"Nichtwillkommenskultur" und Bürokratie für ausländische Studierende

  • Die Situation ausländischer Studierender wurde bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag erörtert.
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    Die Situation ausländischer Studierender wurde bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstag erörtert.

Rot-Weiß-Rot-Karte, Einkommenshürden und Finanzierungsprobleme: Eine Diskussion beleuchtete die Situation ausländischer Studierender

Natalia Zambrano Jaramillo hat zwei Studien absolviert und stand Ende Februar dennoch kurz vor dem Verlassen Österreichs. Der Grund: Sie hatte keinen Job in der notwendigen Einkommenshöhe für die Rot-Weiß-Rot-Karte gefunden. Für die Ausstellung der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für qualifzierte Personen braucht man ein Einkommen von 1.998 Euro.

Nötig ist außerdem ein regelmäßiges Anstellungsverhältnis. Werkverträge, Projekte oder mehrere kleinere Jobs werden nicht angerechnet. Gerade für Absolventen geistes- oder sozialwissenschaftlicher Studien sind Einstiegslohn und Festanstellung selten erreichbar. Mittlerweile hat sich die Situation für Zambrano geklärt. Sie hat einen Job gefunden, der ihr den notwendigen Verdienst bringt.

Podiumsdiskussion

Das Erlangen der Rot-Weiß-Rot-Karte ist nur eine von vielen Hürden für ausländische Studierende und Absolventen aus EU-Drittstaaten. Andere sind die Berufstätigkeit neben dem Studium, der Einkommensnachweis für das Visum und der Umstand, dass ein Bachelor-Abschluss für die Rot-Weiß-Rot-Karte nicht anerkannt wird.

"Ich freue mich, dass ich das Thema in die Öffentlichkeit bringen konnte", sagte Natalia Zambrano am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion der NGO ZARA in der Wiener Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz. Ihre Geschichte verhalf den Nöten ausländischer Studierender und Absolventen in den vergangenen Wochen zu mehr Gehör.

"Es ist auf keinen Fall ein Einzelfall. Ich bin froh, dass der Fall so viel Aufmerksamkeit bekommen hat", sagte Julia Freidl vom Sozialreferat der Bundes-ÖH und Spitzenkandidatin des VSStÖ bei der nächsten ÖH-Wahl. "2.000 Euro sind nicht die Realität für Studienabsolventen. Wenn man sich anschaut, wie wenige Rot-Weiß-Rot-Karten vergeben wurden, dann muss man etwas ändern."

"Steinige Hürde"

"Wir hören, dass die Einstiegsgehälter nicht ausreichen. Es besteht diese steinige Hürde", bestätigte Ingrid Wadsack-Köchl, im Wissenschaftsministerium für Hochschulrecht zuständig. Allerdings müssten Sozial- und Innenministerium hier die Ansprechpartner sein: "Sollten wir die guten Studierenden halten wollen, dann müssen wir an dieser Schraube drehen."

Ein Problem von ausländischen Studierenden ist jedoch nicht nur der Verbleib in Österreich nach dem Abschluss. Schon vor und während des Studiums müssen sie rund 460 Euro pro Monat im Voraus nachweisen, um ein Visum zu bekommen. Ist man mehr als 24 Jahre alt, erhöht sich der nachzuweisende Betrag auf rund 840 Euro im Monat. Die Studierenden hätten bei dem Nachweis der Mittel oft Probleme, sagte Rukiye Eraslan vom Referat für ausländische Studierende der ÖH. Für viele sei die Finanzierung auch deshalb ein Problem, weil sie zumindest während des Bachelor-Studiums nur unter der Geringfügigkeitsgrenze arbeiten dürfen. 

"Nichtwillkommenskultur"

Ausländische Studierende hätten keinen Zugang zum Beihilfensystem, kritisiert Freidl. "Das Einzige, was wir machen können, sind Zahlungen aus dem ÖH-Sozialfonds. Das ist aber auch keine Dauerlösung." Auch im Wissenschaftsministerium gebe es Sondermittel für Härtefälle, sagte Wadsack-Köchl. "Dass alle in den Genuss der Förderungen kommen, das ist nicht möglich."

Zugang zur Rot-Weiß-Rot-Karte für Akademiker haben derzeit nur Magister- und Master-Absolventen, Personen mit Bachelor-Abschluss haben keinen Anspruch. "Wir fragen uns schon sehr lange, warum immer mehr Hürden aufgebaut werden. Man freut sich einerseits über ausländische Studierende und legt ihnen dann Steine in den Weg. Auch Bachelorabsolventen sollten Zugang zur Rot-Weiß-Rot-Karte haben", so Freidl. "Diese Nichtwillkommenskultur und bürokratische Hürden sind ein Problem für ausländische Studierende."

"Rot-Weiß-Rot-Karte muss ausgeweitet werden"

"Die Rot-Weiß-Rot-Karte muss ausgeweitet werden", fordert Eraslan. Das Einstiegsgehalt müsse dazu herabgesetzt oder branchenüblich angepasst werden. Nicht nachvollziehbar sei auch, dass ausländische Bachelorstudierende nur zehn Stunden in der Woche arbeiten dürfen, Masterstudierende jedoch das Doppelte, so Freidl. Mehr erlaubt das Studierendenvisum nicht.

Diese mangelnde Arbeitserfahrung kann für die ausländischen Studierenden später zum Problem werden. "Während meiner Studienzeit durfte ich maximal geringfügig arbeiten. Aufgrund fehlender Arbeitserfahrung habe ich auch keinen Job gefunden", so Zambrano.

Für Zambrano ging die Sache - auch durch mediale Unterstützung - gut aus. Doch was nun? "Ich starte gerade neu, gleichzeitig habe ich aber auch den Druck, dass ich den Arbeitgeber nicht verlieren darf." (seb, derStandard.at, 5.4.2013)

Info

  • Eine Aufzeichnung der Diskussion ist in einigen Tagen auf www.ichmachpolitik.at zu sehen und wird auch auf OKTO ausgestrahlt.
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