"Die Regierung lässt sich fernsteuern"

Interview6. April 2013, 17:00
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Hannes Androsch findet es zum "Narrischwerden": Der Initiator des Bildungsvolksbegehrens über die zaudernde Koalition, die Sowjets in der Gewerkschaft und den Murks an den Schulen

Wien - Eine bittere Bilanz zieht Hannes Androsch, Initiator des Bildungsvolksbegehrens, zur Schulreform: Die Regierung gehe "auf halben Wegen und zu halber Tat, mit halben Mitteln zauderhaft" vor, kritisiert der Industrielle im STANDARD-Gespräch frei nach Grillparzer. Der Ausbau der Ganztagsschule sei ein "halbherziger Murks", an den Schulen fehle es an Psychologen, Begleitlehrern und Sporteinrichtungen, während Geld in der Verwaltung versickere. Die Lehrergewerkschaft erinnert Androsch, der die Bildungsfrage im Wahlkampf neu anheizen will, an die Sowjets, die immer "Njet" sagten. Das Bildungsniveau sei dieser "völlig wurscht".

STANDARD: Erst das Bildungsvolksbegehren, dann das Berufsheer: Sie haben sich zweimal ins Zeug gelegt - und beide Male die erhoffte Resonanz verfehlt. Ist Ihre politische Altersmission gescheitert?

Androsch: Das wäre nur dann so, wenn ich aufgeben würde. Doch das tue ich sicher nicht. Es stimmt leider, in der Bildungsreform ist nichts Durchschlagendes passiert. Aber unsere Initiative wird das Thema in den Wahlkampf tragen und den handelnden Politikern die Gretchenfragen stellen. Leicht werden sich da nur die Grünen tun, die das Bildungsvolksbegehren voll mitgetragen haben.

STANDARD: Hat die Regierung nicht eh - wie sie sich selbst rühmt - eine "Bildungsoffensive" gestartet?

Androsch: Dazu fällt mir ein, was Franz Grillparzer geschrieben hat: "Das ist der Fluch von unserm edlen Haus: Auf halben Wegen und zu halber Tat, mit halben Mitteln zauderhaft zu streben." Der Ausbau der Ganztagsschule etwa ist ein halbherziger Murks, nicht Fisch und nicht Fleisch. Die Koalition führt ein bissl mehr Nachmittagsbetreuung ein, aber vom einem echten, verschränkten Ganztagesunterricht kann kaum eine Rede sein. Anderswo auf der Welt gibt es so etwas seit Jahrzehnten. Ich bin als achtjähriger Wiener Bub in Brüssel in eine flämische Schule gegangen - selbstverständlich den ganzen Tag.

STANDARD: Also viel Getöse um wenige Taten?

Androsch: Nicht von Liebe reden, Liebe machen, heißt es in einer Operette. Die Regierung hat nicht aufgeholt, was in der Zeit vor ihr liegengeblieben ist. Jetzt haben wir den bildungspolitischen Tsunami in den zwölf Jahren unter ÖVP-Ministerin Elisabeth Gehrer überstanden - und bringen wieder nicht wirklich etwas weiter.

STANDARD: Warum nicht?

Androsch: Es gibt nach wie vor diese Blockaden. Mit fester Stimme haben Parlamentarier die Anliegen des Bildungsvolksbegehrens gewürdigt, jetzt müssten Nägel mit Köpfen gemacht werden, hieß es. Doch dann waren sie nicht fähig, auch nur einen einzigen Beschluss zu fassen. Und den Lehrergewerkschaftern, vor allem in der AHS, ist das Bildungsniveau sowie völlig wurscht. Die agieren nach dem Motto "Ohne uns geht nichts - und mit uns genauso viel". Wie ein Mehltau lastet die Standesvertretung auf der Lehrerschaft und verpasst dieser ein Image, das sie nicht verdient.

STANDARD: Welche Blockaden meinen Sie konkret?

Androsch: Das Vetorecht der Lehrer für die Ganztagstagsschule läuft auf nichts anderes als eine Blockade hinaus. Das erinnert mich an die einstigen Sowjets im Uno-Sicherheitsrat: Njet! Jetzt sollen die Lehrer auf Druck der Gewerkschaft auch noch ein Wahlrecht zwischen altem und neuem Dienstrecht eingeräumt bekommen - das kann es ja nicht sein! Entschuldigen Sie: Ist die Schule für die Kinder da oder für die Lehrer und ihre Vertreter?

