"Wir Roma trauen uns zu wenig zu"

Video7. April 2013, 12:00
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Am 8. April vor 20 Jahren wurden Roma und Sinti in Österreich offiziell als Volksgruppe anerkannt. In dieser Zeit und vor allem nach dem Bombenattentat von Oberwart hat sich einiges verändert. Formen von "Zigeunerfeindlichkeit" gibt es aber nach wie vor

Wien - Alfred Gusenbauer, Ostbahn-Kurti, Heinz Fischer und Erika Pluhar. Sie alle haben sich mit Moša Šišic verewigen lassen. Arm in Arm mit ihm lächeln sie von zahlreichen Fotos in seiner Wohnung. "In Serbien hätte ich nie so viel erreicht", sagt Šišic. "Als Rom in der Gesellschaft von Politikern und Promis - niemals!" 

Fast 20 Jahre sind es nun, seit der Musiker mit seiner Frau Jasmina aus Belgrad zurück nach Wien gekommen ist, wo er seine Jugend verbracht hat. 20 Jahre sind es heuer, dass Roma und Sinti als Volksgruppe in Österreich anerkannt sind. Eine große, wichtige Sache sei das gewesen, sagt er. "Es hat uns Wertigkeit gegeben."

Romy für "Gypsy Spirit"

Mittlerweile ist Šišic längst etabliert. Er spielt ebenso im "Musikantenstadl" wie auf Ö1. Eine schwere goldene Romy thront im Regal; die erhielt er 2011 gemeinsam mit Harri Stojka für den Film "Gypsy Spirit", für den er wochenlang in Indien unterwegs war. Sicherlich einer der Höhepunkte im Leben des 54-Jährigen.

Angefangen hat Šišicauf einer Baustelle in Österreich, ein typischer Karriereweg, den Angehörige der Roma oder Sinti oft beschreiten. "Wir Roma trauen uns zu wenig zu", sagt er eindringlich zu seinem Neffen Momčilo Nikolić.

Nikolić, 32, ist ebenfalls eine Ausnahme von der Regel: Bald wird er Politikwissenschaft auf der Uni abschließen, derzeit besucht er die Biber-Akademie für Nachwuchsjournalisten. Dass viele Roma Musiker werden, ist nicht nur ein Klischee. Viele seiner Cousins würden so ihr Geld verdienen und auf den Durchbruch warten.

Nikolić auf der Suche nach dem Selbstbewusstsein der Roma

Musik: Moša Šišic

Mehr Vorbilder benötigt

"Diese Gabe ist ein Geschenk", meint Šišic. "Steht uns die Musik im Weg, anders erfolgreich zu sein?", will Nikolić von ihm wissen. "Möglicherweise", antwortet dieser nach einer kurzen Pause. "Musik sollte nicht unsere einzige Wertigkeit bilden."

Bremst das musikalische Talent der Roma eine mögliche andere Karriere aus, will Nikolić von seinem Onkel wissen.

Vor allem die Frauen verlassen früh die Schule, heiraten jung, werden bald darauf Mütter. "Wenn unsere Kinder keine gute Ausbildung bekommen, ist das unsere Schuld", klagt Šišic an. In anderen Ländern Europas, etwa der Slowakei oder Rumänien, werde Romakindern der Zugang zu Schulen oft verwehrt. "Hier in Österreich können sie zur Schule gehen. Wir brauchen vor allem mehr Vorbilder, wir sind ja nicht dümmer als andere Menschen."

Offiziell wird nicht gezählt, welcher Volksgruppe Schüler in Österreich angehören. Dass es dennoch irgendwie erfasst wird, davon ist Andrea Härle vom Romano Centro überzeugt. "Ich höre immer wieder, dass Roma und Sinti in Wiener Sonderschulen überrepräsentiert sind."

Verbesserung in den vergangenen 20 Jahren

In den vergangenen 20 Jahren habe sich dennoch vieles an der Situation der Volksgruppe verbessert, etwa die Volksgruppenförderung, mithilfe derer Lernhilfe und Roma-Schulmediation finanziert werden können.

Der Bombenanschlag von Oberwart im Jahr 1995, bei dem vier Roma durch eine Sprengfalle des Attentäters Franz Fuchs getötet wurden, habe auch positive Aufmerksamkeit erzeugt. Antiziganismus, die gezielte " Zigeunerfeindlichkeit", bestehe jedoch weiterhin, betont Härle.

In Österreich ein Randthema

Der zunehmende Hass, der Roma und Sinti vor allem in Ungarn, aber auch in Frankreich oder Italien entgegenschlägt, beunruhigt Nikolić und seinen Onkel. "Es gibt Angriffe und Attacken auf Romasiedlungen, bei denen unter anderem Frauen und Kindern angezündet wurden. In österreichischen Medien ist das nur ein Randthema", sagt Nikolić.

Die Klischees und Stereotype änderten sich nur langsam. "Immer noch ist von bettelnden, stehlenden Zigeunern die Rede", sagt Nikolić. "Wobei ich es schade finde, dass der Begriff Zigeuner deswegen ausstirbt", meint Šišic. "Das Wort strotzt in seinem Ursprung vor Kraft und Magie." (Text: Julia Herrnböck, Video: Maria von Usslar, DER STANDARD, 6./7.4.2013)

Video-Interviews mit Momčilo Nikolić und Moša Šišic

© Musik von Moša Šišic

  • Erfolgreich mit Musik: Moša Šišic.
    foto: maria von usslar

    Erfolgreich mit Musik: Moša Šišic.

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