Griechen und Türken vereint im Spott

6. April 2013, 18:29
1 Posting

Tristesse in Griechenland, Grübeln in der Türkei, aber beiderseits Häme gegen die Politiker. Die binationale Cartoon-Schau dieser Woche.

Die einen stecken bis über beide Ohren in der Wirtschaftskrise und wissen zumindest das ganz genau. Die anderen sind meistens damit beschäftigt zu verstehen, was in ihrem Land überhaupt vor sich geht. Ihre Politiker aber finden Griechen wie Türken in diesen Tagen gleichermaßen verschlagen und unangemessen.

Kostas Kouforgiorgos präsentiert in seiner Karikatur für die linksliberale Zeitung Eletherotypia das trostlose Regierungs-Trio in Athen. Antonis Samaras, Kouvelis und Evangelos Venizelos (der geräumige Herr zur Rechten) plagen neben Rezession, Rekordarbeitslosigkeit und Spar-Würgeschlinge auch noch allerlei Affären in der Koalition:

 

Samaras: „Ich weiß, wie ich die Unfähigen, diejenigen, die schwänzen und die Meineid leisten, loswerde, um die Troika zufrieden zu stellen.“

Kouvelis: „Wie?“

Samaras: „Ich werde eine Kabinettsumbildung machen.“

 

Einen ähnlich trickreichen Einfall hat auch die türkische Familienministerin Fatma Şahin in der Vorstellung von Serkan Yilmaz, dem Karikaturisten des Satireblatts Penguen. Sie läßt prima Armbinden an Straßenkinder verteilen und lobt sich wieder einmal selbst dafür. Binden mit der Aufschrift „Gezi kolu“ (etwa „Ausflug“ und „Arm“) tragen oder trugen Schüler, die bei Klassenausflügen, gemeinsamen Picknicks oder Stadtbesichtigungen mitorganisieren müssen. Şahins Ministerium hat exakt 28 Straßenkinder in der Türkei gezählt, eine Zahl, die nicht nur bei NGOs auf Unglauben stieß. Der Rest der Kinder hat dann wohl „Gezi kolu“-Armbinden, was ihre Anwesenheit auf der Straße gerechtfertigt.

Aber die Türkei ist bekanntlich auf dem aufsteigenden Ast, wohingegen Griechenland im sechsten Jahr der Rezession dahinschimmelt. Wie tief Resignation und Feindseligkeit gegenüber der Politik sitzen, will Petros Tsolakis im Wochenmagazin To Pontiki (Die Maus) zeigen. Zwei Männer sitzen auf einer Bank:

 

„Weißt du, warum wir noch nicht rebellieren?“

„Weil die Hälfte von uns auf die wartet, die rebellieren werden, und umgekehrt.“

 

Ähnlich trostlos geht es bei dem renommierten Cartoonisten Stathis im Newsportal enikos weiter. Eine alte Frau ist ein Opfer vielleicht der Regierung oder eines Anlageberaters geworden, die sich mit einem alarmierenden Begriff an ihr Erspartes herangemacht haben:

„Mein Bub, was heißt 'Investition'?“, fragt sie ihren jungen Neffen oder auch nur einen jungen Bekannten auf der Straße. Der schreit los: „Leute! Jemand hat die Notgroschen von Tante Amyrsula geklaut!“

 

Die mit Abstand gemeinste und hintergründigste Botschaft dieser Woche steht auf dem Kolossalgemälde der türkischen Satirezeitung Uykusuz. Ein LKW mit Istanbuler Kennzeichen braust durch den kurdischen Südosten der Türkei, am Steuer sitzt der kurdische Sänger Ferhat Tunç, der ob seiner lang gezogenenen Klagelieder einen Ruf als fürchterlicher Barde genießt. Mensch und Tier flüchten, und Erdogan auf dem Beifahrersitz klopft anerkennend Tunçs Schulter: „Danke Ferhat. Dank dir haben alle die Waffen niedergelegt und sind über die Grenze geflüchtet. Du hast den größten Beitrag zum Prozess geleistet.“ Und der „Prozess“ sind natürlich die Verhandlungen des türkischen Staats mit der PKK und deren Gründer Abdullah Öcalan.

Die wirkliche Gemeinheit ist die nationalistische Zeile, die Ferhat Tunç singt - etwa: „Tausend Leben opfere ich für meinen Freund aus diesem Land mit (wunderbarer) Luft, Wasser“. Es soll wohl an andere bekannte Liedzeilen erinnern, die sich als Botschaft türkischer Nationalisten an die Kurden verstehen lassen wie: „Orada bir köy var uzakta, gitmesek de görmesek de o köy bizim köyümüzdür“ - „Es gibt ein Dorf in der Ferne. Auch wenn wir nicht dorthin gehen und es nicht sehen, ist dieses Dorf doch unser Dorf“. Der Friedensprozess mit der kurdischen Untergrundarmee, den Regierungschef Erdogan ankurbelte, wird als unehrlich gemeintes Unterfangen dargestellt.

  • Artikelbild
    foto: bernath
  • Artikelbild
    foto: bernath
Share if you care.