Am Schredderhaufen zwischen Promille und Poesie

5. April 2013, 20:15
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Shakespeares "Was ihr wollt" in der Inszenierung von Tobias Materna am Landestheater Vorarlberg

Ein angesagter US-Journalist und Umweltaktivist empfiehlt, dem Nachwuchs anstelle von herkömmlichem Spielzeug eine Lkw-Ladung Aushubmaterial bereitzustellen. Dass sich auch ausgewachsene Kindsköpfe in solch einer Halde ausgesprochen gerne umtun, zeigt Tobias Maternas Inszenierung von "Was ihr wollt". Wieder arbeitet der Regisseur mit Ausstatterin Martina Stoian zusammen, und die füllt die Bühne mit einem riesigen Berg geschreddertem Schaumstoff- und Papiermaterial. Zwei Kanalrohre schauen heraus, und auf diesem Zeug rutscht, fläzt und plumpst die Spaßfraktion aus Shakespeares Komödie mit Musik. Tonangebend ist der angedudelte Sir Toby (Maximilian Laprell) mit seinem vertrottelten Anhängsel (Daniel F. Kamen). Die Clique runden die hinterfotzig-dralle Dienerin (Adelheid Bräu) und der ambivalente Narr (Michael von Burg) ab.

Ihnen stehen die Lichtgestalten mit den dunklen Augenrändern gegenüber: Orsino (Emanuel Fellmer) ist schwärmerisch fixiert auf Olivia (Christine Urspruch). Bewegung kommt auf, als die frisch gestrandete Viola den Orsino ins Visier nimmt und fortan als Mittels-"Mann" Cesario agiert. Neda Rahmanian gestaltet die Jünglingin mit Klasse und Witz. Das Begehren zwischen Olivia-Cesario/Viola und Viola/Cesario-Orsino ist mehrdeutig und flottierend. Bleibt Malvolio (Andreas Weißert), der sich unfreiwillig zum Narren macht, während der echte Narr Feste unbeschadet übersteht. Wie aus einer anderen Welt ist der ihm zugedachte Sound, doch seine Rede stellt die echte Welt nie infrage. Spaßiger Theaterabend zwischen Promille und Poesie. (DER STANDARD, 6./7.4.2013)

  • Viola (Neda Rahmanian), frisch gestrandet.
    foto: anja köhler

    Viola (Neda Rahmanian), frisch gestrandet.

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