Kamerabrillen könnten Polizeiarbeit revolutionieren

8. April 2013, 10:05
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Vielversprechende Feldversuche - deutlicher Rückgang an Gewaltanwendung und Beschwerdefällen

Geraten ein Bürger und ein Polizist, etwa im Rahmen einer Verkehrskontrolle, aneinander, führt das im Nachhinein nicht selten zu Verwirrung. Im Falle einer Beschwerde stecken der Beamte und der Zivilist am Ende in einer Wort-gegen-Wort-Situation. Tendenziell wird vor Gericht den Gesetzeshütern eher geglaubt, als jemandem, der aufgrund eines vorgeblichen Vergehens Motivation für eine Falschaussage hätte.

Um dem entgegenzuwirken sowie einerseits angezeigte Vergehen nachweisen als auch das korrekte Verhalten der eigenen Beamten kontrollieren zu können, greift eine Reihe amerikanischer Polizeieinheiten mittlerweile auf technische Hilfsmittel zurück, wie die New York Times berichtet.

Aufrüstung

So auch die Einsatzkräfte in Rialto, Kalifornien. Polizeichef William Farrar untersucht seit einem Jahr, ob das tragen von kleinen Kameras mit Mikrofonen an den Sonnenbrillen – die Konstruktion erinnert ein wenig an Google Glass – vorteilhaft für das Miteinander von Exekutive und Bürgern ist. Schon seit längerem führen die Beamten Taser mit einer kleinen Kamera mit sich, die sich aktiviert, sobald die Waffe auf scharf gestellt wird.

Insbesondere ältere Polizisten gaben skeptisch gegenüber der Vorstellung, eine Kamera an der Brille mitzuführen und sämtliche Amtshandlungen aufzuzeichnen. Farrar argumentierte jedoch damit, dass man sich sonst oft auf möglicherweise unvollständige Handyaufnahmen der Zivilisten verlassen müsste.

Weniger Gewalt und Beschwerden

Im Rahmen des Experiments wird die Hälfte der Mannschaft zufällig ausgewählt und mit den neuen Kameras bestückt. Diese müssen eingeschaltet werden, sobald der Polizist sein Auto verlässt oder mit einem Bürger spricht. Schon davor speichert die Kamera automatisch die jeweils letzten 30 Sekunden, die bei Aufnahmestart an das Video angehängt werden. Dies soll die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Ursache für eine Amtshandlung ebenfalls in Bewegtbild eingefangen wird. Die Videos werden automatisch an die Zentrale geschickt.

Die Ergebnisse sind vielversprechend: Nach den ersten zwölf Monaten – das erste Versuchsjahr endete im vergangenen Februar - verzeichnet die Polizei des 100.000-Einwohner-Ortes einen deutlichen Rückgang an Beschwerden, die gegen ihre Beamten eingereicht wurden. Waren es im Vergleichszeitraum davor noch 24 davon gewesen, trudelten nach Start des Feldversuchs nur noch drei ein.

Gleichzeitig mussten die Beamten auch wesentlich seltener Gewalt einsetzen. 25 Mal musste man im Testjahr bei einem Bürger "Hand anlegen", 61 Mal im Jahr davor. Ein Rückgang von 60 Prozent. Jene Polizisten, die gerade nicht mit einer Kamera unterwegs waren, griffen doppelt so oft körperlich ein, wie ihre Kollegen mit dem Aufnahmegerät. Obwohl die Kameras nicht groß sind, sind sie auffällig genug, um Eindruck zu erwecken.

Bürgerrechtler prinzipiell positiv gestimmt

Die Aufrüstung der Einsatzkräfte ruft bei Kritikern freilich Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Privatsphäre hervor. So kann sich Jay Stanley, Policy-Analyst bei der American Civil Liberties Union zwar grundsätzlich mit den Brillenkameras anfreunden, da sie die Möglichkeit bieten, den Einsatzkräften auf die Finger zu schauen, warnt aber vor möglichem Missbrauch der Aufnahmen.

Die ACLU fordert, dass gewährleistet wird, dass Polizeiaufnahmen sicher verwahrt werden und nicht nach Außen gelangen. Zudem soll das Videomaterial nach einer kurzen, fix festgelegten Dauer gelöscht werden, um auszuschließen, dass sie nachträglich durchforstet werden, um zusätzliche Vergehen zu finden. Unter diesen Konditionen wird das "Upgrade" von der ACLU befürwortet.

"Es gab viele Situationen, wo es zu einer 'er sagte, sie sagte'-Situation kam und die Gerichte glauben tendenziell eher einem Polizeibeamten als einem Beschuldigten", erklärt Stanley. "Die Technologie hat das Potenzial, hier das Kräfteverhältnis auszugleichen, wenn es zu einer Kontroverse oder Beschuldigung kommt."

Farrar will künftig alle Polizisten, die für seine Einheit auf Patrouille gehen, mit den Kameras bestücken. "Diese Videoaufnahmen führen zu Transparenz. Sie sind die Lösung für dieses Problem." (red, derStandard.at, 08.04.2013)

  • Bürgerrechtler und Exekutive sehen in Brillenkameras ein Mittel, den Beamten auf die Finger zu sehen und sie gleichzeitig vor falschen Anschuldigungen zu schützen.

    Bürgerrechtler und Exekutive sehen in Brillenkameras ein Mittel, den Beamten auf die Finger zu sehen und sie gleichzeitig vor falschen Anschuldigungen zu schützen.

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