Die große Stunde der Dirnelwiese

Reportage11. August 2015, 15:23
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Auch so geht WM-Qualifikation: Österreichs Rugby-Nationalteam empfing Ungarn im winterlichen Niemandsland von Hinter-Floridsdorf

Wien – Verglichen damit, würde auch noch der allerwindigste Sportplatz auf irgendwelchen Schafsinseln subito den Anschein einer Arena metropolitanen Zuschnitts überstreifen. Von der Hohen Warte, einem wahren Schmuckkästchen moderner Sportstättenarchitektur in Österreichs bekannt sportaffiner Bundeshauptstadt Wien, ganz zu schweigen.

Dahin hätte der Connaisseur am Samstag pilgern dürfen, um das dritte Spiel der Rugby-Nationalmannschaft im Europäischen Nationencup (ENC) in Augenschein zu nehmen, in dem Ungarn den Gegner gab. Dann nämlich, wenn der widerwärtig säumige Lenz nicht mit aller Macht dazwischengefahren wäre. Spielfeld gefroren, meldete die Sekretärin der ebenfalls in Döbling umtriebigen Vienna am Donnerstagmittag. Es blieb also nichts anderes, als die recht kurzfristige Verlegung des Spiels dorthin. An einen Ort namens Dirnelwiese.

Dieser liegt dort, wo der Speckgürtel etwas ausgehungert wirkt und die semi-urbane Unübersichtlichkeit zunimmt. Kurz: im winterlichen Niemandsland zwischen Wien und Niederösterreich. Es war kaum zu glauben, aber genau hier würde in Kürze ein richtiges Qualifikationsspiel für eine richtige Weltmeisterschaft (England 2015) gegeben werden, denn ja, auch als solches firmierte das Kräftemessen der Nachbarn. Höhnisch blies der Eiswind seinen Willkommensgruß.

Auf einem Spielfeld, wellig wie der Steilhang auf der Streif, formierten sich also die beiden Teams. Ganz geschäftsmäßig, denn das Beste aus den Umständen zum machen, gehört zu den bewunderungswürdigsten Eigenschaften dieser Sportler. Nur durch eine dünne Kordel vom Geläuf getrennt, hatte sich eine Gruppe Zuschauer aneinandergereiht, wohl auch, um sich gegenseitig ein bisschen zu wärmen. Manch einer versuchte der Witterung mit luftgekühltem Bier beizukommen, Heißgetränke oder feste Nahrung scheint der Rugbyaner weniger zu schätzen.

Österreich hat seine ersten beiden Spiele im laufenden Bewerb in Bulgarien (knapp), sowie gegen Zypern (ganz und gar nicht knapp) verloren und brauchte in der Division 2 C, der sechsthöchsten Leistungsklasse in der europäischen Rugbyhierarchie, schön langsam ein Erfolgserlebnis. Ungarn kam diesbezüglich womöglich nicht ganz ungelegen, stand doch am Ende des bisher letzten Aufeinandertreffens im Jahr 2011 ein 38:7 für die ÖRV-Auswahl zu Buche. Allerdings: die aktuellen Teams haben mit jenen von damals kaum noch etwas gemein.

Brauchbarer Beginn

Und los ging's. Zunächst holprig, zunehmend jedoch mit österreichischer Überlegenheit. Die Steinböcke (Spitzname!) dominierten in den physisch fordernden Standardsituationen wie Scrum und Lineout, obwohl so manches geringelte Gästetrikot ob des hineingezwängten mächtigen Lackels aus allen Nähten platzen wollte. Nachdem Max Navas, der an diesem Tag etwas zittrig zu Werk gehende Spezialist des ruhenden Balls, zwei Penaltykicks nicht hatte verwerten können, gelang es nach einer halben Stunde endlich doch, sich über die Trylinie der Ungarn zu schieben. Das war überfällig und brachte die ersten fünf Punkte. Dank einer gelungenen Conversion lag Österreich 7:0 in Führung.

Die Gäste waren so sehr mit Verteidigungsarbeit überlastet, dass an Angriff kaum zu denken war. Sporadischem Bemühen standen überdies technische Fehler am laufenden Band im Weg. Wohl genau deshalb setzten die Gäste nach einem Regelverstoß der Österreicher die Hoffnungen auf einen weiten Penaltykick – und lag damit goldrichtig. Mit 7:3 ging es in die Halbzeit, Österreich hatte aus seiner Dominanz viel zu wenig Kapital geschlagen. Davon einmal abgesehen war es faszinierend, wie wenige Bälle sich bisher auf die – zum Glück wenig befahrene – Gasse nebenan verdünnisiert hatten.