STANDARD: Ist Bildungsministerin Claudia Schmied von der SPÖ denn zu nachgiebig?

Androsch: Die Ministerin ist zu schwach, um die Blockaden zu durchbrechen. Die Bildung muss Chefsache werden. Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Michael Spindelegger müssen die Sache endlich selbst in die Hand nehmen. Die Bundesregierung lässt sich von den Landeshauptleuten und der Gewerkschaft fernsteuern. Das kann nicht so weitergehen.

STANDARD: Ist nur die Blockade das Problem oder auch fehlendes Geld?

Androsch: Natürlich mangelt es an Investitionen. Die Bildungsausgaben sind über die Jahre von 6,2 auf 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken - und davon versickert noch viel in einer hypertrophen Schulorganisation. Wir leisten uns parallele Verwaltungsstrukturen, streichen dafür aber Turnunterricht, Skikurse oder Reisebudgets für Sprachkurse. Es fehlt an Räumlichkeiten, damit ganztägiger Unterricht überhaupt möglich ist. Wir haben zu wenige Schulpsychologen, Begleitlehrer, Ersatzkräfte - es ist zum Narrischwerden. Ich hab das selbst erlebt, als neulich die Lehrerin meiner Enkelin erkrankt ist: Da werden die Kinder so lange hin und her geschoben, bis der Großvater intervenieren muss, mit dem Resultat, dass die Direktorin einen Rüffel kriegt. Dabei leisten viele Lehrerinnen und Lehrer unter den gegebenen Umständen tolle Arbeit.

STANDARD: Die Regierung hat sich zu einem Sparkurs verpflichtet. Woher soll das Geld kommen?

Androsch: Das Geld ist doch da! Es muss nur frühzeitig in die Bildung investiert werden, statt hinterher in die Reparatur. Der Sozialminister gibt zwei Milliarden für Umschulungen aus und noch einmal 400 Millionen, damit nicht bildungsfähige junge Menschen die Lehre nachholen können. Wir haben auch unzählige Millionen für ein sinnloses Pendlerpauschale, Zockereien in den Ländern und eine Wohnbauförderung, trotz derer nicht genügend Wohnungen gebaut werden. Nur für die Aussaat haben wir nichts übrig. Dabei weiß jeder Bauer: Wer nichts sät, wird nichts ernten.

STANDARD: Warum weiß das Ihre Partei, die SPÖ, nicht?

Androsch: Das frage ich mich auch. Aber das gilt für den Koalitionspartner mindestens genauso. Die Bildungs- und Wissenschaftsminister kamen ja die längste Zeit aus der ÖVP. Werner Amon war als Bildungssprecher sehr bemüht - und wurde abgezogen. Seitdem herrscht dort Friedhofsstille.

STANDARD: Sie werden demnächst 75. Ermüden Sie die vielen leeren Kilometer in der Politik nicht?

Androsch: Ich lasse den Lähmungsunfug nicht persönlich an mich heran, sonst ginge es mir nicht gut. Warum ich mich engagiere: Wenn meine Generation im Gegensatz zu ihren Vorfahren das Glück hatte, in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufzuwachsen, dann habe ich die verdammte Pflicht dazu beizutragen, dass dies den kommenden Generationen auch vergönnt ist. Doch genau das ist in Gefahr. (Gerald John, DER STANDARD, 6./7.4.2013)

Hannes Androsch war von 1970 bis 1981 Finanzminister in der SPÖ-Alleinregierung unter Bruno Kreisky. Bis heute engagiert sich der Industrielle (AT&S, Salinen) immer wieder politisch. Am 18. April wird der Wiener 75 Jahre alt.

  • Androsch rüffelt die Koalition: "Wir haben den bildungspolitischen Tsunami überstanden - und bringen wieder nichts weiter."
    foto: standard/cremer

    Androsch rüffelt die Koalition: "Wir haben den bildungspolitischen Tsunami überstanden - und bringen wieder nichts weiter."

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