Mit subtilem Zwang in die Psychiatrie

Jutta Berger
8. April 2013, 17:41

Zwang in der Psychiatrie sei Folter, sagen die Menschenrechtsexperten der Uno. In Österreich steigt die Zahl der Zwangseinweisungen ohne ärztliche Untersuchung. Psychiatrie-Patientenanwälte kritisieren Missstände in mehreren Bundesländern

Wien - Psychiatrische Zwangsbehandlungen sind Folter und gehören abgeschafft, sagt das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte. Die österreichische Bürgerkommission für Menschenrechte ergänzt: "In Österreich werden jährlich weit über 20.000 Anträge bei Gericht eingebracht, um unbescholtene Bürger in die Psychiatrie zwangseinzuweisen. Damit befindet sich Österreich im europäischen Spitzenfeld der Zwangspsychiatrierungen." Sprecherin Birgit Karner fordert eine Revision des Unterbringungsgesetzes.

"Unterbringung ohne Verlangen"

Im erst 2010 novellierten Gesetz heißen Zwangseinweisungen nun "Unterbringung ohne Verlangen". Klingt schöner, ist es aber nicht. "Wenn sich jemand nicht freiwillig einweisen lässt, ist immer Zwang dabei", sagt Andreas Gschaider, Bereichsleiter Patientenanwalt des VertretungsNetzes, das Psychiatriepatienten vertritt. Schon bei der Einweisung kommt es zu saloppen Interpretationen des Unterbringungsgesetzes. Beispielsweise wenn die Polizei Menschen in psychischen Ausnahmesituationen direkt in die Psychiatrie bringt. Die Begründung lautet "Gefahr in Verzug" und wird auch angegeben, wenn der wirkliche Grund Ärztemangel heißt. Acht Prozent der Zwangseinweisungen geschehen ohne vorherige Untersuchung.

Notlösung ohne Arzt

Gegen ihren Willen darf eine Person laut Paragraf 8 Unterbringungsgesetz nur in eine Psychiatrie gebracht werden, wenn sie von einem Arzt, der im öffentlichen Sanitätsdienst steht, gründlich untersucht wurde. Kommt kein Arzt, greift die Polizei als Notlösung eben zu "Gefahr in Verzug" (§ 9). "Macht halt einen Neuner draus", sollen Polizisten immer wieder von überlasteten Ärzten hören, sagt Gschaider.

Neben Vorarlberg, Teilen Tirols und Salzburgs kommt es vor allem in Niederösterreich zu Engpässen. Seit der Änderung des Gemeindeärztegesetzes sind laut Gschaider Zuständigkeiten unklar, es gebe immer weniger befugte Ärzte. Aufgrund der Entfernungen komme es zu Zeitverzögerungen, die immer wieder zu unnötigen Eskalationen führten. In Niederösterreich übersteigt die Zahl der Polizeieinweisungen bereits jene der Standardeinweisungen. Kärnten reagiert auf den Ärztemangel mit einem besonderen Service, der "Begleitung durch die Polizei". Die Polizei überrede Betroffene zum Mitfahren und verspreche ihnen, nach einem kurzen Gespräch mit dem Arzt wieder heimzudürfen.

"Subtiler Zwang" nennt das Gschaider. Und: "Das Unterbringungsgesetz wird umgangen. Die Polizei muss das nicht dokumentieren, für Patienten entstehen rechtliche Unsicherheiten." Das Gesundheitsministerium sei über die Situation in den Ländern informiert, sagt Gschaider. Aber: "Für Sanitätsgesetze sind die Länder zuständig." (Jutta Berger, DER STANDARD, 9.4.2013)

Update zum Artikel

Es wurden unter anderem veröffentlichte Daten der "Bürgerkommission für Menschenrechte" verwendet. Dass es sich hierbei um eine Vorfeldorganisation von Scientology handelt, haben wir leider übersehen. Leserinnen und Leser (sowohl von derStandard.at als auch der Printausgabe) machten umgehend auf dieses Versäumnis aufmerksam. (red)

Nachlese

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Zahl der Unterbringungen in Ö erschreckend hoch

Österreich liegt in Europa mit an der Spitze was die Anzahl der Unterbringungen betrifft, ebenso was die Anzahl der weiteren freiheitsbeschränkenden Maßnahmen wie mechanische Fixierung und auch medikamentöse Zwangsmaßnahmen betrifft und dies trotz des strengen Unterbringungsgesetzes. Der Patientenanwalt kritisiert den saloppen Umgang mit dem Gesetz zurecht. Wenn man die möglichen Folgen einer solchen – nicht gesetzeskonformen Auslegung -durch Diskriminierung (in vielen Lebensbereichen und Stigmatisierung bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes sieht, ist die gesetzwidrige Vorgangsweise kein Kavaliersdelikt, sondern eine große Menschenrechtsverletzung. So kann man aus dem aktuellen Bericht des Gesundheitsministeriums (Analyse der Unterbringun

