"Schule kann ich mir nicht leisten"

9. April 2013, 13:09
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Drei junge Arbeitlose erzählen, warum sie die Schule abgebrochen haben und welchen Problemen sie bei der Jobsuche begegnen

"Es wurde mir einfach zu viel." Katharina ist genervt. Die 17-Jährige macht ihrem Ärger Luft - über die Schule, ihre LehrerInnen, die Jobsuche. Vor einigen Monaten hat sie das Gymnasium abgebrochen, seither ist Katharina auf der Suche nach einem Vollzeitjob, bis sie eine Lehrstelle findet. "Eine Lehrerin sagte einmal zu mir, ich sei eine Proletin und würde mal auf der Parkbank enden." Zur Nachprüfung, die sie bei ihr machen sollte, ging Katharina nicht. "Der wollte ich keinen Gefallen tun." Sie brach ab.

Katharina ist mit ihrer Situation nicht alleine. Derzeit sind in Österreich rund 8.000 Jugendliche unter 19 Jahren auf Arbeitssuche. Österreichs Jugendarbeitslosenquote lag mit 4,8 Prozent im Februar 2013 aber weit unter dem EU-Schnitt von 10,9 Prozent.

"15-Jährige ticken anders"

Dennoch haben junge Arbeitslose auch hierzulande mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie sind mit vielfältigen Problemen konfrontiert, weiß Gerda Challupner, Leiterin der Arbeitsmarktservicestelle für Jugendliche in Wien. Dort sind derzeit ungefähr 13.000 Jugendliche zwischen 15 und 21 vorgemerkt. "15-Jährige ticken nun einmal anders als 35-Jährige", sagt Challupner. "Man braucht einen anderen Zugang, da sie in einer Phase sind, in der sie noch nicht so selbständig sein können."

Viele der jungen Menschen kommen ohne positiven Hauptschulabschluss und mit fehlenden Sprach- und Schreibkompetenzen zum AMS. Das Hauptproblem dabei: "Die Jugendlichen sind oft sich selbst überlassen, ihnen fehlt eine Bezugsperson. Das Wichtigste in diesem Alter ist aber, dass sie jemanden haben, der sie ein Stück des Weges begleitet." Früher sei es etwa üblicher gewesen, dass die Eltern ihre Kinder zum AMS begleiten. Heute stehen viele alleine in der Warteschlange.

Der arbeitslosen Katharina ist die Unterstützung ihrer Eltern sicher. Allerdings stellt sie damit eine Ausnahme dar. "Meine Mutter hat irgendwann aufgegeben, mich in der Früh aus dem Bett zu kriegen", erzählt ihre Freundin Vanessa. Die 16-Jährige, die die Hauptschule abgebrochen hat, gibt offen zu: "Ich hatte einfach keinen Bock mehr." Den Abschluss hat sie extern nachgeholt: "Dort wurde ich endlich wie eine Erwachsene behandelt", sagt sie.

Selbständigkeit und der Wunsch, eigenes Geld zu verdienen, waren bei Katharina und Vanessa ausschlaggebend für den Schulabbruch. "Früher hatte ich nur 25 Euro Taschengeld im Monat. Ich wollte unbedingt arbeiten gehen", erzählt Katharina. An die Schule zurückzukehren ist für sie daher keine Option: "Das kann ich mir nicht leisten." Dennoch bereut sie ihre Entscheidung: "Ich vermisse meine Freunde." Anders bei Vanessa: "Ich habe so gute Zeugnisse,  ich finde schnell etwas Neues."

"Alles andere als dumm"

Damit habe Vanessa nicht Unrecht, meint Gerda Challupner: "Gute Zeugnisse und ein positiver Hauptschulabschluss sind sehr wichtig." Was oft fehlt, seien der Wille und die Motivation, diesen zu machen. "Die Jugendlichen sind alles andere als dumm", meint die AMS-Betreuerin. "Sie können sehr viel, wenn man es ihnen erklärt. Sie kennen bloß ihre Stärken noch nicht."

Diese zu entdecken und zu fördern ist ihr Ziel: Die Jugendcoaches des Projekts "m.o.v.e. on" des Integrationshauses Wien besuchen Schulen und betreuen Jugendliche. "Wir setzen an, bevor sie aus dem System fallen", sagt Projektleiterin Claudia Bernatz. Über einen Identifikationsbogen können LehrerInnen feststellen, ob Betreuungsbedarf besteht. "Es funktioniert natürlich nicht immer. Einige geben auf, sehen keine Perspektive mehr."

