"Da spielt ein Autor mit Albträumen"

Interview5. April 2013, 17:50
4 Postings

Im Sechsteiler "Verbrechen" mordet Edgar Selge zum Auftakt mit der Hacke - Warum er trotzdem nicht der "Neurotiker vom Dienst" ist - Ab Sonntag im ZDF

STANDARD: Ferdinand von Schirach setzt in seinen Büchern auf eine knappe, klare Sprache. Wie setzten Sie das als Schauspieler um?

Selge: Im Film setzt man Situationen um und nicht Sprache. Wenn die Figuren zu viel reden, wird ein Film sprachlastig. Die Situationen bei Schirach sind stark, dramatisch und stehen im Kontrast zu einem sehr zurückgezogenen bürgerlichen Menschen.

STANDARD: Der Mann, der nach jahrelangen Demütigungen tötet. Ist das nachvollziehbar?

Selge: Mich hat Fähner an Billy Budd von Hermann Melville erinnert, die Geschichte eines freundlichen, beliebten Matrosen, der jedoch in eine lähmende Wehrlosigkeit fällt, wenn man ihn provoziert und aus diesem Überdruck heraus eines Tages seinen Vorgesetzten erschlägt. Das hat wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt: eine Provokation, die einen so unvorbereitet trifft, dass man dasteht, ohne dass einem bewusst wird, was da geschehen ist.

STANDARD: Die Provokation, die jeden trifft: Was war Ihre?

Selge: Ich finde, die eigene Biografie ist da nicht so interessant. Als Schauspieler arbeitet man mit seinem Vorstellungsvermögen. Es ist mir ein Anliegen, Menschen, die große Abgründe haben und Dinge tun, die gesellschaftlich unakzeptabel sind, durch mein Schauspiel zu verteidigen.

STANDARD: Einen persönlichen Hintergrund brauchen Sie nicht?

Selge: Der ist ja ohnehin da. Menschen sind nicht so verschieden, dass man sich auch in ihre extremen Handlungen nicht hineinversetzen könnte. Immer auf das eigene Leben zu starren, das führt zu keiner gestalterischen Aktivität.

STANDARD: Hatte Fähner wirklich keine Alternative, wie der Anwalt (Josef Bierbichler, Anm.) sagt?

Selge: So muss man das wohl sehen. Allerdings betrachte ich Fähner nicht als eine Wirklichkeitsfigur, auch wenn Ferdinand von Schirach sich auf seine Anwaltserfahrung beruft. Für mich bleibt es eine fiktive Figur. Da spielt ein Autor mit unseren Albträumen. Daher ist die Frage, ob Fähner anders hätte handeln können, nicht so ergiebig.

STANDARD: Wie war es, mit Josef Bierbichler zu spielen?

Selge: Wir waren zusammen auf der Schauspielschule. Ich halte ihn für einen ganz großen Schauspieler, weil er sich total der Spielsituation überlässt.

STANDARD: Eine Zeitung nannte Sie "Neurotiker vom Dienst". Stören Sie solche Etiketten?

Selge: Ich muss damit leben, dass auch die Medien mit Schubladen arbeiten. Die meisten Menschen sind nicht zufrieden, bevor sie einem nicht ein Etikett aufgeklebt haben. Früher hat mich das gestört, heute finde ich das eher amüsant. Es nützt nichts, gegen Dinge anzurennen, die man nicht ändern kann.

STANDARD: Demnächst spielen Sie in der Verfilmung von Charlotte Roches " Feuchtgebiete". Den "Neurotiker vom Dienst"?

Selge: Nein, wie kommen Sie darauf? Ich spiele den Arzt Dr. Notz, ob der neurotisch ist, weiß ich nicht. Der Regisseur David Wnendt interessierte mich. (Doris Priesching, DER STANDARD, 6./7.4.2013)

Edgar Selge (65) war zwölf Jahre Kommissar im "Polizeiruf 110". Er spielt Theater in München, Wien, Hamburg, Berlin. Das ZDF zeigt sechs Folgen von "Verbrechen" an drei Sonntagen.

  • Den Überdruck mit der Axt entladen: Edgar Selge begeht in der ersten Folge des Sechsteilers "Verbrechen" einen brutalen Mord. Josef Bierbichler verteidigt ihn als Anwalt.
    foto: zdf/gordon muehle

    Den Überdruck mit der Axt entladen: Edgar Selge begeht in der ersten Folge des Sechsteilers "Verbrechen" einen brutalen Mord. Josef Bierbichler verteidigt ihn als Anwalt.

Share if you care.