"Ich bin kein begeisterter Anhänger Putins"

Interview5. April 2013, 17:15
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Im Mai geht Russlands erster öffentlich-rechtlicher Fernsehender OT an den Start. Generaldirektor Anatoli Lyssenko über die Aufgaben des Fernsehens und die Rolle der Zivilgesellschaft

STANDARD: Sie haben Anfang der 90er die staatliche Rundfunkanstalt WGTRK aufgebaut. Wie war die Situation damals?

Lyssenko: Bei der Gründung von WGTRK musste das Feld erst einmal vom sowjetischen Erbe befreit und ein eigenes russisches Fernsehen neu geschaffen werden. Was das ist, war völlig unklar. Was wir in den 90er Jahren gemacht haben, war eine Mischung aus Anti-Bolschewismus, Romantik und Irrwegen.

STANDARD: Welchen Stellenwert hatte das damals?

Lyssenko: Damals war es für den Staat absolut wichtig. Es ist kein Zufall, dass die Schaffung eines eigenen Fernsehens das zweite Gesetz war, das der Oberste Sowjet erließ – gleich nach dem Gesetz über die staatliche Souveränität. Es war quasi das Symbol der Unabhängigkeit, denn so paradox es klingt, Russland hatte im Gegensatz zu allen anderen Unionsrepubliken kein eigenes Fernsehen. Alle haben deshalb auf dieses Fernsehen gewartet und wollten dabei mitarbeiten.

STANDARD: Woran lässt sich das festmachen?

Lyssenko: Ein Beispiel: Wir sollten für das Finanzministerium ausrechnen, wie viel wir für den Aufbau des Senders brauchen. Als wir dann unsere Rechnungen vorlegten, fragten die Experten aus dem Ministerium: „Ist das nicht ein bisschen wenig?“ Es ist das einzige Mal, dass ich so etwas im Finanzministerium gehört habe. Sonst ist es denen immer zu teuer. Wir haben also damals 15 Prozent mehr erbeten und sind auf den Rubel genau hingekommen.

STANDARD: Welches Interesse gibt es am neuen Sender OT?

Lyssenko: Ich kann nicht sagen, dass es heute eine besonders große Nachfrage nach dieser Art Fernsehen gibt. Einerseits haben wir uns mit der Schaffung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verspätet. Andererseits sind wir unserer Zeit voraus, denn meiner Meinung nach sollte öffentliches Fernsehen von der Zivilgesellschaft gemacht werden und die gibt es in Russland noch nicht. Der Wagen ist damit also vor das Pferd gespannt. Ich war daher auch erst gegen die Gründung von OT. Aber erstens habe ich meinen Standpunkt inzwischen ein wenig geändert und zweitens wurde ich ernannt und muss nun meine Pflicht erfüllen. Ich habe mich nicht um den Posten gerissen, aber man hat mich nicht gefragt. Mir wurde einfach mitgeteilt, dass ich ernannt wurde.

STANDARD: Sie hätten absagen können.

Lyssenko: Mir wurde gesagt: „Wir haben lange nachgedacht und keinen anderen gefunden“, deswegen sei ich ernannt. Wissen Sie, der von mir sehr verehrte ehemalige Zentralbankchef Viktor Geraschtschenko, hat sich einmal bei den Präsidentschaftswahlen beworben. Als er gefragt wurde, warum, sagte er: „Wahrscheinlich, weil ich ein Dummkopf bin“. Bei mir ist es genauso. Es ist wohl ein bisschen Abenteuerlust. Ich wollte mich im Alter noch einmal an etwas Neuem versuchen. Mir schien das interessant. Dass es so schwer würde, hatte ich allerdings nicht gedacht. Die Entscheidung für die OT-Gründung ist zwar gefallen, aber wer es braucht, ist unklar. Ich bin nicht sicher, dass die Bevölkerung OT sehr braucht. Sie versteht gar nicht, was das ist.