So erging es auch der 16-jährigen Nacima. Vor fünf Jahren holte ihre Mutter sie und ihre Geschwister aus Somalia nach Wien. Zwei Jahre lang besuchte sie die Hauptschule, bis sie nicht mehr konnte. Ihre familiäre Situation wurde immer schwieriger, nur ungern spricht sie darüber. "Ich bin einfach nach Norwegen abgehauen", sagt sie leise. Sie kannte dort niemanden, fand aber eine Ausbildungsstelle als Pflegerin. "Es hat mir gut gefallen, die Menschen dort sind sehr offen." Doch der Wunsch, sich mit ihrer Mutter zu versöhnen, war stärker. Nach zwei Jahren in Norwegen kam sie zurück. "Ich war ein paar Wochen in der Schule, doch es wurde wieder stressig. Ich dachte, ich schaffe das alles nicht." Erneut wagte sie einen Neuanfang, zog von zuhause aus und lebt jetzt in einem betreuten Wohnheim. Noch dieses Jahr will sie ihren Abschluss nachholen.

Ein Drittel mit Migrationshintergrund

Mit welchen Problemen speziell Jugendliche mit Migrationshintergrund konfrontiert sind, weiß Jugendberaterin Claudia Bernatz: "Bildungslücken, familiäre Situationen, Eltern, die einfach nicht wissen, wie sie ihre Kinder unterstützen können oder nicht genug Zeit haben." Etwa ein Drittel der arbeitslosen Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren hat einen Migrationshintergrund. Diese Jugendlichen müssten sich ihrer Stärken wie der Mehrsprachigkeit und der interkulturellen Kompetenz bewusst werden. "Das Selbstbewusstsein fehlt bei vielen. Wenn Jugendliche jahrelang hören, dass sie schlecht sind, dann glauben sie es irgendwann selber", so Bernatz.

Doch auch Diskriminierung am Arbeitsmarkt sei ein Thema, weiß Challupner. "Einige Betriebe sagen zwar: Die trägt ein Kopftuch, die kommt nicht zu mir ins Geschäft. Doch zu sagen: Alle werden diskriminiert, ist Unsinn. Es ändert sich schon viel in diesem Gebiet." Auch Nacima hatte in Norwegen bereits mit Diskriminierung im Job zu kämpfen. "Eine Zeit lang musste ich ohne Kopftuch arbeiten. Als meine Chefin aber gesehen hat, wie engagiert ich bin, durfte ich es wieder tragen."

"Jugendliche ernst nehmen"

Die Wurzel allen Übels liege jedoch in der fehlenden Berufsorientierung, meint Gerda Challupner vom AMS: "Die Berufswahl ist ein längerer Prozess, das geht nicht von heute auf morgen." Das letzte Pflichtschuljahr sei für berufsorientierende Maßnahmen viel zu spät, sagt die Expertin. "Vor allem die Mädchen wählen noch immer stark die drei Bereiche Einzelhandel, Büro und Friseurin."

So auch Vanessa - sie macht derzeit den Computerführerschein. "Ich will später im Büro arbeiten, das macht mir Spaß." Ihr Ziel: eine Lehre mit Matura. Um die 30 Bewerbungen hat sie im vergangenen Monat abgeschickt. Auch Nacima schreibt fleißig Bewerbungen, besucht Firmen und stellt sich vor. Sie will vor dem Abschluss arbeiten und später einmal die Krankenpflegeschule besuchen. "Ich weiß, was ich will", sagt die 16-Jährige. Sie hat die Schuld nie auf andere geschoben: "Es kommt immer darauf an, wie man sich selbst verhält."

Die Verantwortung liegt aber auf beiden Seiten, weiß Jugendcoach Bernatz: "Der Schlüssel liegt darin, die Jugendlichen ernst zu nehmen und ihre Probleme nicht zu belächeln." Ein Wunsch, den auch Katharina oft hat. Doch sie hat große Pläne: "Ich würde gerne eine Lehre zur Chemielabortechnikerin machen. In Chemie war ich immer gut." Später einmal will sie sogar studieren. "Psychologie wäre toll." (Jelena Gučanin, daStandard.at, 9.4.2013)

  • "Der Schlüssel liegt darin, die Jugendlichen ernst zu nehmen", meint Jugendcoach Claudia Bernatz.
    foto: jelena gučanin

    "Der Schlüssel liegt darin, die Jugendlichen ernst zu nehmen", meint Jugendcoach Claudia Bernatz.

  • Die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich ist im EU-Vergleich zwar niedrig, doch auch hier sind jugendliche Arbeitslose mit speziellen Problemen konfrontiert.
    foto: robert newald

    Die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich ist im EU-Vergleich zwar niedrig, doch auch hier sind jugendliche Arbeitslose mit speziellen Problemen konfrontiert.

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