Als das Ornament doch kein Verbrechen war

8. April 2013, 17:29
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Das Mak schlägt in seiner inhaltsreichen Ausstellung "Loos. Zeitgenössisch" eine Brücke zur Gegenwart

Nicht nur, dass Loos' Wichtigkeit von Nachgeborenen bestätigt wird. Man entsinnt sich auch des Genusses.

Wien - "Nun gut", sagte Adolf Loos 1908 im Rahmen seines Vortrags Ornament und Verbrechen, "die Ornament-Seuche ist in Österreich staatlich anerkannt und wird mit Staatsgeldern subventioniert. Ich aber erblicke darin einen Rückschritt." Mehr als hundert Jahre später ist Loos' Dekorphobie immer noch aktuell. Zahlreiche Architekten und Architekturschulen stützen sich auf den lautstark hervorgebrachten Hass gegen den Schnörkel. Das beweist die mit der New Yorker Columbia University konzipierte Ausstellung Loos. Zeitgenössisch, die derzeit im Mak in Wien zu sehen ist.

"Die Auseinandersetzung mit Loos hat in der heutigen Architektur nach wie vor Gewicht", sagt Ausstellungskurator Rainald Franz. "Wer sich mit Raum und Oberfläche beschäftigt, kommt an Loos keinesfalls vorbei." Elf Interviews mit zeitgenössischen Architekten wie etwa Hans Hollein, Steven Holl, David Adjaye, Jacques Herzog oder dem diesjährigen Pritzker-Preisträger Toyo Ito, die eigens für diese Ausstellung geführt wurden, bestätigen das.

"Besonders japanische Architekten lieben die Abstraktion", sagt Ito vor laufender Kamera. "Sie sind bemüht, ihre Häuser auf das absolute Minimum zu reduzieren. Das ist so wie bei Loos." Und Hermann Czech, der für die Ausstellungsgestaltung verantwortlich ist, meint: "Ornament und Verbrechen darf man nur nicht allzu wörtlich nehmen, aber ja, ansonsten ist diese Aussage heute immer noch aktuell."

Über alle Maßen unornamentiert sind die 1930 von Loos entworfenen Wodka- und Champagnergläser mit jeweils einem recht mächtigen, dazugehörigen Cooler. Loos skizzierte die Entwürfe damals auf die Rückseite einer Visitenkarte. Die genaue Detail- und Materialbeschreibung findet sich im Musterbuch des Wiener Glasproduzenten J. & L. Lobmeyr. Das Originalbuch ist eines von insgesamt 120 Exponaten, die in der kleinen, inhaltlich vertiefenden Mak-Ausstellung zu sehen sind.

Interessanter aber noch: Die beiden Wiener Erich Hubmann und Andreas Vass nahmen sich der Loos'schen Glasentwürfe an und setzten das Projekt mit mehr als 80 Jahren Verspätung in die Realität um. Demnächst sollen die beiden Glasensembles für Wodka und Champagner bei Lobmeyr in Serie gehen. "Es hat uns jahrelang gereizt, das Objekt anhand der erhaltenen Skizzen zu rekonstruieren", sagt Vass. Die Kanneluren im Cooler dienen nicht der Optik, sondern einzig der Funktion. Das nützliche Ornament ist eben doch kein Verbrechen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 9.4.2013)

  • Adolf Loos und sein total funktionaler "Cooler": Sein Glasensemble soll bei der Firma Lobmeyr in Serienproduktion gehen.
    foto: michael rathmayer

    Adolf Loos und sein total funktionaler "Cooler": Sein Glasensemble soll bei der Firma Lobmeyr in Serienproduktion gehen.

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