Barcelona: Gaudí mit Gepäckträger

9. April 2013, 16:50
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Barcelona ist erfreulich fahrradfreundlich. Vor allem Touren mit Guide sind zielführend für entspannte Entdecker

Barcelona gilt als Stadt für viel-, ja geradezu großspurige Boulevards, und auch als eine mittelalterlich verwinkelter Gassen. Das eine wie das andere ist schlecht zum Fahrradfahren. Sollte man zumindest meinen. Neuerdings wurden hier allerdings recht bikerfreundliche Strukturen geschaffen.

So stellt etwa "Barcelona Bici" mittlerweile 7000 Fahrräder für alle, an sieben Stellen abhol- und abstellbar, zur Verfügung - Touristen sind für eine Tagesgebühr von 15 Euro mit von der Partie. Und in Form von geführten Radtouren bekommen kurzfristig Zugereiste sogar noch eine attraktive Alternative: Für drei Stunden und nur um wenige Euro mehr braucht man sich nicht einmal selbst um die Strecke zu kümmern und lernt sogar noch etwas dazu.

Gehsteige inklusive

Parallel zum Aufbau der Leihräder-Infrastruktur musste freilich das Netz der "bici carrils", also der Radwege, ausgebaut werden. Aktuell sind es in Barcelona 180 Kilometer - Wien hat zum Vergleich mehr als 1200 Kilometer. Doch unter den Katalanen scheint irgendwie die Akzeptanz höher zu sein. Die meisten Einwohner stört es nicht, wenn ihnen Radfahrer überall - also auch auf Gehsteigen oder in den Fußgängerzonen - entgegenkommen. Hierzulande gäbe es wahrscheinlich Bürgerinitiativen wegen Gemeingefährdung.

Selbst die Touristen machen da gerne mit: Wenn man sich etwa einer Tour von Born Bike Barcelona anschließt, geht es vom Platz vor der Kathedrale geradewegs ins gotische Viertel - mit seinen mehr als engen Gassen und seinen mehr als vielen Touristen. Alles kein Problem: Nur hie und da muss man halt absteigen und schieben.

Thomas, ein gebürtiger Wolkersdorfer, der seit ein paar Jahren in Barcelona lebt, fährt dabei mit seinem wimpelbestückten Rad im Zickzack voraus und hält nur, um ein wenig zu erzählen: über die Plaça de Sant Felip Neri etwa, einen ungemein stimmungsvollen, ganz abgeschieden wirkenden Platz mit nur wenigen Bäumen, einem Brunnen und der einzigen Barockkirche der Stadt.

Ein weiteres Kleinod von ganz anderem, nämlich überaus prunkvollem Stil, entdeckt man wenig weiter: Die Plaça Reial ist mit Palmen bestanden und von Arkadengängen eingerahmt, ein Drei-Grazien-Brunnen und seltsam "behelmte" Laternen von Gaudí zeichnen diesen Platz aber letztlich aus. Die Fertigstellung nahm angeblich die gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in Anspruch. Es ist ein Ort zum Verweilen, wozu die hier aufgefädelten Cafés ja auch einladen - wenn man ihn denn findet: Nur vier kleine Eingänge münden in das makellose Arkadenensemble.

Danach radelt man flott weiter zum Parc de la Ciutadella, der größten Grünfläche im Umkreis der Altstadt. Was für ein idyllischer Ort! Und welch wenig anheimelnde Geschichte, die sich dahinter verbirgt: Der Park ist 1870 auf dem Gelände einer früheren Zitadelle angelegt worden, von der aus die bourbonischen Machthaber die aufrührerische Bevölkerung beschossen. Die spätere zivile Umwidmung ist jedenfalls gelungen: Heute verfügt das großzügige Gelände über zahlreiche Spazierwege und Kiespromenaden, die jungen Leute liegen auf den Wiesen, und die älteren sitzen auf den Bänken vor einer klassizistischen Kaskade mit Grotten-, und Tempel-Appeal. Dazu kommt ein weiteres zitadellenartiges Gebäude, das allerdings vom Jugendstil-Architekten Lluís Domènech i Montaner stammt und friedfertig das Naturhistorische Museum beherbergt. Zudem sitzt hier das katalanische Parlament im Gebäude des früheren Festungsarsenals.

An den Park schließt eine Promenade an, die zu Barcelonas neomaurischem Arc de Triomf führt. Dieser Triumphbogen wurde anlässlich der Weltausstellung 1888 vor dem Parc de la Ciutadella errichtet und hätte ursprünglich von einem Turm aus Eisenfachwerk flankiert werden sollen. Ein gewisser Gustave Eiffel hatte sich den ausgedacht. Doch den Turm wollte die Bevölkerung von Barcelona nicht - und so baute ihn Eiffel eben in Paris.