Es gibt ganz seltene Fälle, wo eine Zwangseinweisung notwendig und gerechtfertigt ist.
zum Beispiel wenn jemand unter akuter Schizophrenie leidet. So jemandem kann man ambulant praktisch nicht mehr helfen. Der ist mitunter eigen- und fremdgefährdend und weiß es nichtmal mehr selbst.
Oder jemand der irgendeine psychoaktive Droge genommen hat und auch nicht mehr wirklich Herr seiner Sinne ist. Schon etliche LSD Konsumenten dachten sie können fliegen...war dann doch nicht so.

Gerade in Großstädten sind tobende Psychosen, bzw. Suiziddrohungen, aufgrund von Schizophrenie, nicht behandelten Depressionen/psychischen Belastungsreaktionen und/oder der Einnahme von bewusstseinsverändernden Stoffen wie Alkohol, Drogen oder Medikamente leider häufiger als man glaubt...

Manchmal finden die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln.

Die Motive der Scientology sind schon jenseits aller Fragwürdigkeit- aber per se ist Psychiatriekritik nicht falsch, egal wer sie macht.
So, wie auch die FPÖ manchmal sinnvolle Sachen zu Tarifen für Öffis oder das bessere Anbringen von Postkästen sagt.

"Unterbringung ohne Verlangen"

Immer mehr MiniWahr- Doppelplusgut- Quacksprech.
"Unterbringung ohne Verlangen" = nächstens auch Haftstrafen?

Was kommt noch?
"Dienstfreistellung ohne Verlangen" = Kündigung d.d. Dienstgeber...
"Gehaltseinzug ohne Verlangen" = Lohnexekution....
"Sonderentgelt ohne Verlangen" = Strafmandate, Parkvergehen, Schwarzfahren...
"Geschlechtsverkehr ohne Verlangen" = Vergewaltigung...
"Heftiger Körperkontakt ohne Verlangen" = verprügelt werden...
(etwas für unsere Nichtraucher!) "Tabakkonsum ohne Verlangen" = Passivrauchen...
und generell: "Fixausgaben ohne Verlangen" = Einkommenssteuer....
usw....

Das ganze ist nicht neu - das Gesetz ist aus dem Jahr 1990 und ist im Übrigen ein massiver Fortschritt im Sinne der Patientenrechte gegenüber dem Vorgängergesetz.

Das heutige Arbeitsrecht...

...ist ein massiver Fortschritt gegenüber der Gesindeordnung aus 1743. ;)

yo, aber sie wollens eh wieder rückentwickeln :-))

um unbescholtene Bürger in die Psychiatrie zwangseinzuweisen

Das Attribut unbescholten ist unnötig.
Denn es impliziert, dass bescholtene Bürger sehr wohl ohne viel Aufhebens in die Psych. einweisbar seien.
Vorstrafen sind auch heute noch keine psychiatrischen Diagnosen lt. WHO.
Gut gemeinter Artikel, aber diese Wortwahl verrät die tief liegende Nähe der Psychiatrietradition zur Forensik, also zur kriminologischen Erfassung und Beurteilung von gesellschaftlich definierter Devianz.

Scientology liebt ja die Psychiatrie.^^

Der Standard im bildblog. Ich fasse es nicht.
http://www.bildblog.de/48158/auf... ngefallen/

polemisch, überzogen, und gespickt mit halbwahrheiten und einigen ganzunwahrheiten.
und dann noch scientology als quelle!

mehr sag ich dazu nicht ....

Die "Bürgerkommission für Menschenrechte"

- unterhält ein eigenes Straflager "The Hole" für Mitglieder
- zwingt Mitarbeiterinnen zur Abtreibung
- Psychoterror gegenüber Kritiker und Aussteiger
- wurde in Frankreich wegen bandenmäßigen Betruges verurteilt
- Kinderarbeit, Menschenhandel, uvm.

Eine kurze Recherche genügt, um dies an das über Scientology ans Tageslicht zu befördern. Oder man spricht mit Aussteiger oder mit Betroffenen.

