Annie Dorsen und Gunilla Heilborn: Die Sprache spielt Hamlet

7. April 2013, 18:11
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Annie Dorsen im Brut-Theater, Gunilla Heilborn im Tanzquartier Wien

Wien - Maschinen verstehen keinen Spaß. Menschen schon. Deswegen können sie auch darüber lachen, wenn sie Geräte dazu bringen, lustige Dinge zu tun. Die US-amerikanische Regisseurin Annie Dorsen hat das im Griff, wie sie gerade mit ihrem Stück A Piece of Work im Wiener Brut-Theater bewiesen hat.

"What a piece of work is a man!", schwärmt Shakespeares Hamlet. Diesem Ausruf ist der Titel für Dorsens Arbeit entnommen, in der sich Algorithmen um den Klassiker annehmen. Auf der Bühne steht ein nur von einer Rauchmaschine bespieltes Bühnenpodest aus Holz. Seitlich davon hängt ein mickriger Vorhang, der ab und zu rot angeleuchtet im Wind eines Ventilators weht. Eine Projektionsleinwand bildet den Hintergrund.

Wo Worte flimmern

Dort und über Lautsprecher verwirklicht sich der von der Regisseurin in den Hamlet gehetzte Computer. Worte flimmern, maschinelle Stimmen schnarren. Diese "Hamletmaschine" führt den Hamlet nicht vor, sie muss sich mit ihm spielen. So will es Annie Dorsen. Dabei mokiert sie sich nicht über William Shakespeare und Heiner Müller. Aber doch ein wenig über jene Klassiker-Fetischisierung, die sich aus einer nur schwer zu behandelnden Angst vor kultureller Entwurzelung durch die Moderne zieht. Das Publikum ist verunsichert. Denn einmal im Hamlet verankert, beginnt das Gerät, die Sprache zu choreografieren. Die Sprache ist eine exzellente Tänzerin. Und A Piece of Work macht deutlich, wie raffiniert sie auf das Spiel des Automaten reagieren kann: Denn dieses Hamlet-Spiel findet erst in den Köpfen der Zuschauer statt, wenn diese verfolgen, wie die Sprache die Bits und Bytes der Maschine beutelt.

Furcht des Menschen

Die Maschinen. Noch eine Angst: Geräte werden die Weltherrschaft an sich reißen. Dorsens penibel und mit entwaffnender Intelligenz gebaute Struktur lässt auf die Realität blicken - auf die begründete Furcht des Menschen davor, wie er selbst die Maschinen einsetzt und versucht, die Verantwortung für das, was mit ihnen angerichtet wird, auf diese Maschinen abzuschieben.

Wesentlich harmloser als A Piece of Work ist ein kleiner Geschichten-Mechanismus, der am Wochenende im Tanzquartier Wien von der schwedischen Choreografin Gunilla Heilborn unter dem Titel This is not a love story in Gang gesetzt wurde. Als Fiktionauten tuckern die charismatischen Tänzer Kristiina Viiala und Johan Thelander durch nachempfundene Filmszenen. Das ist zwar schön anzusehen, bleibt jedoch - nicht nur im Vergleich zu Dorsens in jeder Hinsicht gelungenem Wurf - viel zu blass. Ein bisschen weniger Unverbindlichkeit hätte Heilborns philosophisch angereichertem Erzählgerät gutgetan. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 8.4.2013)

  • Gunilla Heilborns "This is not a love story".
    foto: tqw

    Gunilla Heilborns "This is not a love story".

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