Krankenstände: Firma interveniert bei Ärzten

8. April 2013, 15:18
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Deutsches Unternehmen sorgt mit Brief an Mediziner für Kritik - Schonarbeitsplätze für kranke Mitarbeiter geplant

Mit einer ungewöhnlichen Aktion sorgt derzeit der deutsche Molkereizulieferer Satro für Empörung. Via Brief, der an praktische Ärzte und Krankenhäuser in der Region um Lippstadt ging, appellierte das Unternehmen, erkrankte Mitarbeiter nur teilweise krankzuschreiben. Mit dem Ziel, sie mit Hilfe von so genannten Schonarbeitsplätzen weiter zu beschäftigen – auf freiwilliger Basis, um grippebedingte Ausfälle kompensieren zu können.

"Befristete Arbeitsplätze"

Wie der "Westdeutsche Rundfunk" (WDR) Ende voriger Woche berichtete, entstand die Idee aufgrund des Wunsches zahlreicher Mitarbeiter, auch im Krankenstand weiter arbeiten zu können. Das behauptet zumindest Satro. In dem Scheiben an die Ärzte, das dem WDR vorliegt, heißt es: "Wir können eine Reihe von befristeten Arbeitsplätzen, die allgemein nur geringe körperliche Belastungen mit sich bringen, zur Verfügung stellen. Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie in medizinisch dafür geeigneten Fällen einen vorübergehenden Einsatz verletzter bzw. erkrankter Mitarbeiter als Alternative zur Krankschreibung in Erwägung ziehen würden. Eine kurze schriftliche Mitteilung gegenüber unserem Mitarbeiter wäre für uns dabei ausreichend."

Gegenüber der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" verteidigte sich eine Unternehmenssprecherin: "Bei uns haben sich einige krank geschriebene Mitarbeiter gemeldet. Die wollten nicht mehr nur so zu Hause rumsitzen und fragten nach, ob sie leichteren Tätigkeiten nachgehen könnten." Und weiter: "Wenn jemand, der unter einer Fußprellung leidet und seine Arbeitsschutzschuhe nicht tragen kann, trotzdem arbeiten möchte, dann finden wir etwas passendes für ihn." Unter der Prämisse von Freiwilligkeit, versicherte sie.

Ärzte konstatieren Manipulationsversuch

Aufgrund der dünnen Personaldecke kontaktierte dann Satro die Mediziner in der Region. Heinz Ebbinghaus von der Ärztekammer Westfalen-Lippe weist das Anliegen entschieden zurück: "Unterschwellig wird den Ärzten unterstellt, sie könnten einen arbeitsunfähigen Bürger nicht von einem arbeitsfähigen unterscheiden", sagte er zur "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Diese Intervention grenze an Manipulation, sie konterkariere die Expertise der Mediziner: "Wenn wir eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung unterschreiben, dann denken wir uns auch etwas dabei."

Solche Aktionen könnten zu einer Verunsicherung bei Arbeitnehmern führen, meint er: "Aus einem leichten grippalen Infekt kann schnell ein bakterieller wie eine Lungenentzündung werden." Heftige Kritik kommt auch von Seiten der Gewerkschaft. Dienstnehmer würden dreist unter Druck gesetzt.

Wirtschaftskammer will Teil-Krankenstände

Forderungen nach Teil-Krankenständen sind auch in Österreich nichts Neues. Erst kürzlich unternahm die Wirtschaftskammer wieder einen Vorstoß zur Differenzierung von Arbeitsunfähigkeit, derStandard.at berichtete darüber. Mit einem gebrochenen Fuß könnten Arbeitnehmer etwa Telefondienste leisten, so die Argumentation der Unternehmensvertreter. Einen Teil-Krankenstand gibt es derzeit in Österreich nicht. Entweder man ist krank und damit arbeitsunfähig - oder nicht. (om, derStandard.at, 8.4.2013)

  • Eine Firma aus Deutschland sorgt mit einem Brief an Ärzte für heftige Kritik.

    Eine Firma aus Deutschland sorgt mit einem Brief an Ärzte für heftige Kritik.

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