Wieso EAs Wahl zum "schlimmsten Konzern der USA" beschämend ist

Blog13. April 2013, 12:00
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Wenn ein Videospielhersteller das Übel der US-Marktwirtschaft sein soll, müssen die USA das Paradies auf Erden sein

Mehr als 250.000 amerikanische Leser des Magazins "Consumerist" haben das zweite Jahr in Folge den Videospielhersteller Electronic Arts (EA) zum schlimmsten Konzern der USA gewählt. Im Wortlaut: "Worst Company In America 2012". Der schlimmste Konzern der USA. Zum zweiten Mal in Folge. Ein Videospielhersteller.

Das Paradies auf Erden

Die Begründung: "Es gab zahlreiche Anschuldigungen, wonach EA und Mitbewerber absichtlich Spielinhalte zurückgehalten haben, um später dafür Geld zu verlangen. Es ist eine Sache, ein Spiel mit neuen Inhalten zu versorgen, die ihr Geld wert sind", so das Magazin. "Es ist eine andere Sache, ein mangelhaftes und in manchen Fällen unfertiges Produkt mit der Einstellung zu veröffentlichen, dass man es später richten wird, aber bis dahin Geld verdienen möchte."

Kurz gesagt: Eine beträchtliche Anzahl an Wählern erzürnte sich so sehr über die nachlässige Behandlung von populären Franchises, ein fehlerhaftes "SimCity", Bezahlgegenstände in "Dead Space 3", drakonische Kopierschutzmaßnahmen, das frühzeitige Abschalten von "FIFA"-Servern oder ein grottenschlechtes "Medal of Honor: Warfighter", dass sie den Hersteller dieser Spiele zum Allerschlimmsten dessen wählten, was die US-Wirtschaft 2011 und 2012 hervorgebracht hat. Ich wusste bisher nicht, dass die USA das Paradies auf Erden sind.

Freizeitprobleme über alle anderen Missstände

Um dieses Votum in einen Kontext zu setzen, lohnt der Blick auf die restlichen Nominierten für diese unbequeme Auszeichnung. Banken genauso wie Handelsketten,
IT-Unternehmen, Mobilfunkbetreiber und Paketdienste zusammengewürfelt und wie bei einem Ausscheidungsturnier einander gegenübergestellt. Ein schon an sich unglückliches System, da so kein ganzheitlicher Vergleich möglich ist, sondern pro Runde immer nur zwischen zwei Firmen entschieden wird. Gleichzeitig wurden ganze Industrien wie die Pharmabranche und Waffenhersteller nicht berücksichtigt. Im Finale trafen schließlich EA und die Bank of America aufeinander. Zwei Drittel der Teilnehmer entschieden, dass der zweitgrößte Videospielhersteller der USA schlechter zu seinen Kunden ist als das größte Finanzinstitut der Welt.

Die US-Konsumenten hätten tatsächlich eine Chance dazu gehabt, den Bankern für Milliarden verprasste Steuergelder und Wohnungs- und Arbeitsplätze vernichtende Spekulationsgeschäfte und ruinöse Kreditkonditionen einen Stempel aufzudrücken. Auch hatten sie die Möglichkeit, die weltgrößte Handelskette Walmart mit mehr als zwei Millionen Mitarbeitern für ausbeuterische Angestelltenverhältnisse und unzählige weitere kritisierte Geschäftspraktiken anzuprangern. Um nur zwei kritikwürdige Großkaliber der Wahl zu nennen. Anstelle dessen wurden Freizeitprobleme über alle anderen, in den meisten Fällen weitaus gravierenderen Missstände der US-Dienstleister gestellt.

Es ist einfach nicht richtig

"Consumerist" erklärte sich dieses Ergebnis auch damit, dass die Wahl des schlimmsten Unternehmens mit der Erwartungshaltung der Konsumenten zusammenhängt. Ein Fehlverhalten eines Spielentwicklers, der eigentlich Spaß und Freude mit seinen Produkten verbreiten sollte, falle daher negativer auf als ein Verstoß einer Bank, von der die Menschen von vornherein keine allzu gute Meinung hätten. Und sehr wahrscheinlich ist EAs verhältnislos schlechtes Abschneiden damit zu begründen, dass sich für den Abstimmungszeitraum und das Online-Voting eine überaus stimmkräftige und Online-affine Userschaft fand. Bei 250.000 Stimmen kann man aber in jedem Fall nicht mehr von einer kleinen Stichprobe sprechen.

Doch man kann noch so sehr in die Tiefe gehen und Hintergründe analysieren: Als Konsument, Spieler und in erster Linie einfach Mensch ist es beschämend zu sehen, wie wenig Umsicht bei dieser Wahl an den Tag gelegt wurde. Es ist einfach nicht richtig, wenn Luxusprobleme vor existenzielle Sorgen gestellt werden. Egal wie verärgert man als Spieler, Kinobesucher oder Musikliebhaber ist.

Zeit, das Hirn einzuschalten

Electronic Arts hat definitiv massive Fehler begangen und hat sich das Misstrauen seiner Kunden redlich verdient. Das heißt aber nicht, dass EA auch im echten Leben der Endgegner ist. Nur weil jemand erzürnt über das neue "SimCity" ist oder zornig in der Warteschleife von "Real Racing 3" hängt, muss man nicht gleich sein Hirn ausschalten. Wenn man als enttäuschter Videospieler wirklich seine Stimme erheben möchte, tut man dies mit seiner Brieftasche und widersteht ganz einfach dem Drang, sich das neueste Game zu holen. Vielleicht bleibt dann am Ende des Monats etwas Geld übrig, um die drei Kredite bei der Bank of America abzubezahlen oder einmal nicht den Schinken aus Walmarts Regal für Massentierhaltung zu kaufen. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 13.4.2013)

foto: blizzard entertainment

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