Dem Passeig de Sant Joan folgend, stoßen Radler schließlich auf das Monument al Doctor Bartomeu Robert, ein Denkmal für den Bürgermeister dieses Namens, zugleich aber auch eines auf die Glorie und Freiheit Kataloniens. Deshalb wurde es bald wieder unter dem antiseparatistischen Franco-Regime im Jahr 1940 abgetragen, und erst 1985 wieder aufgerichtet.

Hier, auf der Plaça de Tetuan, findet man sich bereits mitten im Stadtteil Eixample, der Mitte des 19. Jahrhunderts vom Stadtplaner Ildefons Cerdà im Zuge der Erweiterung der Stadt umgesetzt wurde. Es ist das Barcelona der weiträumigen platanenbestandenen Boulevards - die häufig Passeig, Avinguda oder Carrer genannt werden - mit ihren gutbürgerlichen Häusern, wo jedes Fenster sein Balkönchen und seine Fensterläden hat. Viele dieser Straßen bilden an ihren Kreuzungspunkten Plätze mit nicht nur vier, sondern gleich acht Ecken - auch das ist eine Hinterlassenschaft von Cerdà.

Gràcia statt Rambla

Von hier aus radelt man - meist auf separierten Radwegen, die jedoch nicht überall angelegt sind - in Richtung Passeig de Gràcia, der vornehmsten Einkaufsstraße der Stadt, die man wegen der Gaudí-Häuser gesehen haben muss. Barcelona ganz ohne Gaudí zu durchqueren, das wäre nämlich auch für Radler schlimm. Schlimmer sogar, als die Rambla, die berühmtere, aber auch verstopftere Einkaufsstraße, nie befahren zu haben. Am Passeig de Gràcia ist jedenfalls tatsächlich einiges vom Erz-Architekten des Jugendstils katalanischer Spielart zu sehen; und neben diesen Gaudí-Gebäuden auch jene von seinen Kollegen Lluís Domènech i Montaner sowie Josep Puig i Cadafalch. Den direkten Vergleich bieten dabei drei aneinandergereihte Häuser an der Illa de la Discordia, am sogenannten Häuserblock der Zwietracht.

Hier endet eine Fahrradtour mit Thomas in aller Regel. Stationen wie die Sagrada Família, Gaudís nach wie vor nicht vollendete Kathedrale (für die wegen des Besucheranstroms sowieso ein halber Tag zu veranschlagen ist) oder den steilen Hausberg Montjuic und die Rambla (auf der man schließlich auch radlos flanieren kann), lässt er ganz bewusst aus. Allerdings sieht man dabei ohnehin wesentlich mehr, als wäre man zu Fuß zu den üblichen Guidebook-Stationen gelatscht, und das noch dazu auf persönlichere Weise: Auch im viel bequemeren Hop-on-Hop-off-Bus gibt's eben nur standardisierte Texte aus dem Kopfhörer.

Anderntags kann man dann ja noch zum Hafen Port Vell und die Strandpromenade entlang bis ins Trendviertel Poblenou radeln. Das sind zwar keine unbewältigbaren Distanzen, aber dennoch nehmen selbst Radler manchmal gerne die Gelegenheit war, ein bisserl weniger strampeln zu müssen: Barcelona verfügt auch bereits über etliche mietbare E-Bikes. Für viele mag das noch immer eine neuartige Erfahrung sein, aber von der Bedienung her sind die Dinger sozusagen eine trottelsichere Sache: Grundsätzlich schnurren sie ganz von allein, nur wenn man Lust hat, hilft man ein wenig nach und wird dadurch ein wenig schneller.

Am Strand mit Goldfisch

Barcelonas Port Vell, also der Alte Hafen, und der Küstenstreifen mit seinem kilometerlangen Strand sind mittlerweile eine äußerst quirlige Angelegenheit: Entlang der Strandpromenade gesellen sich zu den immervollen Bars, den hypermodernen Wohn- und Bürogebäuden, einem Messe- und Festspielgelände sowie endlosen Paraden flanierender Menschen auch zahlreiche Kunstwerke: die alte Columbus-Statue etwa oder Frank Gehrys Goldfisch aus einem Stahlgeflecht und die bekannte Skulptur Head von Roy Lichtenstein. Die lebenswerte Aufbereitung des Hafens verdankt Barcelona bekanntermaßen den Olympischen Spielen von 1992 - bis dahin nämlich hatte die Stadt dem Meer quasi den Rücken gekehrt.

