Wahlkampf mit Peer Steinbrück: Keine Blöße im Bällebad

Reportage5. April 2013, 05:30
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Pleiten, Pech und Pannen - so sah der Wahlkampf von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bisher aus. Fünf Monate vor der Wahl macht er einen neuen Anlauf, gibt sich dabei selbstironisch und zeigt doch deutlich: Finanzpolitik liegt ihm mehr als soziale Themen.

Heiß ist es im Probenraum des Deutschen Theaters in Berlin und schummrig. Um zwölf Uhr Mittag riecht es schon wie im Giraffenhaus des Schönbrunner Zoos, der Raum ist völlig überfüllt.

Dennoch steht Peer Steinbrück vor einem intimen Moment. "Ich darf dich doch duzen?", fragt Schauspielschülerin Antonia und erkundigt sich sicherheitshalber noch: "Pierre oder Peer?" Dann kommt es noch besser: Peer soll sich mit ihr ins Bällebad legen, ein Schwimmbecken, das mit Plastikkugeln gefüllt ist.

Er tut es, ohne zu zögern. Denn dies hier ist nicht einfach ein Wahlkampftermin. Es soll nach der Osterpause der Beginn eines besseren Wahlkampfes sein - in dem der SPD-Kanzlerkandidat sich von seiner menschlichen Seite zeigt, keine Fehler mehr macht und vor allem endlich Boden gegenüber der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel gutmacht.

Fünfeinhalb Monate vor der Bundestagswahl liegen CDU/CSU bei 40 Prozent, die Sozialdemokraten nur bei 29. Bei der persönlichen Beliebtheit rangiert Steinbrück weit hinten: 27 Prozent der Deutschen wollen ihn als Kanzler, für Merkel sprechen sich hingegen 62 Prozent aus.

Keine Auskunft zum Wein

Da liegt Peer also nun im Bällebad und wird von Antonia befragt, welche drei Dinge er in die Zukunft mitnehmen wolle. "Ein Taschenmesser, 'Krieg und Frieden' von Tolstoi und eine Flasche Rotwein", sagt er. Welchen Rotwein, will die 19-Jährige wissen. Bei Aldi gebe es ja recht billigen.

"Nee, nee", schnarrt es da energisch aus dem Plastikbecken, "zu Marken sage ich nichts, und über Preise rede ich schon gar nicht mehr." Klippe umschifft. Im Dezember hatte Steinbrück noch erklärt, Pino Grigio unter fünf Euro die Flasche würde er nicht trinken. War nicht gut angekommen. Genauso wenig wie seine Forderung nach einem höheren Kanzlergehalt oder seine Aussage, wonach die Italien-Wahl "zwei Clowns" (Beppe Grillo und Silvio Berlusconi) gewonnen hätten.

Ein Lied für die Zukunft darf sich Steinbrück dann noch wünschen. Es ist "Walk on the Wild Side" von Lou Reed. Gelächter im Raum. Wahrscheinlich hat der Kanzlerkandidat schon den nächsten Termin im Kopf.

"Klartext mit Peer Steinbrück", heißt diese Veranstaltung. Bürger dürfen Fragen stellen, Steinbrück antwortet. In der SPD-Zentrale hat man davor ein wenig Angst. Denn Steinbrück hat immer wieder klargemacht: Ich bin, wie ich bin, ich verbiege mich nicht.

Wie er denn für mehr Steuergerechtigkeit sorgen wolle, fragt ihn jemand. " Reden wir über Steueroasen. Das ist meine Spezialität" sagt Steinbrück, zeigt sein Wolfsgrinsen und fügt hinzu: "Es gibt viele, die darauf warten, dass ich wieder eine erhellende Formulierung dazu beitrage."

"Keine depperte Idee"

Vor einigen Jahren hatte er noch die Kavallerie in die Schweiz schicken wollen und Österreich mit Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, verglichen. Dergleichen lässt er diesmal bleiben. Doch er sagt, es sei " keine depperte Idee" gewesen, den Druck auf Länder zu erhöhen, in denen viel deutsches Schwarzgeld liege. Steinbrück: "Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt, sondern Betrug." Daher wolle er als Kanzler auch den automatischen Datenaustausch zwischen Staaten forcieren.

Überhaupt könnte er jetzt "ein umfängliches Seminar" über Steuerpolitik halten. Alle anderen Parteien würden ja Steuersenkungen versprechen. Er jedoch erklärt: "Ich sage es klipp und klar, und nicht verschämt: Wir wollen einige Steuern für einige erhöhen." Der Spitzensteuersatz soll von 42 auf 49 Prozent steigen, auch eine höhere Kapitalertragsteuer plant die SPD.

Einladung in Studenten-WG

Steinbrück ist in seinem Element. Er geht auf und ab, spricht frei und ohne "Äh", verhaspelt sich kein einziges Mal. Das gelingt ihm auch, als er auf den Pflegenotstand zu sprechen kommt. Doch diesen Teil ("Dienstleistung am Menschen muss mehr geschätzt werden") spult er hurtig herunter.

Ein Genosse möchte über Behinderte sprechen und sagt unverblümt: "Peer, ich hab dir den Artikel aus der Menschenrechtskonvention kopiert und mitgebracht, weil ich weiß, dass du davon keine Ahnung hast."

Da lachen alle im Saal - außer Steinbrück. Der wird erst wieder heiter, als ihn eine Studenten-WG einlädt, eines seiner "Wohnzimmergespräche" bei ihr abzuhalten. Für Bier und Kartoffelsalat sei gesorgt. Er sagt zu und erklärt auch gleich, warum: "Ich war bisher immer nur bei Leuten meiner Generation." Aber die seien kein Multiplikator, weil sie nicht twittern und mailen. Steinbrück: "Die sagen immer nur: 'Schön, dass Sie da waren' - und das war's dann." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 5.4.2013)

  • Entspannt im Bällebad: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lässt im Wahlkampf keinen Versuch der Kontaktaufnahme aus.
    foto: michaelis

    Entspannt im Bällebad: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lässt im Wahlkampf keinen Versuch der Kontaktaufnahme aus.

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