Die Glücksritter der Peripherie

5. April 2013, 19:32
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In der Peripherie des Kunstmarktes wechseln zweifelhafte Werke den Besitzer, wiewohl sie längst als Fälschungen entlarvt wurden: seit 1991 etwa ein "Schiele"

"Wenn ich nicht Maler wäre, was ich mit jeder Faser meines Leibes und aller Kraft meiner Seele bin", zitierte ein Zeitgenosse Egon Schiele in den 1920er-Jahren posthum, "würde ich noch am liebsten Baumeister sein wollen." Wiewohl er das genau genommen sei, denn bildmäßiges Komponieren sei ja nichts anderes als Bauen. "Ein Bildwerk, in dem die Teile nicht architektonisch behandelt werden, das nicht gefügt, gebaut ist" tauge genau genommen nie, "kann trotz schöner Farben und sonstiger Vorzüge keinen rechten Halt in sich haben."

Dieser Faszination ungeachtet, blieben architektonische Motive im OEuvre des Künstlers eine Minderheit. Kommt eine dieser Raritäten, etwa über Auktionen auf den Markt, dann ist ihnen ein Besitzerwechsel in Rekordhöhe gewiss. An der Spitze der höchsten Schiele-Zuschläge hielt sich über Jahre eine Krumauer Landschaft (Stadt & Fluss, 1916; 2003: 18, 2 Mio. Euro, Sotheby's London), gefolgt von Einzelne Häuser (1915; 2006: 17,55 Mio. Euro, Christie's New York).

Hoffnung auf satte Rendite

Seit Juni 2011 gilt Häuser mit bunter Wäsche (Vorstadt II) als teuerstes bislang versteigertes Schiele-Werk: 27,69 Millionen Euro notierte Sotheby's damals für das vormals im Leopold Museum beheimatete Gemälde. Keine Frage, Werte wie diese beeindrucken. Bisweilen rufen solche dann Glücksritter auf den Plan, die sich auf der Suche nach Trouvaillen und in der Hoffnung auf eine satte Rendite im Speckgürtel des internationalen Kunstmarktes tummeln. Beispiele gibt es derer zuhauf, über alle Epochen und Kunstgattungen hinweg.

Gesichert ist: Je teurer ein Künstler gehandelt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einem dieserart verkannten "Patienten" zu begegnen. Ein solcher beschäftigt die Fachwelt in Sachen Egon Schiele seit - man kann es kaum glauben - mehr als zwei Jahrzehnten. Konkret geht es um ein auf Karton gemaltes Werk, genannt Vorstadthäuser I, signiert und 1917 datiert.

Bis Anfang der 1990er-Jahre soll es sich im Besitz einer ehemals im tschechischen Brünn angesiedelten jüdischen Familie befunden haben, die in den Kriegsjahren in die Schweiz geflüchtet war. Dann verkaufte das damals betagte Ehepaar Alice und John Perlhefter dieses Gemälde an einen Freund der Familie, und die abenteuerliche Episode konnte beginnen.

Im Februar 1991, erinnert sich Christine Stauffer (Kornfeld), war ihnen dieses Bild von einem Tessiner Antiquar zum Verkauf bzw. zur Versteigerung angeboten worden. Man erahnte eine Fälschung und lehnte dankend ab.

Gutachten über Gutachten

Eine Vermutung, die Jane Kallir (New York) als international anerkannte Schiele-Expertin auf Standard-Anfrage bestätigt. Seit 1991, erzählt sie, trudeln immer wieder Anfragen von Kunsthändlern, Beratern, Kuratoren und Auktionshäusern zu diesem Bild bei ihr ein, seit 2009 waren es nicht weniger als sechs an der Zahl, zuletzt im Sommer 2010. Ihre Antwort ist seit 22 Jahren stets dieselbe: Sie verweigert eine Authentifizierung. Mit anderen Worten: nein, definitiv kein Werk von Egon Schiele.

Diese Endlos-Schleife mehrfacher Begutachtung ist einfach erklärt und folgt stets dem gleichen Schema: Das Kunstwerk wechselt abseits der Öffentlichkeit in der Peripherie des internationalen Marktes immer wieder den Besitzer, die zugehörigen Informationen und Expertisen jedoch nur dann, wenn sie auch die Hoffnungen des nächsten Glücksritters zu bedienen vermögen. In diesem Fall beispielsweise das Gutachten von Marie Anne Nauer, einer Schweizer Schriftpsychologin und Grafologin, die 2006 die Echtheit attestierte.

Oder auch Ergebnisse technologischer Untersuchungen, etwa Pigmentanalysen in den Jahren 1995 (Swiss Institute for Art Research, Zürich) und 2010 (Prof. Franz Mairinger, Wien), die bestätigen, dass das Bild im Datierungszeitraum entstanden sein kann. Ein Hinweis auf Authentizität ist das genau genommen nicht, ebenso wenig der Umstand, dass das Werk 1930 im Mährischen Kunstverein (Brünn) als Schiele ausgestellt war. Selbst die Provenienz darf nicht als Indiz gewertet werden, da eine Konfession nicht vor einem Fehlkauf bewahren kann.

Nein, definitiv kein Werk von Egon Schiele, erklärte neben Jane Kallir auch schon Rudolf Leopold und davon unabhängig nun seine Witwe. Aus vielerlei Gründen: Der perspektivischen Schwächen wegen ebenso wie des zu kleinen und für Schiele völlig untypischen Formats, betont Elisabeth Leopold, die weiters auf Elemente verweist, die in der Art von Versatzstücken bekannter Schiele-Gemälde übernommen wurden.

Auch sie wurde bereits mehrfach kontaktiert, 2011 etwa vom Auktionshaus Fischer (Luzern) und vor kurzem vom jetzigen Besitzer. Dieser, der namentlich nicht genannt werden will, wittert im Gespräch mit dem Standard einen handfesten Skandal.

Nicht weil er womöglich deren acht oder neun Millionen - Dollar, Schweizer Franken oder Euro - in eine Fälschung investiert hat, wie er zu verstehen gibt, sondern weil er an die Echtheit glaubt, die ihm die anerkannte Schiele-Fachwelt zu attestieren verwehrt. Er lässt nun eine Art grafologisches Verfahren entwickeln, bei dem Pinselstriche ähnlich einer Handschrift analysiert werden.

Insofern könnte sich ein Abgleich mit Arbeiten von Anton Peschka, Zeitgenosse und Schwager Egons, lohnen. Der weniger erfolgreiche Künstler soll nach Schieles Tod nicht nur Zeichnungen nachträglich koloriert, sondern auch Ölgemälde gefälscht haben: sein bevorzugtes Motiv waren Städtebilder. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 6./7.4.2013)

  • 1917 soll Egon Schiele dieses Werk gemalt haben. Definitiv nein, sagen Schiele-Experten, denen diese Fälschung seit 22 Jahren bekannt ist. Das Werk wechselte dennoch für Millionenbeträge den Besitzer.
    foto: standard/repro

    1917 soll Egon Schiele dieses Werk gemalt haben. Definitiv nein, sagen Schiele-Experten, denen diese Fälschung seit 22 Jahren bekannt ist. Das Werk wechselte dennoch für Millionenbeträge den Besitzer.

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