Tullnerfeld, der Bahnhof für die besonders gescheiten Leute

9. April 2013, 18:28
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Wenn nicht gerade Rushhour ist, mutet der Bahnhof Tullnerfeld in Niederösterreich ziemlich gespenstisch an. Kein einziges Geschäftslokal ist vermietet. Und wegen eines seltsamen Kompromisses zwischen ÖBB und Westbahn gleicht die Anreise einem Intelligenztest

Judenau-Baumgarten - Ins Tullnerfeld reisen wohl nur besonders gescheite Leute. Denn wer zum Beispiel von Wien aus zum neu errichteten Bahnhof in der niederösterreichischen Pampa will, der muss am Westbahnhof einen ersten Intelligenztest bestehen. Geht es gen Westen, dann halten von den schnellen Zügen nur jene der ÖBB, die ursprünglich überhaupt nur Regionalzüge im Tullnerfeld stoppen lassen wollte. Geht es gen Osten, hält der private Konkurrent, die Westbahn. Wer mit der ÖBB fährt, kommt allerdings nur mit einem Intercity ins Tullnerfeld, Railjets donnern ungebremst durch die Station.

Hat man das einmal begriffen, ist die nächste Herausforderung, das richtige Ticket zu kaufen: Wer einen Fahrschein für die Wiener Kernzone - also etwa eine Jahreskarte der Wiener Linien - und eine Vorteilscard der ÖBB hat, zahlt für eine Reise ins Tullnerfeld nur 1,90 Euro. Hat man beides nicht, darf man für die gut viertelstündige Fahrt acht Euro hinlegen.

Dann also: Ankunft am Bahnhof Tullnerfeld. Die Rushhour ist um halb elf am Vormittag längst vorbei. Zeuge dafür ist der Parkplatz, der drei Monate nach der Eröffnung des Bahnhofs schon fast zu klein wirkt. Abgesehen von der Putzfrau und einem Elektriker verirrt sich untertags freilich niemand in den Betonkoloss. Es gibt auch keinen mit einem echten Menschen besetzten Ticketschalter, wer eine Auskunft braucht, ist aber bei der Putzfrau bestens aufgehoben. "Wo wollen Sie denn hin?", fragt sie dienstbeflissen, wenn jemand die Fahrplananzeige studiert.

Ein Bahnhof als Experiment

Der Bahnhof Tullnerfeld ist in mehrerlei Hinsicht ein Experiment. Er liegt im Ortsgebiet der Gemeinde Judenau-Baumgarten, in Gehweite vom Bahnhof sind aber nur ein paar Weiler. Dafür wurde er direkt an der neuen Westbahn-Trasse errichtet, die die Fahrtzeit zwischen Wien und St. Pölten auf 25 Minuten verkürzt hat; mit Bussen will man sicherstellen, dass das gesamte Tullnerfeld durch den neuen Bahnhof besser erschlossen wird, à la longue soll es dadurch so etwas wie der billigere Speckgürtel werden. Eben wegen der Attraktivierung der Region klinkte sich das Land auch in die Verhandlungen darüber ein, welche Züge am Bahnhof Tullnerfeld halten.

Wirtschaftlich betrachtet haben sich die umliegenden Gemeinden auf einiges eingelassen. Die JLM GmbH - die Abkürzung steht für die Gemeinden Judenau-Baumgarten, Langenrohr und Michelhausen - sucht nicht nur Mieter für die freien Flächen im Bahnhof, sie will auf dem Gelände auch einen Einkaufs- und Bürokomplex mit 6000 Quadratmetern errichten. Derzeit kann man am Bahnhof Tullnerfeld nur Zigaretten kaufen - am Automaten.

Die Etablierung dauere halt

Von den leeren Geschäftslokalen lässt sich Rudolf Friewald, Bürgermeister von Michelhausen, nicht entmutigen. Es gebe Gespräche mit mehreren Interessenten, aber noch keinen Abschluss, sagte er dem STANDARD. Schließlich dauere es halt, bis sich ein neuer Verkehrsknotenpunkt in den Köpfen der Menschen etabliere. Eine aktuelle Frequenzzählung mache Mut, an einem Spitzentag hätten immerhin 1697 Menschen den Weg zum neuen Bahnhof gefunden - der Großteil freilich in der Früh und am Abend.

Es ist immerhin eine Handvoll Personen, die kurz vor Mittag auf die Westbahn nach Wien warten. In den blau-grünen Zügen fällt das Nachdenken beim Ticketkauf weg, der private Betreiber hat weder eine Vorteilscard, noch akzeptiert er die Karte für die Wiener Kernzone. 2,90 Euro kostet das Ticket zurück Richtung Westbahnhof - für alle. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 10.4.2013)

  • Zu Mittag ist auf dem Bahnhof Tullnerfeld Geisterstunde.
    foto: fischer

    Zu Mittag ist auf dem Bahnhof Tullnerfeld Geisterstunde.

  • Sämtliche Geschäftslokale sind leer, nur einen Geld- und einen Zigarettenautomaten findet man in dem neu errichteten Betonkoloss in Niederösterreichs Pampa.
    foto: fischer

    Sämtliche Geschäftslokale sind leer, nur einen Geld- und einen Zigarettenautomaten findet man in dem neu errichteten Betonkoloss in Niederösterreichs Pampa.

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