Die Kluft überbrücken

9. April 2013, 17:52
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Buch über Film und Fotografie von Friedl Kubelka: Eine neue Publikation stellt ihr wenig bekanntes Oeuvre umfassend vor

Wien - Dem Blick der Kamera standzuhalten, die das eigene Gesicht in Nahaufnahme zeigt, diesem Druck hielten nicht alle stand, die Andy Warhol zwischen 1964 und 1966 in seinen Screen Tests porträtierte. Bob Dylan etwa senkte den Blick. Lou Reed verbarrikadierte sich hinter dunklen Sonnengläsern, während er immer wieder aus einer Coca-Cola-Flasche trank. Wirklich cool blieb Model Edie Sedgewick, Muse Warhols und It-Girl der damaligen New Yorker Gesellschaft, während sich im Gesicht Ann Buchanans in den knapp drei Minuten des 16-mm-Films wahre Emotionen abzeichneten: Langsam rollten Tränen über ihr Gesicht.

Emotionen sichtbar zu machen, zu zeigen, wie Gefühle sich im Gesicht des Gegenübers abzeichnen, ist auch das, was Fotografin und Filmemacherin Friedl Kubelka, aka Friedl vom Gröller, in ihrer Arbeit antreibt. Betrachtet man ihre frühen filmischen Porträts, etwa Erwin, Toni, Ilse (1968/69) oder auch Graf Zokan (1969), das den jungen, unsicher vor der Kamera posierenden, immer wieder loslachenden Franz West zeigt, erinnern die stummen, auf das Antlitz konzentrierten Bilder an die kaum älteren Screen Tests Warhols. Formal sind auch die Porträts der Österreicherin meist durch die Länge einer 30 Meter langen 16-mm-Filmrolle begrenzt (2, 7 min), Kubelkas Kamera ist weniger starr; Umfeld und Interieur negiert sie nicht völlig, sondern nutzt es zur Psychologisierung und für die vorherrschende melancholische Stimmung.

"Das Kontinuum im Film ist für mich das Seligmachende", verriet sie dem Standard 2011. Um diesen Rhythmus nicht zu zerstören, vermeidet die Künstlerin jeglichen Schnitt. Wesentlichster Unterschied zu Warhol ist aber die Interaktion mit dem Porträtierten. Kubelka nennt es das Überbrücken der Kluft, die es in der Psychoanalyse gibt. Manchmal stürmt sie ins Bild, drückt ihr Gesicht an das ihrer Mutter, küsst und umarmt eine Freundin, löst Reaktionen aus, die die Mimik der Menschen unmittelbar beleben. Eine neue Publikation (engl.) stellt ihr leider viel zu wenig bekanntes OEuvre, nun umfassend vor. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 10.4.2013)

Buchpräsentation, Filmprogramm und Dias, Mumok, Mittwoch (10.4.2013) 19.00

  • Dietmar Schwärzler (Hg.): "Friedl Kubelka vom Gröller. Photography & Film", Ringier Kunstverlag, Zürich 2013
    foto: cover

    Dietmar Schwärzler (Hg.): "Friedl Kubelka vom Gröller. Photography & Film", Ringier Kunstverlag, Zürich 2013

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