Schuberts "Winterreise": Allertraurigste Intensität

Stefan Ender
7. April 2013, 18:08
  • Der deutsche Tenor Jonas Kaufmann.
    foto: epa/alejandro garcia

    Der deutsche Tenor Jonas Kaufmann.

Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch im Konzerthaus

Wien - Ja, singt er denn nun? Tagelang hatten die Wiener dem Staatsoperndirektor fragend in den Ohren gelegen. Ja, er hat den dritten Parsifal gesungen, einem nachösterlichen Erweckungserlebnis vom Krankenbett sei Dank, und noch im Schlussapplaus wurde Jonas Kaufmann von Wien heute befragt, wie es denn so war. Opernverrücktes Wien.

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Deutsche einen Liederabend in der Staatsoper gegeben, Schuberts Schöne Müllerin. Eine Magen-Darm-Grippe hatte ihn seinerzeit inkommodiert, beim Liederabend im Konzerthaus erwähnte er eingangs Kreislaufprobleme - er blieb jedoch stand- und stimmfest. Visionär hatte Kaufmann die Beharrlichkeit der kalten Jahreszeit vorgeahnt und also Schuberts allertraurigstes Allerheiligstes, die Winterreise, für diesen Aprilabend angesetzt.

Am Klavier begleitete, wie fast immer, Kaufmanns früherer Lehrer Helmut Deutsch. Es war eine Lehr- und Sternstunde in Sachen Liedbegleitung. Sah man von Gute Nacht ab - deren Ereignisse in einer transportbandartigen Gleichmäßigkeit abrollten -, so pflegte Deutsch eine weiche und doch deutliche, die Geschehnisse sprechend darstellende Spielweise. Wundervoll die Führungsstärke der linken Hand in Auf dem Flusse, oder das zwischen Ruhe und trotziger Kraft aufgespannte Vor- und Nachspiel von Das Wirtshaus.

Kaufmann war schön und sang schön, mit hoher Suggestionskraft und Intensität: ein wirkungsmächtiger Geschichtenerzähler, der weiß, dass das Dämpfen der Stimme die Aufmerksamkeit des Zuhörers erhöht. Es war eine über weite Strecken sotto voce vorgetragene Winterreise, Ausritte in die Gefilde kriegerischer Attacke (Wasserflut) mit eingeschlossen. Die leichte Nuance des Meckernden in seinen kantablen Linien - geschenkt. (Stefan Ender, DER STANDARD, 8.4.2013)

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10 Postings
Überraschend, nicht überragend

Ich hatte vorher ein Kaufmannvorurteil - das habe ich revidiert.
Er hat ausdrucksvoll gesungen, und zwar -bis auf die verkühlungsbedingten
Ungenauigkeiten - auch schön.
Überraschend war für mich das Tempo, mit dem Deutsch und er geradezu
durch die Winterlandschaft gehetzt haben.
natürlich soll man nicht genüsslich auf jeder (Klavier)note stehen bleiben,
aber die Akkorde könnte man schon ausklingen lassen.
Ich persönlich finde den großen Saal eigentlich wirklich zu groß - nicht wegen Kaufmanns Stimme, die füllt ihn schon, sondern wegen der Intimität
desLiedgesanges, die ging verloren.(warum man in der Oper Lieder singt, weiß der Teufel)
Für mich war die ideale Interpretation wenn es so was gibt - die von Thomas Hampson.

Kann mich hier anschließen

Hab zwar kein Vorurteil gehabt, aber doch eine gewisse Skepsis. Die wurde zwar nicht völlig beseitigt - man hörte gelegentlich doch, dass er eben hauptsächlich Opernsänger ist - aber für den Platz, den Lied in seinem Repertoir und seinen Engagements hat war das eine wirklich gute Darbietung.

Auch das Lied grundsätzlich in den kleineren Saal gehört ist sicher richtig; im konkreten Fall (Parsifal am Donnerstag) war es aber vielleicht gar keine schlechte Idee - immerhin musste er so die Stimme weniger runterpegeln.
Aus wirtschaftlicher Sicht des KH war's natürlich verständlich - und wenn es die Stimme trägt (etwa auch bei Quasthoff, Hampson, etc.) nimmt man das kleine Manko an Intimität dann halt in Kauf.

Meine schönste Winterreise

gabs vor ein paar Jahren im Theater an der Wien mit Mark Padmore und Till Fellner. Gänsehaut!

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

sozusagen, weil im Mittagsabo für die Generation 70plus hat Daniel Schmutzhard im letzten Jahr eine sehr zornige und ungestüme Winterreise gesungen - zwar ohne Gänsehautfaktor, aber berührend.
Auf meinen Einwand, der Sänger sei doch etwas jung für die Winterreise, meinte mein Mann, circa gleich alt wie Schubert und Müller.....
Ein Lob gebührt dem Konzerthauspublikum, die nach dem Abschluss des Liederabends nicht gleich Losjubelten, sondern eine Pause verstreichen ließen....

Zu Schmutzhard wäre ich damals auch gerne gegangen, aber - wie Sie schon angedeutet haben: wochentags zu Mittag ist das für mich nicht durchführbar...

Bei mir hinterließ Kaufmann am Samstag ein zwiespältigen Eindruck. Er hat wunderschön - man möge mir den banalen Ausdruck verzeihen, aber er ist zutreffend - gesungen und war wortdeutlichst bis hinauf auf der Galerie zu verstehen. Auch bemühte er sich redlich um Ausdruck, ohne manieriert zu klingen, aber am Ende schaffte er es meiner Meinung nach nicht, aus den 24 Einzelteilen ein Ganzes zu formen, was ihm bei der "Müllerin" im übrigen schon gut gelingt.

jonas kaufmann sang jahrelang liederabende in wien da war keine kritik zu lesen !

und baumfreund 1 meint gar ein geschenk, war er wohl gratis dort?

Und?

Über die meisten Konzerte/Liederabende/Opernaufführungen (selbst in Wien) wird nicht berichtet - logisch bei rund 5-8 Veranstaltungen täglich - nur an den "Topadressen" (mit Sprechtheater würden noch ein paar dazu kommen).

Zudem war Herr Kaufmann vor Jahren (also als quasi Haustenor in Zürich) in seiner internationalen Wahrnehmung auch noch nicht auf diesem Level. Und von noch früher werden Sie vermutlich nicht sprechen (Meisterklasse oder so).

das stimmt

und das ist sehr schade, Oft gibt es im Konzerthaus Darbietungen, da hält man den Atem an und denkt, da müsste doch eine hymnische kritik folgen...und es folgt nichts.
Ich fürchte, in ein paar Jahren muss das Konzerthaus (vom Musikverein mit seinem bornierten überalterten Publikum ganz zu schweigen) zusperren,
weil man trotz Blauli und so weiter nicht geschafft hat, ein interessiertes Publikum heranzubilden...Herr Harnoncourt in seinem zorn hat ganz recht, schuld ist die Vernachlässigung des Musikunterrichts an allen Schulen...PS von wegen Kritiken gibts natürlich den Neuen Merker online, auber auch nur für Gesang

ein großartiger Abend!!

ein "highlight", intensiv und einfühlsam, ein Geschenk für alle, die das erleben durften.

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