STANDARD: Welches Konzept verfolgen Sie mit dem Sender?

Lyssenko: Ich bin kategorisch gegen einen scharf oppositionellen Sender. Die Opposition sollte eine Position und Ideologie haben. Die fehlt ihr. Die Losung: „Weg mit dem blutigen Regime Putins“ ist keine Ideologie. Ich bin kein begeisterter Anhänger Putins und ich glaube auch nicht an die Kremlpartei, die allein nach dem Führerprinzip aufgebaut ist. Aber für Putin hat die Mehrheit – über die Prozentzahl kann man streiten – gestimmt. Ich sehe zudem keine anderen Führungspersönlichkeiten – auch nicht bei der Opposition, obwohl ich einige Oppositionsführer sehr achte.

STANDARD: Sie haben gesagt, was Sie nicht wollen. Aber was wollen Sie zeigen?

Lyssenko: Ich will ein Fernsehen machen, das den Menschen zeigt, was Zivilgesellschaft ist. Womit beginnt sie? Mit einem Präsidentendekret? Das ist typisch russisch: Ein Präsidentendekret zur Schaffung der Zivilgesellschaft. Eine Zivilgesellschaft muss wachsen. In Großbritannien hatte sie Jahrhunderte, in Deutschland Jahrzehnte. Unsere Mission ist es, aufzuklären und zu propagieren. Heute entstehen die ersten Keime einer Zivilgesellschaft. Das sind freiwillige Helfer bei Bränden und Überschwemmungen, Altenpfleger. Selbst Vereinigungen, die alte Leute zusammenbringen – zum Tanzen und manchmal auch zum Heiraten sind doch auch Teil der Zivilgesellschaft. Darüber wollen wir erzählen.

STANDARD: Ist so ein Sender bei den Zuschauern gefragt?

Lyssenko: Ich weiß es nicht. Das hängt von der Qualität ab. Bei unserer Umfrage hat sich kaum einer neue Krimis oder Schlagersendungen gewünscht. Dafür sagten 20 Prozent der Befragten, sie würden gern erklärt haben, wie der staatliche Mechanismus funktioniert, also wie Duma oder Regierung arbeiten. Das haben wir nicht erwartet. Die Leute wollen etwas über das Leben in der Provinz erfahren und unterschiedliche Standpunkte hören. Das alles wird es geben, auch Programme über Kultur und Wissenschaft. Aber das wichtigste Thema wird die Selbstorganisation der Gesellschaft sein.

STANDARD: Sie bekommen Geld vom Staat. Wird es Reklame geben und werden Sie sich irgendwann über Gebühren finanzieren?

Lyssenko: Da ich schon ziemlich alt bin, mache ich keine langen Pläne mehr. In meiner Zeit werden wir wohl über den Haushalt finanziert. Aber ich sehe diese Finanzierung nicht als Geld vom Kreml – es sind unser aller Steuergelder, die nur von der Regierung umverteilt werden. Produktreklame wird es nicht geben, möglicherweise aber soziale Reklame für Projekte und Organisationen. (André Ballin/DER STANDARD, 6./7.4.2013/Langfassung)

Anatoli Lyssenko (76) ist russischer TV-Journalist. 1987 wurde er Leiter der Sendung "Wsgljad", die zum Symbol der Perestroika wurde. 1990 war er Gründer und erster Generaldirektor der Rundfunkanstalt WGTRK. Er wurde 2012 vom Präsidenten zum Chef des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders OT ernannt.

  • Es muss nicht immer Putin sein. Der Sender OT stellt die Zivilgesellschaft in den Fokus.
    foto: epa/vakayev

    Es muss nicht immer Putin sein. Der Sender OT stellt die Zivilgesellschaft in den Fokus.

  •  Generaldirektor Anatoli Lyssenko.
    foto: sergej warschawtschik

     Generaldirektor Anatoli Lyssenko.

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