Einsiedler in der Wildnis streitet mit dem Staat

8. April 2013, 05:30
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Ein US-Amerikaner, der sich seinen Traum von Autarkie verwirklicht hat, soll sein Domizil in den Wäldern abreißen

Schon die Wegbeschreibung klingt nach Abenteuer. Hinter Boone rechts die Bamboo Road nehmen, nach drei Meilen links in die Little Laurel Road einbiegen, vier Meilen geradeaus, an der Gabelung halblinks bleiben und solange weiterfahren, bis die Straße zum Schotterweg wird und in der Nähe der Elk Creek plätschert. Dann das Auto stehenlassen und zu Fuß weiter. Nach Turtle Island.

Eustace Conway lebt seit 36 Jahren im Wald, und seit 26 Jahren auf der Schildkröteninsel, wie er sein Refugium in den Blue Ridge Mountains nennt. Zumindest so wie derzeit darf es aber nicht sein, wie ein Inspektor der Baupolizei in einem 78-Seiten-Bericht festgehalten hat.

Hüter uramerikanischer Traditionen

In dem steht, dass Conway sein Haus, seine Schmiede, seine offene Küche abreißen soll, weil nichts davon gültigen Baunormen entspricht. Toiletten ohne Spülung. Keine Treppen in vorgeschriebener Breite, stattdessen bessere Hühnerleitern. Da die Küche im Freien keine Wände aufweise, bemängelte der Prüfer, biete sie keinen Schutz gegen "Insekten und Tiere".

Eustace Conway fühlt sich zum Hüter uramerikanischer Traditionen berufen. Er will leben wie die ersten Siedler - ohne Schnickschnack, ohne Klospülung, dafür gewappnet, wenn die Naturgewalten zuschlagen. Der 51-Jährige erzählt voller Stolz, dass er im Laufe seines Lebens nicht mehr als fünf Hemden kaufte. Kaputte Hemden, die andere wegwarfen, hat er ausgebessert und mit neuen Knöpfen versehen, angenäht mit Zwirn, den er aus dem Fell erlegter Hirsche herauszwirbelte.

Mit 17 Jahren ins Tipi

Seine letzte Fernsehsendung hat er mit 17 Jahren gesehen, als Barack Obama ins Weiße Haus gewählt wurde, bekam er es erst Wochen später mit. Bei Nachbarn lag ein Magazin, auf dem Titel der Wahlsieger. "Wer ist das denn?" "Na, unser neuer Präsident. Sag bloß, du kennst Obama nicht."

Conways Held heißt Geronimo, der Häuptling der Apachen. Mit 17 zog Conway zu Hause aus, um in einem Tipi zu wohnen, es war der Bruch mit dem tyrannischen Vater, einem Chemiker. Er aß Brennnesseln und ging nach Art der Cherokee-Indianer mit einem Blasrohr auf die Jagd. Selbst als er Anthropologie und Englisch studierte, lebte er in einem Zelt.

Lächerliche Normen mit ernsten Folgen

1995 ritt er quer von Jekyll Island am Atlantik nach San Diego am Pazifik. Vier Jahre später stellte er einen Rekord im Kutschenfahren auf, viertausend Kilometer in 56 Tagen. "Eustace Conway", schrieb die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert, "ist der Inbegriff amerikanischer Romantik: der Solist in der Wildnis."

Und nun die Bauinspektoren. Irgendwie lächerlich, aber mit Folgen. Die Schulklassen, denen der "Mountain Man" beibrachte, wie man mit Holzspindeln Feuer macht, ohne ein Streichholz anzuzünden, kommen nicht mehr. Turtle Island ist eine Art verbotene Zone. So sanft Conways Stimme sonst klingt, an dem Punkt kann er fluchen wie ein Bierkutscher. "Wenn du die Welt so idiotensicher machst, dass kein Kind sich einen Kratzer holen kann, was ist das Ergebnis? Du ziehst eine Horde von Idioten heran." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 8.4.2013)

  • Seit 36 Jahren lebt Eustace Conway das Leben der alten Pioniere in der US-Wildnis. Nun soll damit Schluss sein: Bauinspektoren verlangen, dass er seine selbstgebauten Häuser abreißt.
    foto: herrmann

    Seit 36 Jahren lebt Eustace Conway das Leben der alten Pioniere in der US-Wildnis. Nun soll damit Schluss sein: Bauinspektoren verlangen, dass er seine selbstgebauten Häuser abreißt.

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