Reduzierte Halb-Zeit

Die Pause fiel ungewöhnlich kurz aus, was daran gelegen haben mag, dass die Spieler auf den Gang in die irgendwo am Horizont gelegenen Kabinen verzichtet hatten und keinen größeren Temperaturverlust erleiden mochten, als unbedingt notwendig. Denn auch die von den wackeren Organisatoren mit besten Absichten eingesetzten Melodien von Mikis Theodorakis vermochten nicht das Wunder zu tun, Hinter-Floridsdorf in die Herrlichkeit kretischer Gestade zu transformieren. Ungarn aber hatte ab Wiederbeginn den Schalter gefunden und umgelegt. Zwar nicht den für die Zentralheizung, sehr wohl jedoch den sportmetaphorischen. Man spielte ab sofort mit und die Partie wurde richtig sehenswert: hart, schnell, mit rasch wechselnden Szenerien.

Beiden Seiten gelang nun etwas, die häufigen freien Bälle waren heiß umfehdet, wild umstritten. Wenn die Recken, in absolut humorlose Tacklings verkeilt, nur Zentimeter vor dem schutzlosen Publikum hinter seiner Zwirn-Barriere ausrollten, wollte einem schier das Herz stehenbleiben. Nur die Kinder schien das alles wenig zu kümmern. Sie gingen ihrem eigenen Zeitvertreib nach und immer wieder einmal kollerte aus den Lücken zwischen den Thujen – horribile dictu! – ein Fußball auf den Rübenacker.

Dort hatten die Österreicher unterdessen alle Hände voll zu tun, um weitere ungarische Punkte zu verhindern. Mehrfach kam der Gegner solchen ziemlich nahe, besonders nach Kombinationen über die linke Flanke. Genau in dieser Phase jedoch setzte man einen Treffer dort, wo es besonders wehtun sollte: bei der Moral nämlich. Ziemlich gegen den Spielverlauf baute Österreich seinen Vorsprung dank eines mir nichts dir nichts verwandelten Penaltys auf 10:3 aus.

Stemmen gegen die Flut

.Jedoch standen die Ungarn nicht an, postwendend mit gleicher Münze zurückzuzahlen und ließen so nachhaltigen Schaden erst gar nicht aufkommen. Im Gegenteil hatten die Geringelten das Heft gleich wieder in der Hand. Bei einem hohen weiten Ball tief in Österreichs Eingeweide zögerte der unentschlossene letzte Mann zu lange, fand sich auf den Boden geplättet wieder – und die gegnerischen Reihen auf den Versuch drängend. Uninspiriert zwar, aber hartnäckig Phase auf Phase heranschwellend. Ein cleveres Umlenken der Stoßrichtung nach links durchbrach schließlich das Patt. Auf einer Anzeigetafel hätte man, so vorhanden, 11:10 für Ungarn verlautbart. Bei noch sieben ausständigen Spielminuten.

Die knapp verfehlte Conversion ließ die Österreicher leben, eine letzte Gelegenheit zum Kick konnte die erneute Wende noch wahr werden lassen. Alles oder nichts. Vollkommene Stille senkte sich auf den Eiskasten, um den anlaufenden Spieler nur ja nicht in seiner Konzentration zu stören. Der Ball flog – zu kurz. Vorbei.

Nach dieser erneuten Niederlage sind Österreichs Chancen auf eine WM-Teilnahme, an die natürlich niemand auch nur einen Gedanken verschwendet hat, nun auch theoretisch nicht mehr existent. Aber auch in der Realität, der ENC-Staffel C2 nämlich, wird es zunehmend eng. Der letzte Platz ist verteidigt, am 20. April wartet in Laibach Slowenien als nächste Herausforderung. Der Dirnelwiese aber, kann keiner mehr ihren Auftritt auf der Weltbühne nehmen. Wien sei dank. (Michael Robausch – derStandard.at 7.4. 2013)

ERGEBNIS, Rugby-ENC, Gruppe 2C Österreich – Ungarn 10:11 (7:3)

Scores: Österreich – Try: Farkhondeh-Fal (30.); Conversion: Navas; Penalty: Navas

Ungarn – Try: Collet (73.); Penalties: Collet (2)

Link: Bewegte Bilder vom Spiel finden sich hier

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