Lockerungsübung mit Verspannungen

8. April 2013, 17:35
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Das Jüdische Museum in Berlin untersucht in "Die ganze Wahrheit" die Sinnfälligkeit von Stereotypen und Vorurteilsstrukturen

"Die Juden sind an allem schuld." Dass man diesen Satz jetzt wieder an vielen Berliner Straßenecken plakatiert sieht, hat mit einer Erfolgsgeschichte zu tun. Deutschland hat seine vielfach antisemitisch geprägte Vergangenheit gründlich "bewältigt". Das Jüdische Museum in Berlin ist ein bedeutender Ausdruck dieser geschichtspolitischen Verantwortung. Es ist zu einem Touristenmagneten geworden, in dem Betriebsamkeit und Andächtigkeit immer wieder eine eigentümliche Verbindung eingehen.

Die aktuelle Sonderausstellung Die ganze Wahrheit wirbt nun mit provozierenden Plakaten, in denen geläufige Stereotypen unkommentiert zu lesen sind. Was Sie schon immer über Juden wissen wollten, lautet der Untertitel. Im Jüdischen Museum Hohenems gab es im Vorjahr eine ähnliche Schau, die auch auf Woody Allens berühmten Filmtitel anspielte: Was Sie schon immer über Sex (Juden) wissen wollten ... aber nie zu fragen wagten. Die Berliner Schau ist in Kooperation mit Hohenems entstanden, hat aber ein eigenes Kuratorenteam. Und erweist sich als hochinteressantes Beispiel für zeitgenössische Museumspolitik.

Endlose Vorurteile

An einem so komplexen Thema kann eine Ausstellung im Grunde nur scheitern. Es sei denn, sie geht spielerisch mit der Last der Problematik um. Genau das passiert hier. Wobei die lockere Herangehensweise ihre Tücken hat, denn sie führt auch so in die Endlosschleifen der Vorurteilsstrukturen. Im Treppenhaus ist ein Witz zu lesen, in dem ein Rabbiner gefragt wird, warum Juden auf alle Fragen mit einer Gegenfrage antworten. "Warum nicht?", antwortet der Rabbi und bestätigt nicht nur ein Klischee über "die Juden", sondern auch ein weiteres, nämlich, dass es einen spezifischen jüdischen Witz gibt.

Es geht nicht nur um negative, sondern auch um positive Klischees. Kurator Michal Friedlander schreibt im Begleitheft, er kenne viele kalifornische Frauen, die bei der Partnersuche im Internet die Präferenz " jüdisch" wählen, ohne selbst jüdisch zu sein. Sie verbinden damit zwei Eigenschaften: "familienorientiert und geschäftstüchtig". Mit diesem Beispiel einer positiv gewendeten jüdischen "Essenz" hätte man allein eine interessante Ausstellung bestreiten können. Woher kommen diese beiden Annahmen? Welche Bücher, welche Filme, welche kulturellen Zusammenhänge verbergen sich dahinter? Welche Phantasien bleiben darin vielleicht unausdrücklich?

Die ganze Wahrheit wählt einen anderen, eher kursorischen Weg, der auf eine Reihe von Fragen vielfach nur die Andeutung einer Antwort gibt. Beim Thema "Beschneidung" sind Medienbeiträge aus jüngsten Debatten zu sehen, bei "Auserwählung" hilft ein Zitat von Martin Buber nicht wirklich weiter. Beim Thema "Kopfbedeckungen" hängen zahlreiche Kopfbedeckungen von der Decke, um zu zeigen, dass es darauf nicht grundsätzlich ankommt. Dass man an einer Stelle mit Plastikjetons selber abstimmen kann, ob Juden etwa "besonders intelligent" sind (wie eine Mehrheit befindet), wird schließlich zu einer sinnfälligen Installation der reflexiven Struktur aller Annahmen darüber, was jüdische Identität ausmacht. Wie in einer Jackpot-Maschine sieht man, welche Zuschreibung erfolgreich ist.

Mit seinen vielen beiläufigen, oft witzigen Zeugnissen widerruft Die ganze Wahrheit letztlich den eigenen Titel. Die ganze Wahrheit bekommt man im Jüdischen Museum ganz und gar nicht zu fassen (das Begleitheft immerhin gibt eine Reihe von wichtigen Hinweisen, in welche Richtung die schwierigen Debatten um Religion, Kultur, Genetik gehen).

Man müsste diese Ausstellung also als eine Lockerungsübung begreifen. Juden (an einer Stelle wird man aufgefordert, dieses Wort in ein Mikrofon zu sprechen, und schon merkt man, wie unbehaglich einen allein das Wort macht, man fühlt sich beinahe als Antisemit, wenn es man es so nackt ausspricht) sind Juden auf höchst unterschiedliche Weise. So sieht es auch jemand, der oder die am Ausgang der Ausstellung eine Botschaft hinterlassen hat. "Es bleiben viele Fragen offen." Möglicherweise ist das ja schon die beste Antwort. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 9.4.2013) 

Bis 1. September

  • Las den Nazis mit den Mitteln der Satire die Leviten: Charlie Chaplin als der "große Diktator". Filmischer Ausdruck einer Befähigung zum "jüdischen Witz"?
    foto: jüdisches museum berlin/www.doctormacro.com

    Las den Nazis mit den Mitteln der Satire die Leviten: Charlie Chaplin als der "große Diktator". Filmischer Ausdruck einer Befähigung zum "jüdischen Witz"?

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