Eine wirklich feine Organisation die sich hier für "Menschenrechte" einsetzt. Wie glaubwürdig sollen Aussagen dieser Gruppe sein?

www.destruktive-gruppen-erkennen.com

Psychiatrien - ein Reiseführer

Um dieser Sache mit Humor zu begegnen: so genannte Irrenhäuer gehen ja ganz unterschiedlich mit unterschiedlichen Situationen um, daher braucht es einen Reiseführer für uns Kranken: http://www.startnext.de/irrenhausfuehrer

"Zwang in der Psychiatrie sei Folter, sagen die Menschenrechtsexperten.."

nein. sagen sie in dieser pauschalität eben NICHT:
"As already established by the mandate, medical treatments of an intrusive and irreversible nature, WHEN LACKING a therapeutic purpose or WHEN aimed at correcting or alleviating a DISABILITY, MAY constitute torture or ill-treatment when enforced or administered without the free and informed consent of the person concerned"
also: kurzgefaßt: zwang KANN folter oder fehlbehandlung bedeuten, WENN ohne therapeutische indikation ODER WENN als korrektur- oder erleichterungsmaßnahme bei (geistiger oder körperlicher) BEHINDERUNG (was im rechtlichen/ fachlichen sprachgebrauch NICHT gleichbedeutend mit psychischer krankheit ist, sondern was völlig anders definiert)

Kann schon sein,

dass Fehleinweisungen passieren, die wären aber in der Geschlossenen dank UBG nach 3 Tagen vorbei, freiwilliger Aufenthalt ist jederzeit zu beenden mit oder ohne Entlassung, wer nicht will, muß nicht bleiben. Diese Kritik ist unverständlich. Man erlebt eher, dass Patienten in hochpsychotischem Zustand abgewiesen oder vorzeitig entlassen werden.

So einfach ists nicht. Theoretisch hast du recht. Nur je nach Einrichtung, verantwortlichen Ärzten/Personals kann dieses Recht unterschiedlich vermittelt werden. Das UGB hat ja kaum einer zur Hand bzw. wissen die meisten gar nichts davon.. "Patient kann jederzeit Aufenthalt freiwillig beenden" klingt toll. Nur Kommunikation bspw. sie können sich theoretisch selbst entlassen, sollte etwas passieren sind sie selbst verantwortlich und müssen dass mit der Krankenkasse klären und davon kannn ich nur abraten blabla.Folge wäre ein langer Aufenthalt in der Geschlossenen oder sie bleiben freiwillig hier bis es ihnen gut geht.

Wobei wie in einem anderen Posting erwähnt, sind die Kapazitäten (Betten, Personal) idR für stat. Aufenthalte eher knapp..

"sie können sich theoretisch selbst entlassen, sollte etwas passieren sind sie selbst verantwortlich und müssen dass mit der Krankenkasse klären "

ja, eh. nur: fehleingewiesene und verantwortungsfähige menschen sind eben de facto für das was sie tun, nachdem sie sich entlassen haben, tatsächlich auch haftbar. man kann nicht einerseits unbegrenzte freiheitsrechte haben und im fall des falles dann nicht haftbar oder verantwortlich gemacht werden... aber tatsächlich nicht mehr verantwortungsfähige menschen (in einer psychotischen krise ohne jede "krankheitseinsicht" oder urteilsfähigkeit und ihren affekten ziemlich ausgeliefert), müssen zumindest temporär auch gegen ihr einverständnis vor sich selbst und den folgen ihres tuns geschützt werden dürfen.
bei bestimmten zuständen, die hoch druckvoll, unerträglich und erschöpfend sind, wäre nämlich die nichtbehandlung die eigentliche folter...

Geschlossene ist möglich bei Eigen-oder/und Fremdgefährdung. Nur ist das recht breit auslegbar. Bsp. Person erzählt über Freitodgedanken, "wäre am liebsten Tod" oder schon über Methoden, frühere Versuche. Kommt wohl oft genug vor, dass Patienten so etwas beim Neurolgen/Psychiater erwähnen oder auch nur andeuten. Nur da wird idR auch nicht gleich jeder zwangseingewiesen und auch keine Überweisung für sofortige! stationäre Aufnahme. Das muß immer abgewogen werden (Folge kann sein dass Patient dann gar nix mehr sagt, warnt andere Patienten.).. Genauso wenn privat so etwas erwähnt wird, kann man theoretisch die Rettung, Polizei anrufen.. Nur/Dazu sind die Kapazitäten stationär auch begrenzt. Ähnlich bei akuter "Verwirrtheit, Psysosen".