Im Summton - das Einzige, was E-Bikes von sich geben - geht es schließlich noch die paar Kilometer bis nach Poblenou, also ins "neue Dorf". Das Viertel ist ausgesprochen trendy, wie man so sagt, und hat die Gentrifizierung wohl bereits hinter sich gebracht: Vom Arbeiterviertel des 19. Jahrhunderts mit zahlreichen Fabriken - man nannte Poblenou auch das "Manchester von Barcelona" - stieg es mit seinen lässigen Cafés und Bars ja längst zum boboesken "Kreativviertel" auf.

Bloß das mit den Kreativen im engeren Sinn - also den Galeristen und Grafikern, den Architekten und Start-ups aus IT und Neuen Medien - hat halt nicht so hundertprozentig geklappt. Die hätten sich hier im Zuge des Stadtentwicklungsprojekts "22@" in die alten Fabriken einmieten sollen. Doch dann kam die Krise dazwischen. Den meisten Radlern wird das allerdings nicht störend auffallen - eher im Gegenteil. Sie promenieren hier sehr gemächlich auf der großzügig angelegten und verkehrsberuhigten Rambla Poblenou, die quasi als relaxte Alternative zum innerstädtischen Original geschaffen wurde. (Harald Sager, DER STANDARD, Album, 6.3.2013)

  • Fly Niki hat Wien-Barcelona im Linienprogramm, die Frequenz liegt aktuell (Flugplan 22. 4. bis 1. 11. 2013) bei zweimal täglich mit Ausnahme von Samstag (einmal täglich). Tickets unter: www.flyniki.com oder telefonisch 0820/737 800 (0,12 Euro/min); Preis hin und retour ab 98 Euro. Der Aerobus fährt vom Flughafen direkt ins Stadtzentrum, er ist zwischen 6 und 15 Minuten getaktet und kostet 5,75 Euro für die einfache Fahrt oder 9,95 hin und retour. Etwas günstiger (3,80 Euro) sind die Züge der Renfe, sie verkehren alle 30 Minuten zwischen dem Flughafen und dem Zentrum. Die Fahrt dauert rund 25 Minuten.

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  • Das K+K Hotel Picasso am Passeig de Picasso 26 (www.kkhotels.com) fügt sich zwar stilecht in seine 19.-Jahrhundert-Häuserzeile ein, es wurde aber komplett neu errichtet und eben erst - nämlich im Oktober 2012 - eröffnet. Ein Viersternehaus mit 92 Zimmern und Suiten am Rande des Ausgeh- und Boutiquenviertels El Born, gegenüber vom Park de la Ciutadella. Das Haus ist übrigens eine kleine österreichische Insel (mit ebensolchem Personal) mitten in Barcelona. Das Kürzel K+K steht dabei aber nicht für altbekannt Monarchistisches, sondern für die Gebrüder Koller, die von Salzburg aus ein kleines Hotelreich mit aktuell zehn Häusern führen.

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  • Touristische Infos: Spanisches Fremden- verkehrsamt, Walfischgasse 8/14, 1010 Wien oder www.spain.info/de ; Barcelona Tourismus im Netz: www.barcelonaturisme.com. Im Online-Shop (BCNShop) sind Touren vorab buchbar, so etwa Gourmet-Touren zu Fuß und mit dem Fahrrad oder E-Bike. Bike-Touren-Anbieter wie im Artikel beschrieben: www.bornbikebarcelona.com und www.barcelonaebikes.com Kulinarische Empfehlung: zum Beispiel das von Jean Nouvel entworfene Restaurant Fábrica Moritz Barcelona (www.moritz.com) am Standort der alten Moritz- Brauerei mit Bieren von ebendort.

    Touristische Infos: Spanisches Fremden- verkehrsamt, Walfischgasse 8/14, 1010 Wien oder www.spain.info/de ; Barcelona Tourismus im Netz: www.barcelonaturisme.com. Im Online-Shop (BCNShop) sind Touren vorab buchbar, so etwa Gourmet-Touren zu Fuß und mit dem Fahrrad oder E-Bike. Bike-Touren-Anbieter wie im Artikel beschrieben: www.bornbikebarcelona.com und www.barcelonaebikes.com Kulinarische Empfehlung: zum Beispiel das von Jean Nouvel entworfene Restaurant Fábrica Moritz Barcelona (www.moritz.com) am Standort der alten Moritz- Brauerei mit Bieren von ebendort.

  • Fahrradverleih in Barcelona:
bicing.com
mybeautifulparking.com
Barcelona Bici

    Fahrradverleih in Barcelona:

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  • Die Sagrada Família als Radler links liegen zu lassen ist rückblickend eine gute Idee. Ruhige Routen durch Barcelona machen mehr Spaß, und Gaudí gibt's auch neben Radwegen.

    Die Sagrada Família als Radler links liegen zu lassen ist rückblickend eine gute Idee. Ruhige Routen durch Barcelona machen mehr Spaß, und Gaudí gibt's auch neben Radwegen.

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