Wilhelm Genazino: Der Flaneur und die Glücksmusik

5. April 2013, 19:43
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Der Autor gibt faszinierende, gewitzte Einblicke in sein Frankfurt und seine Poetik

Übermenschliche Kräfte seien nötig, um sich in einer Stadt wie Frankfurt seine Heimat zu schaffen. Diesen Satz aus den Poetik-Vorlesungen, die ein anderer vor Ort und vor Zeiten gehalten hatte, zitiert Wilhelm Genazino in seinem schmalen, jedoch gewichtigen Band, dem er den entsprechenden Titel gegeben hat: Tarzan am Main. Dass er selbst keine übermenschlichen Kräfte mobilisieren musste, um im als unansehnlich geltenden Frankfurt recht Ansehnliches zu finden, weiß er interessant und vergnüglich vorzuführen - auch wenn es den meisten, die ihn kennen, verwunderlich erscheine, wie er in dieser Stadt leben könne.

Genazino kontert: Als Vorbild für die Urteile diene das tadellos Schöne von Zürich, Salzburg oder Straßburg. Dort herrsche aber "der Schein einer architektonischen Monokultur, in deren Massenkompatibilität ich nicht leben möchte". Wer Frankfurt für ungenießbar halte, habe nicht verstanden, "dass die Dynamik des Kapitals eine Macht ausstrahlt, die selbst längst ästhetische Formen angenommen hat". Das führt Genazino, der einige seiner Romane in Frankfurt spielen ließ, pointiert vor. Er erzählt von den großen Monumenten, vor allem jedoch von den kleinen Momenten und Figuren der Stadt, von Einkaufsstraßen und Vororten, von Alkoholikern, Künstlern und alten Frauen, von Hunden und von Tauben. Diese Prosa zieht durch die Stadt, biegt einmal dort ab, blickt einmal da rein. Genazino schaut genau hin, er schafft es, sich ebenso eindringlich einer knappen Analyse hinzugeben wie sich mit der Großstadttoilette mit ihrer "Glücksmusik" aus dem winzigen Lautsprecher auseinanderzusetzen.

Das Erhabene in der Moderne entstehe "durch den ungeplanten Zusammenprall von Elend und Kitsch". Natürlich sei dieses Erhabene nicht wirklich erhaben, es "ist die Erhabenheit des Bedrängtseins und der Überforderung". Überlegt er und "muss fliehen, sofort". Diesen " Spaziergängen in der Mitte Deutschlands" folgt man gerne. "Spaziergänge" ist eine Gattungsbezeichnung, die sich mit dem enormen urbanen Wachstum im Laufe des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen Entwicklung des Feuilletons großer Beliebtheit erfreute.

Die kurzen Essays erlaubten eine Weltbetrachtung, ja Weltanschauung im Flanieren, und gerne las das Publikum von den Gedankengängen eines Daniel Spitzer in Wien oder später eines Franz Hessel in Berlin, über den ein anderer Flaneur, Walter Benjamin, schrieb: Das Pittoreske wirke nur auf Fremde; als "Einheimischer zum Bild einer Stadt zu kommen, erfordert andere, tiefere Motive". Dies gilt für den Büchner-Preisträger Genazino. Bedächtigen Schritts geht er die äußere Topografie ab und verbindet sie mit inneren Bildern, mit Erinnerungen und besonders mit seinen Wegen zur Literatur, seinem Vorgehen beim Schreiben: zugleich Stadtpoesie und Poetik, zugleich Stadterleben und Reflexion. Die moderne Stadt bringe kaum noch bemerkenswerte ästhetische Reize hervor, die vollständig kommerzialisierte Umgebung "macht uns zu Minimalisten des Sehens". Das gilt nun allerdings für Genazino nicht. Er holt auch aus dem Minimalen einen ästhetischen Reiz.

Der Stadt nähert er sich zu Fuß auf den Straßen und zunächst aus der Luft im Anflug. Vom Flugzeug aus werde man leicht Opfer einer Blendung, da man sich über einem endlosen Häusermeer wähne. Nur der Ortskundige wisse, dass die Stadtgrenze in diesem Ballungsraum von oben nicht zu erkennen sei. Und so nimmt uns der Ortskundige zu ebener Erde mit, schildert kaum beachtete Winkel, besondere Augenblicke und "kleine" Leute.

Da ein Leitfaden des Bandes die Frage ist, warum er in Frankfurt leben könne, geht er kurz in die eigene Geschichte und in die seiner Literatur zurück. Mit der 68er-Bewegung war das linke Satireblatt Pardon entstanden, in dessen Redaktion Genazino engagiert wurde. Fazit, knapp und klar: "Wir waren Angestellte des 'Systems', wollten aber dennoch teilhaben an dessen kritischer Leugnung." Bis das System, also der Verlag, dessen "kleinbürgerliche Humorbreviere" die Redakteure beim Fenster hinausgeworfen hatten, den Redakteur Genazino hinauswarf. Der blieb in Frankfurt und nahm sich als Romanobjekt nicht, wie es zeitgemäß erschienen wäre, die Arbeiter vor, sondern "ein erheblich geheimnisvolleres Wesen", den modernen Angestellten.

Was Wilhelm Genazino über die Sprachkunst schreibt, gilt für seinen Band Tarzan am Main: "Nur in der Literatur fällt Wissen von größter Bedeutsamkeit mit Wissen von größter Nichtigkeit in eins zusammen. Der künstlerische Akt folgt der Ästhetik eines Tricktheaters, das seinen Spielplan nicht veröffentlicht." (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 6./7.4.2013)

Wilhelm Genazino, "Tarzan am Main".
€ 17,40 /140 Seiten. Hanser, München 2012

Hinweis: Wilhelm Genazino liest am 13. April um 20.30 Uhr beim Festival Literatur und Wein im Stift Göttweig (NÖ).

www.literaturundwein.at

  • Seine Spaziergänge und Gedanken über die Dynamik des Kapitals sind von einer Machart, die längst schon ästhetische Formen angenommen hat: Wilhelm Genazino.
    foto: dpa/rainer jensen

    Seine Spaziergänge und Gedanken über die Dynamik des Kapitals sind von einer Machart, die längst schon ästhetische Formen angenommen hat: Wilhelm Genazino.

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