Aussagen wie "Wenn nur alles vorbei wäre", "Lieber wäre ich Tod", "Es hat alles keinen Sinn mehr", "Eigentlich will ich nicht mehr leben", etc. sind nicht ausreichend für eine Zwangsunterbringung/Zwangseinweisung. Nur wenn die Person klar sagt, "ich werde das beenden", "ich bringe mich um", "ich spring aus dem fenster", ich schneid mir die pulsadern auf", etc. dann ist dies ausreichend. - Sollte sich die Person bereits verletzt haben oder Medikamente überdosiert haben, dann ist dies natürlich ebenso ein Grund.

Hab ich doch eh geschrieben, dass da idR keiner Zwangs-eingewiesen wird oder sofort stationär nen Platz bekommt.-Da muss das schon eindeutig kommuniziert werden (Kommunikation ist nicht nur Sprache) und zwar nicht nur dem ambulanten Psychiater/Arzt/Therapeuten usw.. Klar ich eh mal davon aus, dass die meisten zumindest für 2-4 Tage aufgenommen werden da die verantwortlichen Ärzte wohl ungern das Risiko eingehen, dass sich der Patient doch etwas antut obwohl er Hilfe gesucht hat usw

Formal mag "nur wenn die Person das klar sagt" richtig sein, praktisch nicht. DAs Gespräch beim Arzt/Therapeut... wird ja nicht aufgezeichnet.Wenn er ohne eindeutige Aussage trotzdem akute Gefährdung vermutet dann Zwangseinweisung-wenn freiwillig abgelehnt wird.

"Kummens jetzt freiwillig mit oder miaß ma ihna via Gefahr im Verzug sofurt entmündign?"

Freiwillig mitgefahren, um die Herren Inspektoren und meine liebe überfürsorgliche (und obrigkeitshörige mittlerweile Ex-)Freundin zu beruhigen.
Dann im Spital nach Abzug der Infanterie einfach gegangen, unter Aufsicht eines befreundeten Psichiaters eine Nacht unter Kontrolle verbracht und am nächsten Morgen wieder heimgefahren und gut wars. Nur, was machen Menschen die keine derartigen Freunde haben?

Seither weiß ich: wenn ich jemandem wirklich etwas z'fleiß machen will ruf ich die Pozilei und mache mir "Sorgen" um mein Opfer. Im Wissen, je empörter dieses reagiert, desto mehr redet es sich um Kopf und Kragen (sie wirken schon sehr aggressiv... Sind sie sicher das alles in Ordnung ist? Wollens ned zur Sicherheit doch mitfahren?)

zum z´fleißtun müssen Sie sich dann aber etwas einfallen lassen, das etwas verläßlicher wirkt...

wie Sie an ihrem beispiel sehen, und wie es die praxis in der mehrzahl von auch weniger gut ärztlich behüteten menschen zeigt, ist ein anruf als sorgender angehöriger von der erfolgsquote her eher risikobehaftet... da beißen sich viele die zähne aus.
in der regel gottseidank, in manchen fällen leider.
heißt: sogar familienmitglieder von schlagkräftig (oder noch bedrohlicher) akut gewordenen psychisch labilen menschen, die grad aktuell auszucken, scheitern da öfter als daß sie "erfolg hätten". die schaffens oft nicht mal bis zu einer weg-weisung, geschweige denn daß ihnen eine nachhaltigerer erfolg einer zwangseinweisung oder gar "zwangstherapie" (die es so eh nicht gibt) gegönnt wäre...
(end ironie light)

Was ist denn das für ein einseitiger und polemischer Artikel zu einem ernsten und komplexen Thema?

Das ist ein Thema über das man auf jeden Fall diskutieren kann und muss, aber so zu tun als ob Zwangseinweisungen Ausdruck einer sadistischen und bösartigen Grundhaltung seinen, ist nicht gerade "Qualitätszeitung" und so.

Naja diskutieren kann man die 3 Tage ohne Gerichtsbeschluss, sowie Zwangsmedikation (auch informal) und Schikanen bei der Akteneinsicht.. In Deutschland zB in den meisten Bundesländern nur 24 Stunden möglich ohne Gerichtsbeschluss.. Vor allem Personen ohne Angehörige die sich kümmern oder/und Angst bzw. Gewohnheit sich (staatl.) Autoritäten, Machtapparaten unhinterfragt zu fügen (Arzt, Organisation KH usw. -treten meist auch dementsprechend auf), nicht über ihre Rechte bescheid wissen usw. sind da schnell hilflos bis entrechtet.. Patientenanwaltschaft, Sozialarbeiter in den Kliniken vertreten informal auch nicht immer primär ausschließlich den Patienten bzw. rücken ungefragt alle Informationen begügl. Rechte und Pflichten raus.

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