ist gegenüber von Baengnyeong stationiert. Ihre Geschütze erreichen die nur 15 Kilometer entfernte Insel spielend.

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