"Gastarbeiter aus Österreich - das kann ja nicht sein"

Interview8. April 2013, 12:19
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Schulbücher stellen Migration vorwiegend aus wirtschaftlicher Sicht dar. Zugleich fehlen Themen wie Auswanderung aus Österreich

daStandard.at sprach mit Christa Markom und Heidi Weinhäupl, Mitarbeiterinnen des Sparkling-Science-Projekts "Migration(en) im Schulbuch", über die Thematisierung von Migration in österreichischen Schulbüchern und die Frage, warum auch Themen wie Diskriminierung und Begriffskritik hineingehören.

daStandard.at: Am Mittwoch findet die internationale Tagung zu Ihrem Projekt über den Umgang mit Migration in Schulbüchern und im Unterricht statt. Warum haben Sie dafür den Titel "Hat (nichts) mit mir zu tun!" gewählt?

Markom: Im Zuge des Projekts haben wir 24 Workshops in Schulen in Salzburg und Wien durchgeführt. Die zentrale Fragen war: Ist Migration an der gesamtösterreichischen Geschichte in Schulbüchern und im Unterricht beteiligt? Und wie werden Migrantinnen und Migranten in den Schulbüchern dargestellt? Aspekte von Migration fehlen grundsätzlich an allen Ecken und Enden in der österreichischen Geschichte. Wenn wir den SchülerInnen die Frage stellten, was der Workshop mit ihnen zu tun hatte, antworteten sehr viele: "Nichts, denn meine Eltern sind nicht migriert" - daher der Tagungstitel.

daStandard.at: Sie schreiben im Projektbericht, Migration werde in den Schulbüchern, die Sie untersucht haben, in erster Linie über einen Problemdiskurs besprochen. Was meinen Sie damit?

Weinhäupl: Dass bei Migration wie auch bei Integration die Probleme in den Vordergrund gestellt werden. Vorteile und vielseitige Aspekte werden eher ausgeblendet. Man muss aber auch sagen: Mittlerweile ist Migration fast in jedem Schulbuch ein ausführliches Thema, und es wird auch dazugesagt: Österreich braucht Migration. Dadurch werden auch Vorurteile wie das der "Sozialschmarotzer" in manchen Büchern kritisch beleuchtet. Das Problem dabei ist aber die wirtschaftliche Sichtweise, die nicht "menschelt".

daStandard.at: Welche österreichischen Migrationsgeschichten werden in den Schulbüchern erzählt und welche vergessen?

Weinhäupl: Prinzipiell wird sehr wenig über Auswanderung aus Österreich berichtet, etwa die starke Auswanderung nach dem Zweiten Weltkrieg - vor allem in die Schweiz und nach Deutschland. Das wäre wichtig, um zu betonen: Migration betrifft alle, und Migration hat es immer schon gegeben. Stark betont wird dafür, dass die Flüchtlinge nach dem Ungarischen Volksaufstand 1956 so "toll" in Österreich aufgenommen wurden. Oft wird aber nicht dazugesagt, dass Österreich auch darauf gedrängt hat, dass die meisten davon weiterreisen, und nur knapp zehn Prozent geblieben sind.

daStandard.at: Diskriminierung durch die österreichische Gesellschaft wird also seltener thematisiert?

Weinhäupl: Eher weniger. Obwohl es einige Bücher gibt, die etwa den Tod von Marcus Omofuma behandeln und damit strukturelle Diskriminierung in Österreich. In den Workshops hat dieses Thema alle sehr beeindruckt. Das war dann der Punkt, an dem alle gemerkt haben: Es geht uns alle an.

Markom: Das war vo allem bei jenen der Fall, die die Geschichte nicht kannten - und das waren einige. Solche Geschichten sind wichtig für Klassen, in denen Diskriminierung oft verleugnet wird.

daStandard.at: Wie sieht es aus mit der Geschichte der "Gastarbeiter"?

Weinhäupl: Diese wird in den meisten Büchern zumindest kurz erwähnt - auch innerhalb der gesamtösterreichischen Geschichte. Sehr selten wird aber mit ausführlichen Zitaten oder Lebensgeschichten gearbeitet.

Markom: Sehr wenig weiß man auch über die österreichischen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die in die Schweiz oder nach Deutschland gegangen sind. Gastarbeiter aus Österreich - das kann ja nicht sein, denken viele. Gerade beim Thema Gastarbeiter wird aber kaum ein Konnex zum Heute hergestellt. Die Vielfalt, die in den Schulklassen vorherrscht, wird in den Schulbüchern nicht abgebildet.

daStandard.at: An welchen Formulierungen muss in den Schulbüchern noch gearbeitet werden? Haben Sie Beispiele?

Weinhäupl: Teilweise kommt es bei den Erklärungen zu verzerrenden Formulierungen wie: "Da so ein großer Zustrom stattfand, mussten die Fremdengesetze verschärft werden." Es wird eine Kausalität übernommen, die keinesfalls so schlüssig ist. Viele Faktoren - etwa bestimmte Politikerinnen und Politiker und die "Kronen Zeitung" - haben hier nämlich mitgespielt. Die Zeit ab Mitte der 1990er Jahre ist dann aber kaum noch Thema.

daStandard.at: Die aktuelle Migrationspolitik wird also nicht genügend angesprochen?

Markom: Leider nicht. Ein Beispiel: Dass die Deutschen schon lange zu den größten Einwanderungsgruppen gehören und mittlerweile die größte sind, wird fast nirgends erwähnt. Die wenigsten Schülerinnen und Schüler wissen das.

daStandard.at: Wie wird das Thema auf der Bildebene behandelt?

Weinhäupl: Teilweise sehr klischeehaft. Wenn es um Arbeitsmigration geht, ist oft eine Frau mit Kopftuch zu sehen, die etwa "Integration" auf eine Tafel schreibt. Beim Thema Flucht sieht man dann auf den Bildern die überfüllten Boote aus Afrika, die "die Festung Europa stürmen". (Jelena Gučanin, daStandard.at, 8.4.2013)

Heidemarie Weinhäupl und Christa Markom sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an dem Projekt "Migration(en) im Schulbuch" und Lektorinnen am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Das Projekt soll Ende Mai fertiggestellt werden, finanziert wird es durch "Sparkling Science", das Forschungsprogramm des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung. Projektleitende Institution ist das Ludwig-Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit.

Die Tagung "Hat (nichts) mit mir zu tun!" findet am 10. April in der Aula am Campus der Universität Wien (Altes AKH, Hof 1.11) statt. Die Veranstaltung ist offen zugänglich, es ist keine Anmeldung erforderlich.

Nachlese

Migrationsforscherin Christiane Hintermann: Migration ins Gedächtnis schreiben

  • Mit SchülerInnen und LehrerInnen haben die Forscherinnen herausgearbeitet, welche österreichischen und europäischen Migrationsgeschichten in Schulbüchern tradiert und welche ausgelassen wurden.

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  • Im Zuge des Projekts "Migration(en) im Schulbuch" fanden 24 Workshops an Schulen in Salzburg und Wien statt.

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  • Christa Markom und Heidi Weinhäupl sehen beim Thema Migration Aufholbedarf in Österreichs Schulbüchern.
    foto: jelena gučanin

    Christa Markom und Heidi Weinhäupl sehen beim Thema Migration Aufholbedarf in Österreichs Schulbüchern.

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