Übernachten im Hotel ohne Dach überm Kopf

Ansichtssache8. April 2013, 13:32
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Zu einem Städteurlaub in Göteborg gehören unbedingt der Besuch von Museen, ein kulinarischer Ausflug zur Fischhalle, eine Fahrt mit dem Schärendampfer und ein Abstecher in den Botanischen Garten, ehe man sich abends zwischen Abfall, Ratten und Autolärm zur Ruhe bettet.

Im Faktum Hotel stehen zehn ausgewählte Zimmer zur Verfügung, die vor allem durch ihre besondere Lage auffallen. Die Zimmer werden im Hotel-Jargon angeboten. Was den Gast dort erwartet, ist allerdings die harte Realität der Obdachlosen, die bei Wind und Wetter, Sommer und Winter auf Göteborgs Straßen nach einem Schlafplatz suchen müssen. 


Zimmer aussuchen und buchen. Für 12 Euro ist man dabei.

Ein leerstehendes Gebäude etwa, durch das der Wind pfeift, weil alle Fenster zerschlagen und die Türen aus den Angel gehoben sind. Die Wände zieren Graffitis und verschmierter Dreck, der Verputz blättert ab, Fliesen sind abgeschlagen, am Boden liegen zerbrochene Flaschen und Müll.

Übernachten kann man aber auch an einem stillen Plätzchen im Wald, auf dem feuchtkalten Laub der Bäume. Dass der Wind hin und wieder den Geruch von Moder und Urin an die Nase weht, soll dabei nicht weiter stören.

Auch das Zimmer am Götaplatsen, einem der wichtigsten Plätze in Göteborg, ist reizvoll. Man sollte sich allerdings nicht an den Blicken der Passanten stören, die teils mitleidig, teils angewidert auf den Schlafsack am Boden starren. Bei Minusgraden ein unverzichtbares Utensil im Faktum Hotel.

"Faktum" ist eine Obdachlosenzeitung, die mit dieser Aktion auf die Situation von rund 3.500 Wohnungslosen in Göteborg hinweisen will. In zehn "Zimmern", die quer durch die Stadt verstreut sind, können sich Gäste einbuchen - Aufenthaltsdauer eine Nacht bis ein Jahr. Wirklich niedrig ist der Zimmerpreis, der bei 100 schwedischen Kronen pro Nacht liegt (rund 12 Euro). Alle Einnahmen kommen den Obdachlosen zugute. Und man kann natürlich auch zahlen, ohne zu das "Zimmer" zu "beziehen".

Allerdings lässt der Roomservice zu wünschen übrig, wer hier bucht, ist Selbstversorger. Genauso wie die 3.500 Obdachlosen, die jede Nacht wählen müssen zwischen Mauernische, Autobahnbrücke und Industrieruine.

Seit die Seite im Jänner 2013 mit dem Zimmerangebot online ging, haben bereits mehr als 1.000 Menschen eingecheckt.

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foto: faktum hotel/håkan ludwigson

Ein idyllisches Zimmer verspricht "Faktum" in einem Park im Stadtteil Haga. Von hier hat man es nicht weit zu gemütlichen Cafés und hippen Secondhand-Läden.

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